„Die rote Linie - Widerstand im Hambacher Forst“: Dokumentation porträtiert den Kampf mit Protagonisten des historischen Widerstands

„Die rote Linie - Widerstand im Hambacher Forst“ : Dokumentation porträtiert den Kampf mit Protagonisten des historischen Widerstands

Im Westen der Republik, zwischen Aachen und Düsseldorf zerschneidet der Braunkohle-Tagebau Hambach vom Energie-Konzern RWE als eine unfassbar große Brache die Landschaft. Am Rand dieser unüberblickbaren Narbe steht weiterhin der Hambacher Forst, ein sehr altes und einzigartiges Naturgebiet.

„Die rote Linie - Widerstand im Hambacher Forst“ ist das Zeitdokument über eine erstaunliche und historisch bedeutsame Bürgerbewegung, die den Hambacher Forst retten wollte und wahrscheinlich den Kohleausstieg enorm beschleunigt hat.

Regisseurin Karin de Miguel Wessendorf („Weniger ist mehr – Die Grenzen des Wachstums und das bessere Leben“) begleitete die Proteste von „Bürgern ohne Lobby“ seit 2015 und konzentriert sich auf vier dankeswerte Aktivisten und Betroffene: Der sympathische Baumbesetzer Clumsy mit den Piercings im Gesicht verkörpert eine entschlossene Sanftheit, die allerdings bei der Fragestellung über die Definition von Gewalt durchaus Zerstörung von Material für seine Klimarettung in Kauf nimmt. Einen anderen Weg geht der „Waldpädagoge“ Michael Zobel, der auf seinen legendären Waldspaziergängen den Ur-Wald erklärt. Von anfangs kleinen Grüppchen wuchsen seine komplett friedlichen Begehungen des Waldes zu Demonstrationen mit teilweise tausenden Menschen.

Lars ist mit seiner Familie mit seinen Kindern einer der letzten Bewohner in einem der Dörfer, die für den Energie-Hunger abgerissen werden. Die keinen „Heimatfresser“, die Bagger der RWE, reißen bereits verlassene Häuser ab. Mit rheinischem Zungenschlag erzählt der Familienvater teilweise unter Tränen, weshalb er an seiner Heimat festhält und sich nicht umsiedeln lässt. Der Abriss des Immerather Doms in seinem Ort gehört zu den großen emotionalen Szenen auf der recht langen Strecke des Films. Die Bürgerin und Politikerin Antje Grothus wird schließlich in der Kohlekommission ihre vor Ort begonnene Arbeit weiterführen. Es sind gute Porträts, die man auch intensiver hätte gestalten können.

Die Doku „Die rote Linie“ ist in einer extrem polarisierten Diskussion parteiisch, aber auch ein ethnographisches Dokument eines eindrucksvollen und erfolgreichen Widerstands der Bürger. Der Blickwinkel ist eindeutig einseitig, aber nicht eingeengt. Von anarchischen Rebellen bis erschütterten Bürgern zeigt sich ein breites Spektrum des Widerstands. Die Proteste kritischer Aktionäre bei der RWE-Hauptversammlung kommen ebenso vor, wie dramatische Aktionen bei Räumungen der Baumhäuser von den Waldbesetzern.

Die Chronologie der Ereignisse zeigt eine Eskalation des Konflikts sowie das Hin und Her unterschiedlicher Gerichtsurteile. Die großen Zusammenhänge von Klimakonferenzen oder das Nachdenken über den eigenen Energieverbrauch kommen nur am Rande vor und sind nicht Miguel Wessendorfs Thema. Weitergehende Gedanken über die teilweise Erosion des Rechtsstaates bei den Polizei-Einsätzen, die den Konzern RWE unterstützen, klingen nur an. Es sind die Protagonisten selbst, die sich über den Unterschied zwischen legal oder legitim Gedanken machen.

Bilder der Zerstörung von Landschaft und Kultur blitzen kurz auf, selbst bei eindrucksvolles Aktionen wie zum Beispiel der titelgebenden Menschenkette als „Rote Linie“ bleibt die Kamera lieber bei den Menschen, als „große Kinobilder“ zu suchen. Aber es ist die Wirkung dieser erschütterten und kämpferischen Menschen, es sind die fantastischen Baumhaus-Siedlungen als gelebte Utopie, welche „Die rote Linie - Widerstand im Hambacher Forst“ zu einem wichtigen und teilweise begeisternden Zeitdokument machen.

D 2019, Regie: Karin de Miguel Wessendorf, Kamera: Frank Kranstedt, Gerardo Milsztein, Ton: Ralf Weber, Ralf Gromann

Musik: Fabian Berghofer, Schnitt: Kawe Vakil,Laufzeit: 115 Min.

Aachen: Apollo