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Drama „Capernaum“: Ein Oscarbeitrag aus dem Libanon

Drama „Capernaum“ : Ein Oscarbeitrag aus dem Libanon

Kinder spielen mit Gewehren, gebaut aus Holzlatten, Krieg. Wenn sie nicht an der Straße irgendeinen Kram verkaufen oder im Falle der Mädchen selbst verkauft werden, sobald sie fruchtbar sind. „Capernaum“, der den Preis der Jury bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes erhielt, taucht direkt und äußerst packend in ein Flüchtlings- und Elendsviertel von Beirut ein.

Das erschütternde Meisterwerk der bekannten libanesischen Regisseurin Nadine Labaki („Caramel“) klagt zusammen mit dem zwölfjährigen Zain an: „Wieso habt ihr mich auf diese Welt gebracht?“

Zain ist ein gewitzter kleiner Junge mit eigenem Kopf. Was auch die herrlich wilden Haare widerspiegeln. Zusammen mit der Mutter schmuggelt er Drogen ins Gefängnis und kümmert sich um seine jüngere Schwester. Als die das erste Mal ihre Tage bekommt und an einen älteren Mann verkauft wird, haut Zain von „zu Hause“ ab, was man aber kaum als ein Zuhause bezeichnen kann.

Zain findet bei einer jungen Mutter aus Äthiopien Unterschlupf, die versteckt ohne Papiere arbeitet. Mit seinen tollen Ideen passt er auf ihr Baby auf. Aus einem Skateboard, das er anderen Kindern wegnimmt, und einem Kochtopf baut er einen Kinderwagen, um wieder Drogen zu verkaufen.

Doch diesmal ist selbst der kleine Junge mit dem zu erwachsenen Blick überfordert. Ein übler Händler bietet ihm für das Baby 500 Dollar und eine angebliche Luxus-Reise per Boot nach Europa an. Regisseurin Nadine Labaki schneidet in einer spannenden Konstruktion das Gerichtsverfahren dazwischen, in dem Zain seine Eltern anklagt. Während er selbst wegen einer blutigen Gewalttat für fünf Jahre im Gefängnis sitzt. „Capernaum“ bezeichnet im Hebräischen einen Ort voller Chaos. Das ergreifende Drama wurde tatsächlich aufwändig vor Ort gefilmt. Mit viel Atmosphäre in einer lauten und quirligen Stadt. Kein Wunder, dass in den euphorischen Besprechungen der Begriff „dokumentarisch“ fällt.

Es ist ein lebendiger Querschnitt durch eine Gesellschaft mit unfassbar vielen Flüchtlingen, der das Elend der „Papierlosen“ spürbar macht. „Capernaum“ zeigt den Neorealismus wieder neu, zeitgemäß. Das Elend, den Job zu verlieren, weil Diebe das Fahrrad klauen, wäre unter den Flüchtlingen ein Luxus. Es ist schwer erträglich mitzuerleben, wie die schreiende kleine Schwester zu ihren Käufer gezerrt wird. Es gibt aber den sehr komischen Versuch, die Ausländerbehörde mit dem libanesischen Cousin vom Spiderman, der Kakerlaken-Mann, reinzulegen. In einer Welt mit Kinderschändern, Menschenhändlern und an diesen Geschäften beteiligten Eltern, kann man mit dem gewitzten Kerlchen Zain weinen und immer wieder lachen.

Neben dem unfassbar guten Laien-Darsteller ist auch großartig, wie die Bild- und Tonspuren montiert wurden, um die Wirkung zu verstärken. Zusätzlich zum hoffnungsvollen Ende des Films gibt es auch im wahren Leben ein Happy End: Der Hauptdarsteller, der syrische Flüchtlingsjunge Zain Al Rafeea hat mit seiner Familie mittlerweile in Norwegen Asyl erhalten.

Capernaum - Stadt der Hoffnung Libanon, Frankreich, USA 2018 (Capharnaüm) Regie: Nadine Labaki, Zain Al Rafeea, Yordanos Shiferaw, Boluwatife Treasure Bankole 123 Min.

Ab 17. Januar in Aachen: Apollo