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Drama „Wintermärchen“: Dreiköpfige Terrorzelle träumt von landesweiter Aufmerksamkeit

Drama „Wintermärchen“ : Dreiköpfige Terrorzelle träumt von landesweiter Aufmerksamkeit

„Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe“ - diese treffende Zeile des Ärzte-Songs „Arschloch“, verfilmt mit viel sexueller Verklemmung sowie unglücklichen und dummen Menschen, die Ausländer ermorden. Das ist über zwei Stunden lang „Wintermärchen“ von Jan Bonny.

Wenn man rechtsradikale Morde von NSU und Co. so erklären will, braucht man keine bessere Bildung und auch nachher keine Gerichte. Die Wiedereinführung der Freien Liebe reicht - liebt euch!

Ein Versager und eine hysterische Zicke. Er ist ein frustrierter Hanswurst mit Erektionsstörungen und unterdrückter Homosexualität. Sie keift und will es härter. Es macht keinen Spaß mehr. Irgendwas muss passieren, lass uns Leute im türkischen Supermarkt umbringen. Damit es wieder richtig knallt. Filmisch schlecht ausgeleuchtet, zeigt Jan Bonny mit seltsamster Psychologie anstrengend überzogene Aufgeregtheit. Lebt „das Proletariat“ immer so einem klebrigen Beziehungskrampf? Haben alle blonden Nazi-Frauen sexuelle Fantasien mit Schwarzen? Ist das ernst gemeint? Der dämliche Möchtegern-Aufreger „Wintermärchen“, dieser Softporno im NSU-Milieu, schafft es, dass diese Woche „Iron Sky 2“, ein Klamauk um Mond-Nazis, der gesellschaftlich relevantere Film ist.

„Wintermärchen“ feierte seine Weltpremiere beim Filmfestival von Locarno. Erzählt wird die Geschichte von Becky, Tommi und Maik, einer dreiköpfigen rechten Terrorzelle, die im Untergrund lebt und mordet. Wenn man rechtsradikale Morde von NSU und Co allerdings damit erklären will, dass Tommi Erektionsprobleme hat, von der hysterisch kreisenden oder depressiven Becky dauernd runtergemacht wird und Maik es beiden richtig besorgt, ist das absurd kurz gedacht. Wie unendlich naiv und unverschämt Jan Bonny argumentiert, ist eine Qual für den Verstand. Schmutzige Bilder und daueraufgeregtes Spiel tun zusätzlich weh.

BRD 2018 Regie: Jan Bonny, mit Jean-Luc Bubert, Thomas Schubert, Ricarda Seifried 129 Min. FSK ab 16