„Goethes Gärten“ auf dem Dach der Bundeskunsthalle in Bonn

„Goethes Gärten“ : Grüne Welt auf dem Dach der Bundeskunsthalle

Es blüht wie in Weimar: „Goethes Gärten“ auf der Bundeskunsthalle in Bonn kann man schon jetzt genießen. Ab 17. Mai kommt die Ausstellung „Goethe – Verwandlung der Welt“ im Museum hinzu.

Genau 70 Stufen geht es hoch auf das Dach der Bundeskunsthalle in Bonn. Aber keine Angst: Es gibt auch einen Aufzug! Dann steht der Besucher inmitten einer Gartenlandschaft. Gekrönt von den drei Spitzen des Museums, das der Architekt Gustav Peichl so markant an die frühere „Diplomatenrennbahn“ zwischen der Bundeshauptstadt Bonn und Bad Godesberg gesetzt hat. Eine Oase der Ruhe inmitten des alten Regierungsviertels.

Das grüne Vorspiel

„Goethes Gärten – Grüne Welten auf dem Dach der Bundeskunsthalle“ sind also eine Art Vorspiel und sollen das lebenslange Interesse des Dichters für Gärten, Natur und Botanik spiegeln. Der Dachgarten wird die große Ausstellung „Goethe – Verwandlung der Welt“ begleiten, die dann ab dem 17. Mai zu sehen ist und von der Bundeskunsthalle und der Klassik Stiftung Weimar entwickelt wurde.

Die eigens für Bonn entwickelte ­Dachgarten-Landschaft vereint die zentralen Motive aus den beiden Gärten des Weimarer Dichters: den Garten am Stern mit seinem berühmten Gartenhaus, das ihm zunächst auch als Wohnsitz diente, und den Hausgarten am Weimarer Frauenplan, seinem repräsentativen Anwesen im Zentrum der Stadt. Der Dachgarten wird drei verschiedene Bepflanzungen zeigen: eine Frühjahrs-, Sommer- und Spätsommerbepflanzung.

Selbst Zitruspflanzen stehen auf dem Bonner Dachgarten und zeugen von Goethes Liebe zu Italien. In Kübeln hielt er sie in den Weimarer Gärten. Foto: zva/Martin Thull

Auf dem Bonner Dachgarten sind diese Gärten Goethes in Weimar nachempfunden. Im Küchengarten mag einem manches bekannt vorkommen: verschiedene Salatsorten „Maikönig“ und „Apache“ oder „Lollo Rosso Solmar“. Wobei offenbleibt, ob Goethe diese Sorten so benannte. Immerhin – die Erdbeere „Mieze Schindler“ könnte auf eine seiner Frauengeschichten deuten. Beim Currykraut „Kari“ sollte der Besucher vorsichtig an den Blättern reiben. Das ­Curryaroma ist überraschend deutlich zu riechen. Sauerampfer, weißer Schnittlauch, Spinat oder Kohlrabi violett runden das Angebot ab. Zu vermuten ist, dass hier auch die Zutaten für die „Frankfurter Grüne Soß‘“ zu finden sind.

Ging es bei dem Küchengarten (gleich beim Dachcafé) um Nutzpflanzen, so an anderer Stelle in Weimar um einen kleinen englischen Landschaftsgarten mit gewundenen Wegen, steilen Treppen und intimen Sitznischen. Ergänzt wurde diese Anlage durch eine Streuobstwiese am Hang und schließlich eine Wiese mit zahlreichen Blumenrabatten. Nicht alles konnte auf dem weitläufigen Dach der Bundeskunsthalle nachgebaut werden. Zuweilen deuten weiße Platten die originalen Grundstücksgrenzen an.

Eindrucksvoll in der noch scheuen Frühjahrbepflanzung ist die Malvenallee. Hier sprießen große und kleine Blumen in vielen Farben. Beschlossen wird dieser Nachbau durch eine abstrakte Skulptur: Eine Kugel auf einem Würfel. Symbolisch treffen hier zwei widerstrebende Prinzipien aufeinander: Der Würfel soll Stabilität und Beständigkeit verkörpern, die Kugel steht für Veränderung und Beweglichkeit. Die Malven waren zu Goethes Zeiten eine Modeblume, er lud sogar während deren Blüte zur Teegesellschaft ein. Und die halbrunden weißen Hockerbänke, die in Bonn zum Verweilen einladen, sind ebenfalls vom Dichterfürst entworfen.

