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„Keramion-Zentrum“ in Frechen erzählt Töpfer-Geschichte

„Keramion-Zentrum“ in Frechen : Von dicken Käfern und bärtigen Männern

Irgendwann musste ja jemand auf die Idee kommen: Das Porträt des bärtigen Mannes, das die sogenannten Bartmannkrüge aus Frechen ziert, sei ein Porträt von Kaiser Karl dem Großen. Beleg: Es ähnelt der Büste Karls in der Aachener Domschatzkammer.

„Steile These“ würde man sagen. Ist es nicht so, dass das Gesicht des Kaisers in der Vitrine nahe dem Münster idealtypisch ist? Das Schönheitsideal eines Mannes in der Entstehungszeit um das Jahr 1349, rund 500 Jahre nach Karls Tod? Und das Porträt auf den Keramiken der Töpfer aus Frechen eben ein Ideal ihrer Zeit?

Es gibt weitere Deutungen. Wahrscheinlich sind sie einfach der Versuch der Töpfer, dem Krug so etwas wie eine menschliche Gestalt zu geben. Wie es in der Wissenschaft gelegentlich zugeht – viele machen sich viele Gedanken. Und am Ende „siegt“ eine einfache Erklärung: Der Krug insgesamt lässt an einen dicken Mann erinnern. Um das zu verdeutlichen, bedarf es eines Gesichts…

Eindrucksvoll in ihrer Zahl

Jedenfalls sind die Bartmannkrüge aus Steinzeug aus dem 16. bis zum 19. Jahrhundert in der historischen Sammlung des „Keramion“ in Frechen eindrucksvoll in ihrer Vielzahl und den unterschiedlichen Ausformungen. Und bilden gleichsam den Grundstock des Museums, das als das „Historische Keramikmuseum der Stadt Frechen“ von 1985 bis 2002 existierte und von der jahrhundertealten einmaligen Töpfertradition Frechens zeugte. In Frechen sind Töpfereierzeugnisse gefertigt worden, die als „Pingsdorfer Ware“, „Rheinisches Steinzeug“ und „Irdenware vom Niederrhein“ bekannt sind. Hinzukommen schwerpunktmäßig bleiglasierte, farbig bemalte Bildschüsseln des 18. und 19. Jahrhunderts als typisch für die Frechener Produktion.

Abbildung des Gnadenbildes von Kevelaer auf einem Teller von 1919. Foto: Thull, Martin

2002 wurde die „Sammlung Cremer“ mit dem Historischen Keramikmuseum der Stadt Frechen verschmolzen zur „Stiftung Keramion“. Seitdem firmiert diese in dem charakteristischen Bau an der Bonnstraße als „Zentrum für moderne + historische Keramik Frechen“. Das Keramion wurde 1971 als futuristisch anmutende Ausstellungsmöglichkeit von Dr. Gottfried Cremer für seine Sammlung moderner keramischer Kunst durch das Kölner Architekturbüro Peter Neufert gebaut. Seitdem hat es sich zu einem viel beachteten und international anerkannten Spezialmuseum entwickelt. Der Bau mutet von außen wie eine überdimensionale Töpferscheibe an, im Inneren fühlt sich der Besucher geborgen in einer Art Höhlensystem. Allein diese Architektur lohnt den Besuch. Cremer hatte als Frechener Steinzeugunternehmer seit den 1950er Jahren mit etwa 5000 Stücken von mehr als 500 Keramikern eine der größten und wertvollsten privaten Keramiksammlungen Deutschlands aufgebaut.

Zurück zu den Bartmannkrügen: Sie waren zu ihrer Zeit ein echter Verkaufsschlager. Die Ware aus Frechen wurde vor allem in Köln auf dem Alter Markt angeboten und in die niederländischen Häfen verschifft. Von dort aus gelangten die Krüge aus Frechen in alle Welt. Gesunkene Frachtschiffe vor den Küsten Südamerikas, Australiens und Afrikas bargen Tongeschirr aus Frechen. Beispiele von muschelübersäten Krügen belegen dies in einer der Vitrinen. Zwei Deutungen sind möglich: Das Geschirr diente der Besatzung bei den Mahlzeiten. Oder es war Fracht, die am Zielort verkauft werden sollte.

Kreative Idee: Eine Kanne, deren Ausguss sich im Kopf des Jesuskinds befindet. Ein Töpfer hat sie um 1800 gestaltet. Foto: zva/Martin Thull

Eine Anekdote wird erzählt: Ein deutsches Lehrerehepaar arbeitet in Galle auf Sri Lanka. Bei einem Antiquitätenhändler vor Ort findet es eines Tages einen Bartmannkrug. Wie sich herausstellte, war der Krug beim Löschen der Ladung vor 400 Jahren über Bord gefallen und im Hafenbecken gesunken.

