Deutscher Kinostart von „Synonymes“ von Nadav Lapid

Siegerfilm „Synonymes“ : Einzigartige Collage aus Mythos, Politik und Filmgeschichte

Der Gewinner des Goldenen Bären der diesjährigen Berlinale ist ein besonderer: Selten war die Begeisterung so einhellig und selten war es so schwierig, alle Qualitäten eines Siegerfilms zusammenzufassen.

„Synonymes“ von Nadav Lapid („Policeman“ 2011) atmet die leichte Nouvelle Vague eines Israeli in Paris, ist ein durchaus politischer Schelmenroman und die Entdeckung eines Schauspielers mit enormer Präsenz.

Nackt landet der Israeli Yoav (Tom Mercier) in Paris, nachdem ihm bei der Ankunft in einer leeren Wohnung auch noch die Klamotten geklaut werden. Kurz vor dem Erfrieren retten ihn Charlotte und Emile (Louise Chevillotte, Quentin Dolmaire). Das reiche junge Pärchen füttert den eigentümlichen Gast auch zukünftig mit Delikatessen, alter Luxus-Kleidung und Geldbündeln durch. Der senffarbene Mantel wird Yoav fortan durch Paris begleiten.

Der Exilant konjugiert bei seinen Gängen durch eine oft verregnete Stadt ohne sichtbare Sehenswürdigkeiten französische Begriffe durch. Die Synonyme des Titels. Für einfache Sprachübungen sind sie allerdings zu bedeutungsvoll. Radikal weigert er sich, noch ein Wort Hebräisch zu sprechen. Die Gründe müssen in seiner Militärzeit liegen, von denen er immer wieder blitzlicht-artig redet.

Besonders interessiert an diesen absurden Episoden ist der eingebildete Jung-Autor Emile, dessen langweiliges Leben keine Geschichten hergibt. Charlotte ist anderweitig an Yoav interessiert. Eine Weile bleibt es in der Schwebe, ob die beiden Dekadenten Geschwister oder Paar sind. Eine Konstellation wie in Bernardo Bertoluccis anderem Paris-Film „Die Träumer“ (Dreamers, 2003). Auf einer anderen Referenz-Ebene taucht die Kamera rau im Stil der Nouvelle Vague mitten in das Geschehen der Straße.

Im Rahmen seines Jobs als Sicherheitsmann für die israelische Botschaft kommt Yoav mit einem aggressiven Nationalisten zusammen, der die Menschen in der Metro provozierend mit der israelischen Nationalhymne ansingt. Beim Einstellungstest prügeln sich dieser im Anzug erst einmal. Das wirkt absurd, kann aber auch als Kommentar zur Weltpolitik durchgehen. Irgendwann hebt Yoav die Grenzen, zumindest am Konsulat auf. Er ist ein komischer Narr in seinen bunten Klamotten, auch wenn er fast nie lacht, könnte er lange als glücklicher Mann in seinem Exil gelten.

Dass diese ziellosen Passagen durch Paris so gut funktionieren, liegt auch am ausgezeichneten Hauptdarsteller, dem Debütanten Tom Mercier. Seine zurückhaltende Mimik zusammen mit der großen Körperlichkeit eines Tänzers machen neugierig auf die weitere Karriere dieses Schauspielers.

Nadav Lapid gelang mit „Synonymes“ eine einzigartige, reizvoll leichte, oft komische Collage aus Mythos, Politik und Filmgeschichte mit einigen absurden Handlungs-Ideen. Unbedingt sehenswert.

Frankreich, Israel, BRD 2018 Regie: Nadav Lapid mit Tom Mercier, Quentin Dolmaire, Louise Chevillotte 124 Min. FSK ab 12

(Aachen: Apollo)

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