Goethe war eben nicht nur Dichter, sondern auch Forscher. So dienten ihm die Gärten auch zur Beobachtung seiner botanischen Studien, deren Ergebnisse sich in seinen wissenschaftlichen Schriften wie der Metamorphosen- und der Farbenlehre widerspiegeln sollten. In seinem Haus am Frauenplan hatte er in einem Pavillon seine Gesteinssammlung aufbewahrt, noch heute gibt sie einen Einblick in seine Sammler- und Forschertätigkeit.

Bepflanzung der Malvenallee – einer Modeblume zur Zeit Goethes: Am Ende steht eine Skulptur aus Kugel und Würfel. Symbolisch sollen hier zwei widerstrebende Prinzipien aufeinandertreffen: das Stabile und Beständige auf Veränderung und Beweglichkeit. Foto: zva/Martin Thull

Die Liebe zu Italien

„Zurück zur Natur!“ hatte der französische Philosoph der Aufklärung Jean-Jacques Rousseau gefordert, Goethe folgte dieser Devise und verband sie mit seiner naturwissenschaftlichen Neugier. In seinen botanischen Experimenten galt seine besondere Aufmerksamkeit der Entwicklung von Pflanzenorganen, die er in einem „botanischen Beet“ beobachtete. Um die Pflanzen bequem aus der Nähe betrachten zu können, stellte Goethe seine Geranien-Sammlung und Nelkenstöcke während der Sommermonate auf Stellagen.

Auch Feigenbäume und Zitruspflanzen in Kübeln und Kästen sind verbürgt, ebenso Wein an Spalieren. Auch in Bonn ist Goethes Italienliebe dokumentiert: Kübel mit Zitrus- und Feigenbäumen bilden so etwas wie den Mittelpunkt des Arrangements. Doch er beließ es nicht beim Beobachten: Er erprobte auch neue Methoden des Beschnitts, um so den Ertrag zu steigern. Übrigens gibt es in diesem Zusammenhang auch einen Bezug zum Rheinland: Der an der Bonner Universität lehrende Botaniker Christian Daniel Nees von Esenbeck schickte dem Dichterfürsten ein Sortiment von 50 verschiedenen Astern, die Goethe vor seinem Arbeitszimmer anpflanzen ließ. Im Gegenzug schickte Goethe aus der Großherzoglichen Sammlung in Weimar Pflanzen für die Botanische Anstalt in Bonn-Poppelsdorf.

In seinem Gartenhaus an der Ilm vor den Toren der Stadt blieb Goethe ungestört und schrieb Gedichte. „Das prägte ihn sein ganzes Leben“, erklärt Angelika Schneider von der Klassik Stiftung Weimar. Sie ist Kuratorin des Bonner Gartens. Wie die beiden Weimarer Gärten wird der Garten auf dem Dach der Bundeskunsthalle ästhetische, wissenschaftliche und ökonomische Aspekte zusammenführen.

Die „Bonner Rutschbahn“ von Carsten Höller: Sie kann kostenlos genutzt werden. In 14 Metern Höhe geht es spiralförmig nach unten. Foto: zva/Martin Thull

Da sich das Erscheinungsbild des Gartens während der parallel von Mai bis September laufenden Ausstellung immer wieder verändern wird, empfiehlt sich ein mehrmaliger Besuch: zum Flanieren und Verweilen, zum ästhetischen Genuss und zur naturwissenschaftlichen Erkundung.

Gleich am Eingang begegnen die Besucher einem Ginkgobaum. Goethe faszinierte besonders die eigenartige Blattform dieses Gewächses. Das zweilippige Blatt deutete der Dichter als Sinnbild der Liebe sowie als Symbol von Vereinigung und Trennung. Er schrieb ein Gedicht mit drei Strophen „Ginkgo biloba“, das er zunächst Marianne von Willemer widmete und 1819 im „West-östlichen Divan“ veröffentlichte.

Eine klare Rollenverteilung

So nebenbei erfährt der Besucher an einer der Informationstafeln etwas über die Rollenverteilung in der Familie Goethe: Während er Samen und Pflanzen besorgte oder sich schenken ließ, blieb es seiner Frau Christiane vorbehalten, die nach seinen Anweisungen auszubringen oder einzupflanzen. In diesem Punkt jedenfalls hat der Dichter die Welt wohl nicht verwandelt…