„The Favourite“: Ein Film mit sehr guten Oscar-Chancen

„The Favourite“ : Ein Film mit sehr guten Oscar-Chancen

Singles, die zu Tieren werden. Ein Miet-Service für liebe, falsche Familien-Mitglieder. Ein Arzt, der wegen eines Behandlungsfehlers Frau oder Kind opfern muss. Das waren die letzten Themen des international angesagten, griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos. Und nun zwei Hofdamen, die um die Gunst der Königin Anne buhlen.

Ja, Lanthimos verfilmte erstmals nicht sein eigenes Buch und wird in seinem bravsten Film „The Favourite“ zum Oscar-Favorit.

Sie wirkt harmlos, die gefallene Adelige Abigail (Emma Stone), die mit 15 Jahren vom Vater in einem Kartenspiel an einen fetten Deutschen verkauft wurde. Aber sehr zielgerichtet arbeitet sie sich tatsächlich aus dem Schlamm schnell in die Nähe der kranken Königin Anne Stuart (1665-1714).

Angestellt wurde Abigail von ihrer Verwandten Lady Sarah (Rachel Weisz), der engsten Vertrauten der Königin. Lady Sarah kümmert sich um den Krieg mit Frankreich, die Steuergesetze, die Gemütsverfassung der Herrscherin und auch um deren sexuelle Befriedigung. Dabei weist die eigentliche Herrscherin die Königin – ein körperliches und seelisches Wrack – wegen schlechter Schminke wie ein kleines Kind zurecht. Hier sind Wortgefechte schärfer als Degenduelle, auch wenn die Favoritin Lady Sarah und die Aufsteigerin in ihrer Freizeit scharf auf Tauben schießen. Formvollendet sind Politik und Diplomatie noch nicht. Vom Palast ist es außerdem nicht weit vom Schweinestall. Diese Relation spiegelt sich auch im Verhalten des Adels wider. Und für die Frauen ist es kein weiter Weg vom Bordell zum Thron. Im Falle von Abigail ist es das Bett der Königin, in das sie sich bald legt.

Mit vielen Weitwinkel-Aufnahmen gibt Yorgos Lanthimos seinem Historien-Film einen Hauch von Kubriks „Barry Lyndon“. Auch ansonsten sollte man nicht das übliche üppige Kostümdrama erwarten. Diese Intrigen am Hof von Königin Anne vermittelt eher die realen Details damaliger Höfe, die mit Läusen unter den Perücken zu kämpfen hatten. Vom eigenen aus „The Killing of a Sacred Deer“ (2017), „The Lobster“ (2015), „Alpen“ (2011) und „Dogtooth“ (2009) bekannten Markenzeichen Lanthimos’, der kalten Zurschaustellung seiner noch kälteren Figuren in teils absurden Situationen, bleiben nur noch Entenrennen und nackte Adelige unter Frucht-Bewurf.

Das ist für Lanthimos-Fans zu viel höfische Intrige und Zickenkrieg bei zu wenig Absonderlichkeiten. Für Lanthimos-Verhältnisse wohlgemerkt! Dafür gibt es Raum für tolle Darstellerinnen: Alleskönnerin Emma Stone steht dieses besondere historische Drama ebenso gut wie ihre Komödien oder Action-Filme. Rachel Weisz dosiert ihr Können und wirkt zurückhaltend umso stärker. Beide gelten übrigens bei den Oscars als Nebendarstellerinnen, während Olivia Colman als Hauptdarstellerin nominiert ist. Scheinbar glaubt Hollywood noch an die Monarchie. Doch immerhin ist dieser zugänglichste und irgendwie uninteressanteste Lanthimos nach zwei großen Preisen in Venedig mit zehn Nominierungen der größte Oscar-Favorit.

Großbritannien, Irland, USA 2018 | Regie: Yorgos Lanthimos, mit Emma
Stone, Rachel Weisz, Olivia Colman, Nicholas Hoult 120 Min. FSK ab 12

Ab dem 24. Januar im Kino in Aachen: Apollo

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