Raffinierter Stoff: Antifaschistisches Rechtsdrama „Der Fall Collini“ mit Elyas M’Barek

Raffinierter Stoff : Antifaschistisches Rechtsdrama „Der Fall Collini“ mit Elyas M’Barek

Von der Blödelkomödie „Fack ju Göhte“ zur klugen antifaschistischen Rechtsdrama - diesen Sprung müssen junge Fans von Elyas M’Barek jetzt überstehen: „Der Fall Collini“, dieser raffinierte Stoff des Erfolgsautoren Ferdinand von Schirach, übersteht mit guten Nebendarstellern eine überzogene Inszenierung.

Der frischgebackene Anwalt Caspar Leinen (Elyas M‘Barek) erhält als ersten Fall eine Pflichtverteidigung: Der 70jährige Italiener Fabrizio Collini (Franco Nero) hat mit großer Ruhe den angesehenen Großindustriellen Hans Meyer (Manfred Zapatka) erschossen und sich darauf der Polizei gestellt. Seitdem schweigt der Täter. Das Opfer ist als Industrieller nicht nur sehr prominent, es war auch Mentor des jungen Caspar und sein großzügiger Ersatz-Vater. Was der sehr unbedarfte Anwalt erst nachträglich erfährt - Meyer trug offiziell einen anderen Vornamen.

Unter sorgfältig düsterer Atmosphäre entwickelt sich die Handlung nun sehr langsam. Ein Schwedenkrimi hätte in der gefühlten Zeit schon drei Folgen um die Ecke gebracht. Wenn man weiß, was so alles auf jedem zweiten Sender ermittelt wird, wirkt erstaunlich, wie wenig Leinen nachfragt. Viele Leute sagen ihm derweil, was er tun soll. Unter anderem fällt der Klassiker des Gerichtfilms: „Man kann so jemanden nicht verteidigen.“ Doch mit Hilfe einer kessen Pizza-Fahrerin kommt der Nachwuchs-Jurist schließlich auf die Spur eines deutschen Kriegsverbrechens in einem italienischen Dorf.

Gerade als man denkt, das ist ja alles ganz furchtbar, wurde aber schon sehr oft und um einiges besser erzählt, überrascht „Der Fall Collini“ doch noch: Die Enttarnung eines sadistischen SS-Offiziers, der nahtlos auch in der BDR das Kommando hatte, ist Drama-Routine. Siehe „Music Box“, um nur ein herausragendes Beispiel zu nennen.

Dass im Handumdrehen nicht nur die Rechtsprechung, sondern auch die Gesetz-Schreibung unter Adenauer auf der Anklagebank sitzt, ist eine geniale weiterführende Wende des Jura-Literaten Ferdinand von Schirach. Im Kern des Dramas - und in der Realität - bescherte das „Dreher-Gesetz“ 1968 deutschen Kriegsverbrechern eine weitreichende Amnestie, indem es für „Totschlag“ im Krieg eine Verjährung nach 20 Jahren einführte.

Regisseur Marco Kreuzpaintner hat mit „Beat“, „Krabat“ oder „Coming In“ bislang eine Reihe von Filmen mit wechselnden Qualitäten und Erfolgen vorgelegt. Die Bücher und Verfilmungen des Ferdinand von Schirach hingegen waren immer zumindest sehr interessant. Und auch jetzt übersteht der kluge Justiz- und Antifa-Stoff aufdringliche Mittel vor allem der Filmmusik.

Bei der Besetzung war wohl die Bekanntheit der Gesichter in den Hauptrollen wichtiger als die Eignung für den Part. Elyas M’Barek verkörpert mit seinen Schwiegersohn-Qualitäten sehr gut den unbedarften Verteidiger. Der Rassismus gegen den „türkischen Anwalt“ trifft nachfühlbar, besonders wenn er auch von seiner Geliebten kommt. Mit Johanna (Alexandra Maria Lara), der Enkelin von Meyer, war Leinen einen Sommer lang ein Paar. Lara darf mit den Riesenaugen wieder traurig und betroffen gucken. So schaut man auch rein, wenn man realisiert, dies könnte im schlimmsten Fall eine Anwaltsserie werden. Der gefühlte und verstandene Mehrwert in Unterscheidung zwischen Recht und Gerechtigkeit bleibt aber unbenommen.

BRD 2018 Regie: Marco Kreuzpaintner, mit Elyas M’Barek, Alexandra Maria Lara, Franco Nero, Heiner Lauterbach, Manfred Zapatka, Jannis Niewöhner 123 Min. FSK ab 12

Aachen: Apollo, Cineplex, Capitol

Alsdorf: Kinopark

Düren: Lumen

Erkelenz: Gloria

Heinsberg: Roxy

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