Freizeittipp: Im belgischen Mons findet man jede Menge Kultur

Freizeittipp : Im belgischen Mons findet man jede Menge Kultur

Die Hauptstadt der wallonischen Provinz Hennegau, ein kulturelles und geschäftliches Zentrum, hat eine lange Geschichte. Mons entstand am Fuß einer Festungsruine aus einem Kloster, das die heilige Waltrudis (Sainte Waudru) im 7. Jahrhundert gegründet hatte.

Ihren späteren Wohlstand verdankte die Stadt vor allem der Tuchindustrie und noch später dem Kohlebergbau. Heute ist sie Universitätsstadt und Sitz der Nato-Streitkräfte für Europa.

Jedes Jahr am Dreifaltigkeitssonntag nach Pfingsten feiert Mons das Fest der Feste in Belgien mit der berühmten Prozession des „Car d’or“, des goldenen Wagens, der den kostbaren Goldschmiede-Reliquienschrein der Sainte Waudru aus des Stiftskirche zu Ehren der Stadtheiligen trägt. Der anschließende Kampf, bei dem der heilige Georg zu Pferd symbolisch einen Drachen zur Strecke bringt, zieht die Bevölkerung der Stadt und Tausende Besucher auf die „Grand Place“. Wohl kaum ein Brauchtum in der Wallonie ruft so viel Begeisterung hervor wie das „Doudou“-Fest, das die Unesco als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt hat.

Der Marktplatz („Grand Place“) in Mons ist Mittelpunkt des historischen Zentrums, aus dem die Stiftskirche Sainte Waudru herausragt, ein Musterbeispiel der Gotik in Belgien. Das ebenfalls gotische Rathaus (1458) mit dem romantischen „Jardin du Mayeur“ wurde von Mathieu Layens gestaltet, dem Architekten eines der schönsten Rathäuser Europas in Leuven. Zum Weltkulturerbe gehört auch der barocke, 87 Meter hohe Belfried mit seiner bauchigen Turmspitze, die Victor Hugo zu der originellen Beschreibung als „massige Kaffeekanne, die unterhalb des Bauches von vier kleineren Teekannen flankiert ist“, inspirierte.

Kulturelle Infrastruktur

Das überschaubare Mons mit seinen rund 100 000 Einwohnern in der ehemaligen Bergbauregion im Westen Belgiens hat ihre touristische und kulturelle Infrastruktur seit 2015 deutlich verbessert. Neben vielen Restaurierungen wurden gleich vier neue Museen eröffnet: das Mons Memorial Museum (MMM), das Museum Doudou, die Artothèque sowie das Silex‘s Feuersteinminen-Museum, letzteres eine der vielen Weltkulturerbestätten in der Provinz Hennegau rund um Mons.

Eine Oase mitten in der Stadt: Hinter dem gotischen Rathaus findet sich der öffentlich zugängliche Garten „Jardin du Mayeur“. Foto: Rolf Minderjahn

Das Mundaneum Museum, das Archiv- und Dokumentationszentrum der Föderation Wallonie-Brüssel, wurde 2015 neu eröffnet. Die „universelle Bibliothek des Weltwissens“ ist quasi ein Web in Papierform und gehört zum Weltdokumentenerbe. Ganz klassisch geht es im Museum für dekorative Kunst François Duesberg zu. Es gehört zu den besonderen Attraktionen in Mons, weil es eine außergewöhnliche Sammlung unter anderem von Pendeluhren bereithält.

Wegbereiter des Chansons

Die Kunst- und Kulturgeschichte von Mons ist mit berühmten Namen verbunden. Roland de Lassus (italienisch Orlando di Lasso) wurde 1532 in Mons geboren. Er gilt als einer der größten Komponisten der Hochrenaissance zum Ende des 16. Jahrhunderts und Wegbereiter des französischen Chansons. Am 16. August 1837 besuchte der große französische Schriftsteller Victor Hugo Mons und würdigte die Reise in Briefen und Zeichnungen.

