Deutscher Kinostart von "Ein leichtes Mädchen" (Une fille facile)

Kinostart von „Ein leichtes Mädchen“ : Ein in vieler Hinsicht anderer Sommerfilm

Ein verträumtes Sommermärchen in Cannes, das mit klarer Schärfe die Schere zwischen Arm und Arm bloßstellt. Die Entscheidung eines jungen Mädchens, wo das Leben zwischen Prostitution und Alltags-Tristesse hingehen soll, wurde selten so anmutig dargestellt.

„Ein einfaches Mädchen“ ist ein faszinierender und in vieler Hinsicht anderer Sommerfilm. Das Leben von Naïma (Mina Farid) ist sonnig - weil ihre Mutter als Putzfrau schicke Ferienwohnungen in Cannes reinigt. Gerade feiert Naïma ihren 16. Geburtstag, hat die Schule abgeschlossen und könnte eine Ausbildungsstelle als Köchin bekommen.

Sie träumt aber von der Schauspielerei, die Freunde sammeln für einen Trip nach Paris. Da kommt unerwartet ihre ältere Cousine Sofia (Zahia Dehar) vorbei. Sie schenkt Naïma eine Chanel-Tasche und nimmt die stille Verwandte mit ins Luxusleben der Cote d’Azur. In einer Bar treffen sie auf zwei ältere Männer und verbringen die Nacht auf deren Yacht. Für Sex mit dem Bootseigner Andres (Nuno Lopes) darf sich Sofia im Schmuckgeschäft was Teures aussuchen.

Naïma und Sofia sind gründlich verschieden: Bescheiden und still schlägt das „einfache Mädchen“ des Original-Titels „Une fille facile“ meist die Augen nieder. Das „einfältige Mädchen“ Sofia - so könnte man auch übersetzen - hat mit angeblichen 21 Jahren ihr überbräuntes Gesicht schon mit Schönheitsoperationen entstellt. Die wahrscheinlich auch künstlichen Brüste holt sie provozierend bei jeder Gelegenheit raus. Der reiche Andres, der mit ihr ins Bett geht, macht sich ausgiebig über sie lustig.

Regisseurin Rebecca Zlotowski („Grand Central“ und „Belle Épine“) hingegen zeichnet diese Figur respektvoll. Dabei ist die Besetzung mit Zahia Dehar schon ein Thema für sich: Mit 17 Jahren war sie als „Escort-Girl“ Figur eines öffentlichen Skandals um den Fußballer Ribery, dann Muse von Karl Lagerfeld, schließlich Designerin.

Die Kamera, warmes Licht und die Musik von Chet Baker, Schubert oder Debussy geben den Mädels die Ausstrahlung von klassischen französischen oder italienischen Filmstars. Obwohl es das Alter hergibt, ist „Ein leichtes Mädchen“ meilenweit von französischen Sommer-Parties wie „La Boum – Die Fete“ entfernt. Wie Naïma die Verführungen protzig ausgestellten Geldes erlebt und ihnen letztlich mit Hilfe des klugen Freundes von Andres (Benoît Magimel) trotzt, ist ein besonderes Sommer-Märchen.

Rebecca Zlotowski gelingt eine sehr reizvolle Ästhetik, die der verführerischen Sommerstimmung Gefahr und Bitterkeit untermischt. Ausgerechnet im Hafen der Luxusjachten von Cannes, wo nebenan beim Festival der Film in einer Nebenreihe antrat, zeigen sich obszöne Brüche in der Gesellschaft. Die stillen Angestellten hält die Kamera dabei immer im Bild. Trotzdem, wenn es am Ende verschwindet, bekommt das Protz-Objekt Boot in dieser sehr außergewöhnlichen Geschichte fast den Hauch des Mythischen.

Frankreich 2019 (Une fille facile) Regie: Rebecca Zlotowski, mit Mina Farid, Zahia Dehar, Benoît Magimel, Lakdhar Dridi, Nuno Lopes 92 Min.

Aachen: Apollo

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