Die Sammlung verfügt über 1200 inventarisierte Steinzeuggefäße und 250 Stücke Irdenware. Zudem bereichern bau- und feinkeramische Arbeiten der Köln-Frechener Keramik des Toni Ooms, die zwischen 1919 und 1934 in der Frechener Steinzeugfabrik Kalscheuer hergestellt wurden, den Bestand. Aus der Sammlung Cremer werden Keramiken unter bestimmten inhaltlichen Aspekten im turnusmäßigen Wechsel ausgestellt. Die Sammlung besteht aus etwa 5000 keramischen Unikaten von über 500 Künstlern aus 35 Ländern. Ihr Schwerpunkt liegt auf der deutschen Keramik des 20. Jahrhunderts. Dennoch sind sämtliche namhaften europäischen Keramiker berücksichtigt. Vom Gefäß bis zur Freiplastik, vom Relief oder Bildplatte bis zur Installation sind alle Bereiche vertreten.

Im Keramion erhält man eine Übersicht über die Waren, die in Frechen in den verschiedenen Jahrhunderten gefertigt wurden. Foto: Thull, Martin

Noch bis zum 11. August ist eine Sonderausstellung zu sehen, die geradezu perfekt in die aktuelle politische Diskussion um das Insektensterben passt: „Zarte Flügel, dicke Brummer – Insekten und sonstiges Getier in der Keramik“. Der Besucher ist erstaunt über die Vielzahl der Darstellungen von Bienen, Käfern und weiteren Insekten. Die Museumsleiterin Gudrun Schmidt- Esters mag darauf verweisen, dass genau dieses „Getier“ in der christlichen Bildsprache als Vanitas-Symbole gedeutet werden können. „Insekten sind Belege für die neuzeitliche humanistische Auffassung, dass die Welt ein vollkommenes Werk der göttlichen Schöpfung ist, in der Gott sogar im kleinsten Ding der Umgebung gegenwärtig und dieses durch Beobachtung zu begreifen sei.“ So schreibt sie in dem kleinen, feinen Katalog, der zugleich als Eintrittskarte gilt.

Aber es geht nicht so theoretisch ernst zu. Die vielen Objekte bemühen sich einerseits erfolgreich, möglichst detailgetreu die Natur nachzubilden, ob vergrößert oder verkleinert, faszinierend in der Kunstfertigkeit der Künstler. Die Ausstellung zeigt aber auch, dass bei der Produktion entstehende Verformungen, Glasurstiche, Risse oder auch Eisenflecken kaschiert wurden durch „kleine Streublümchen oder auch Insekten“. Korrekturen, die als solche nicht erkennbar sind und tatsächlich das Objekt verschönern.

Sie gingen um die Welt: Bartmannkrüge. Foto: Thull, Martin

„Schlechtelaunemonster“

Ob das aber etwa bei den Ameisen auf den goldumrandeten Tellern im Alltag so verstanden wird? Evelyn Bracklow nennt ihr mit Ameisen bemaltes historisches Porzellan „Chitins Glanz“. Das ist sicher augenzwinkernd gemeint, ähnlich wie die Arbeiten von Regine Bruhn, die „Schlechtelaunemonster“ ausstellt oder „Kellerflitzer“, überlebensgroße Asseln oder Kakerlaken auf vier Rädern.

Die Sonderausstellung lädt auf eine Entdeckungsreise ein, der Besucher muss oft schon sehr genau hinschauen, um die Finessen zu erkennen und Achtung zu gewinnen vor der Kunstfertigkeit der Kreativen. Das gilt übrigens auch für die ständige Ausstellung, in der es etwa das Modell eines Kannenofens gibt, der sehr anschaulich macht, wie groß diese Öfen waren. Und ein Fehlbrand deshalb eine existentielle Bedrohung für den Töpferbetrieb sein konnte.

Der Besuch im Keramion kann sinnvoll ergänzt werden mit dem „Keramikweg Frechen“ (www.keramion.de/keramikweg.php), der Spuren der einzigartigen Keramiktradition im Stadtbild Frechens aufspürt. Manche Hinweise sind offensichtlich, andere verlangen den aufmerksamen Blick. Insgesamt 35 Stationen können angelaufen werden. Alle zusammen spiegeln eine Tradition wider, die mit der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Frechens eng verknüpft ist.