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Kritik zu „Tenet“: Geisterfahrer auf der Zeitachse

Kritik zu „Tenet“ : Geisterfahrer auf der Zeitachse

Mit „Tenet“ präsentiert Christopher Nolan seinen „Bond“. Nur etwas komplexer.

„Schnitzeljagd in Raum und Zeit“, so könnte man das neue Agenten- und Actionspektakel von Christopher Nolan auch nennen. Doch das Palindrom „Tenet“ (auf Deutsch: Grundsatz) hört sich schon besser an. Mit dieser lang erwarteten Auferstehung des lauten Hollywood-Blockbusters präsentiert der gefeierte „Memento“-, „Dark Knight“- und „Inception“-Regisseur seinen „Bond“: von der grandiosen Eröffnung mit einem Anschlag auf ein voll besetztes Opernhaus über die vielen reizvollen Schauplätze (Tallin, Amalfi-Küste, Oslo, Mumbai, Dänemark und Kalifornien) bis zu endlosen Actionszenen.

In die Bewerbung für die britische Agentenreihe mit John David Washington als namenlosem Protagonisten schleicht sich allerdings schon früh eine Irritation. Für Sekunden bröckelt der Putz im Opernhaus entgegengesetzt zur Gravitation. Aber es dauert fast eine Stunde mit reichlich Erklärungen und kleinen Kunststückchen, bis der besondere Agent erfährt, dass immer mehr Gegenstände aus der Zukunft auftauchen, die sich in der Zeit rückwärts bewegen.

Inversion, Umkehrung, wird das Phänomen genannt und ist Teil eines Angriffs der Zukunft auf die Gegenwart. Die Kugel, die vom Tisch in die Hand hochfliegt, ist das eine. Die Kugel, die aus der Wand zurück in den Revolver knallt, schon spektakulärer. Dass dann Autos und auch Menschen sich entgegengesetzt zur Einbahnstraße des Zeitverlaufs bewegen und Einschusslöcher von einem Überfall erzählen, der erst gleich stattfinden wird, bedeutet noch nicht den Höhepunkt für Nolan. Erst muss sich der Protagonist selbst auf beiden Zeitschienen bewegen, bevor das Gegeneinander von Vor und Zurück hochkomplex ausgefochten werden kann.

Die unmöglichen Grafiken von M. C. Escher, in denen ein Mann gleichzeitig eine Treppe auf- und abwärtsgeht, sollen Vorbild für Nolan gewesen sein. Wer hier schon verständnismäßig die Segel streicht, dem kommt der Film früh entgegen: „Don’t try to understand it, feel it“! (Versuche nicht, es zu verstehen; fühle es), meint eine Technikerin. Was bei der plotmäßig sehr simplen Schnitzeljagd, die immer zu enorm aufwendigen Überwältigungsspektakeln führt, kein Problem ist.

Neben der Geisterfahrerei auf der Zeitachse bietet der Actionthriller eine Liebesgeschichte des Protagonisten zur Frau (Elizabeth Debicki) des sehr bösen Schurken (Kenneth Branagh). So packend, dass man sich die Fingernägel abkaut, ist das nicht. Aber „Tenet“ beeindruckt zumindest so sehr, dass man nach dem Kino eine Weile verstärkt auf rückwärtsfahrende Autos achtet. Das kitzelt angenehm im Hirn, aber das Finale der geschätzt 200 Millionen Dollar teuren Produktion bietet im Prinzip nur das gleiche alte „Wer hat an der Uhr gedreht?“. Da war Nolan mit seinem ersten Erfolg „Memento“, bei dem es Szene für Szene zurück in die Zeit und die Erinnerung ging, tatsächlich innovativer.

(Aachen: Apollo (engl. OmU), Cineplex, Eden, Capitol; Alsdorf: Cinetower; Düren: Lumen; Erkelenz: Gloria; Eschweiler: Primus; Heerlen: Quatro; Kerkrade: Vue)

„Tenet“ (USA, Großbritannien 2020), Regie: Christopher Nolan, mit John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debicki, 150 Min., FSK: ab 12