Damals wusste er noch nicht, wie viel Belgien ihm bedeutete und dass zahlreiche Aufenthalte sein Leben bereichern sollten. Eine ganz besondere Beziehung zu Mons hatte der skandalumwitterte französische Dichter Paul Verlaine, denn er saß hier zwischen 1873 und 1875 im Gefängnis. Der große niederländische Maler Vincent van Gogh verbrachte beinahe zwei Jahre als Prediger in der sogenannten Borinage, der Zechenregion in und um Mons.
Noch heute existieren zahlreiche Spuren des Aufenthalts von Van Gogh zwischen 1878 und 1880 in der Borinage. Zum einen ist da sein Wohnort Cuesmes, wo das Maison Van Gogh Besucher aus aller Welt willkommen heißt. Dieses Museum zeigt eine frühe wegweisende Etappe im bewegten Leben des genialen Künstlers. Zum anderen wurde auch das Wohnhaus an seinem ersten Aufenthaltsort in Colfontaine zum Museum umgestaltet. Viele dieser Orte, aus denen er Inspiration für seine späteren Werke zog, können heute auf einer Van-Gogh-Route angefahren werden

. Dazu gehören auch viele Bergbau- und Industriestätten sowie deren Landschaften, die damals das Kohlerevier um Mons, die Bevölkerung und das ganze soziale Leben der Region prägten. Die Stätten sind nicht zu besichtigen, jedoch organisiert das Fremdenverkehrsamt „Visit Mons“ Führungen. Die Routen können auf der Internetseite heruntergeladen werden.

Kuriositätenkabinett

Léon Losseau (1869-1949) war Anwalt, Büchersammler und Fotograf aus Mons. Der Besucher nähert sich den Vorlieben und den Leidenschaften Losseaus in gestalteten Szenen in dem Palais, das erst kürzlich restauriert und wiedereröffnet wurde. Der Fokus der Ausstellung liegt auf dessen Bibliothek und Kuriositätenkabinett.

Dazu zählen der Jugendstil, den Losseau bevorzugte, seine wunderschöne Sammlung von Medaillen und die Episode über die Entdeckung einer Originalausgabe von „Une Saison en enfer“ von Rimbaud. Auf der zweiten Etage gibt es komfortable Leseräume, Räume für Recherchen und einen Bereich, der dem Comic und der Jugendliteratur gewidmet ist.

Das Kulturhighlight in Mons ist zweifellos das Museum der Schönen Künste (BAM). In diesem Kunstzentrum läuft noch bis 13. Januar 2019 zum Auftakt der ersten Biennale (2018/2019) – Mons, Hauptstadt der Kultur – eine bemerkenswerte Ausstellung über das Schaffen einer der bedeutendsten weiblichen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts – Niki der Saint Phalle. Über drei Ebenen mit 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche erstreckt sich das ambitionierte BAM von Mons. Moderne Architektur und lichtdurchflutete Ästhetik bringen die Werke zur Geltung. Der Titel der Ausstellung, „Hier ist alles möglich”, bezieht sich auf ihr größtes Werk: In der Toskana schuf sie mit ihrem Skulpturenpark, dem Tarot-Garten, einen Fantasieort, an dem alles möglich ist.

Dieser steht exemplarisch für De Saint Phalles Arbeiten und Visionen. Die Ausstellung mit mehr als 140 Exponaten beleuchtet nicht nur den Lebenslauf der Künstlerin, ihr komplexes und vielfältiges Lebenswerk, ihre Weltsicht, ihre feminine Fantasie in einer von Männern dominierten Welt, sondern widmet sich auch ihrer faszinierenden Persönlichkeit als Kämpferin für die Gleichberechtigung.

Kulturhighlight

In vielen Kunstgenres machte sie sich einen Namen: Malerei, Bildhauerei, Performances, und das nicht nur in geschlossenen Räumen wie Museen. Dabei erreichte sie mit ihrer Ausdruckskraft eine breite Masse. „Hier ist alles möglich“ gibt einen Überblick über ihre Arbeit und ihre darin verarbeiteten Themen: Wut, Gewalt, Partizipation, Mythologie, Märchen und Weiblichkeit.

Um eine Verbindung zwischen der Ausstellung, der Kunst und dem öffentlichen Raum herzustellen, werden drei ihrer Werke im Stadtzentrum „open air“ zu sehen sein, an ausgewählten Orten: im Garten des Museums BAM, im Jardin du Mayeur hinter dem Rathaus und im Park des Belfrieds, exponiert, hoch über der Stadt.

Ein faszinierendes Lebenswerk

Niki de Saint Phalle wurde 1930 in Neuilly-sur-Seine bei Paris geboren und starb 2002 in San Diego. Sie zählt mit ihrem umfangreichen Schaffenswerk zu den bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Nach einem Nervenzusammenbruch findet sie im Zuge der therapeutischen Behandlung zur Malerei und entscheidet sich, künstlerisch tätig zu werden.

Ihre Kunst wird zu einem persönlichen Befreiungsschlag, aber auch zu einem fantastischen Spiel, in dem sich ihr Leben in bizarren Gestalten und traumhaften Welten widerspiegelt und für den Betrachter greifbar wird. Sie hat ein faszinierendes Werk hinterlassen, das in allen bedeutenden Museen auf dem Globus gezeigt wird.

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