„Brussels Art nouveau & Art déco Festival“: Ganz nah dran am Stil einer Epoche

„Brussels Art nouveau & Art déco Festival“ : Ganz nah dran am Stil einer Epoche

In Brüssel werden wieder Art nouveau und Art déco besonders gewürdigt. Privatleute öffnen ihre Häuser und ermöglichen Einblicke in die besondere Epoche.

Die Avenue Coghen ist eine Seitenstraße in der Nähe der verkehrsreichen Avenue Brugmann, mit ansehnlichen Bürgerhäusern und großen Bäumen am Straßenrand. Eine Gegend, in der man selbst auch gerne wohnen würde. Das Maison Brunfaut – Hausnummer 85: Die Fassade ist mit dünnen Ziegeln verkleidet. Ein großes Bullaugenfenster lässt das Einfamilienhaus wie einen kleinen Ozeandampfer erscheinen. Einmal läuten. Zweimal. Erst beim dritten Läuten öffnet Alain Branchey die Tür, entschuldigt sich kurz, kommt auf die Straße und beginnt hier mit einem kleinen Vortrag über sein Haus.

Er ist einer der Eigentümer, die im Rahmen des „Brussels Art nouveau & Art déco Festival“, kurz Banad genannt, die Tür ihrer Privathäuser für Besucher öffnen. An drei Wochenenden im März kann man an Führungen durch etwa 40 Art-nouveau- und Art-déco-Häuser und -Gebäude teilnehmen. Etliche davon sind normalerweise nicht für die Öffentlichkeit zugänglich.

Vom Besucher erfordert das ein bisschen Planung, „aber ohne Führung geht so etwas nicht“, betont Stadtführer Dirk van Roy. Dies ist durchaus verständlich. Es ist ja auch wahrlich nicht alltäglich, fremde Menschen zu einer Besichtigung des Hauses, in dem man lebt, einzuladen.

Repräsentatives Art-déco-Haus: Die Villa Empain hat unter anderem auch einen 500 Quadratmeter großen Pool, der von einer kunstvollen Pergola eingerahmt wird. Foto: Edda Neitz.

Der optimale Lichteinfall

Die gelungene Gestaltung der Lichtverhältnisse würde ihm besonders gefallen, sagt Alain Branchey und wird nicht müde, dies beim Rundgang durch das Haus zu wiederholen. Es fängt bei der Fassade an. Fast treppenartig hat der Architekt die Rück- und Sonnenseite des Gebäudes gestaltet, um für jede Etage einen optimalen Lichteinfall zu erreichen. Auch die Beziehung zwischen Außen und Innen würde eine Rolle spielen, meint der Bewohner des Hauses und zeigt auf die hohen Fenster auf beiden Gebäudeseiten, durch die das Tageslicht die Innenräume flutet, die ohne irgendwelche Trennwände ineinander übergehen. Das Maison Brunfaut, das um 1935 von dem Architekten Gaston Brunfaut gebaut wurde, zeigt mit den abgerundeten Hauskanten bereits Merkmale des Art-déco-Stils, der nach dem Art nouveau die Brüsseler Architektur bestimmte.

Einige der großen Häuser des Jugendstils liegen an der Avenue Louise. Hier wohnte, wer das nötige Kleingeld hatte. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Nach wie vor ist der Boulevard Louise gesäumt von ausgefallenen (Luxus-)Geschäften und stattlichen Häusern. Stadtführer Dirk van Roy erklärt den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen Jugendstil und Art nouveau klar. Im Wesentlichen sei es zwar nur der Name, aber in Brüssel würde man eben von Art nouveau sprechen. Ob nun die Bezeichnung Jugendstil oder Art nouveau – der 1861 in Gent geborene Victor Horta ist hier auf jeden Fall unbestritten der Stararchitekt.

Zwischen 1902 und 1905 entwarf Victor Horta das Gebäude Hôtel Max Hallet an der Avenue Louise für den gleichnamigen Anwalt und Politiker. Schon der Eingang durch eine breite Flügeltür in einen Vorraum, der früher die Durchfahrt war, vermittelt Stil und Großzügigkeit. Nicht hier, sondern im Hôtel Solvey, ebenfalls ein Victor-Horta-Haus, wurde im Hof auf einer Drehscheibe das Auto in die entsprechende Fahrtrichtung für die Ausfahrt auf die Straße gebracht, erwähnt der Stadtführer.

Hier öffnet der Eigentümer höchstpersönlich: Das Maison Brunfaut weist unter anderem ein großes Bullaugenfenster auf. Foto: Edda Neitz.

Es war jene Zeit, als geistige Aufgeschlossenheit und ausschweifender Lebensstil das Großbürgertum prägte. Belgien war eine bedeutsame Industrienation, und in Brüssel, der Hauptstadt des jungen Staates, lebte die Avantgarde, die sich – teilweise auch durch den Dienst in den Kolonien – ein finanzielles Polster aufgebaut hatte.

„Florale Kunst, das Spiel mit der Natur und die sanften Farben wie Gold, Rot und Grün spielen eine Rolle“, erklärt er weiter. Man wollte das Plüschige und Barockisierende der Gründerzeit abstreifen. Die Vertreter des Art nouveau wollten mit der Verschmelzung von Kunst und Leben etwas Neues und Modernes schaffen.

Mit Sorgfalt renoviert

Diese Absicht ist im Hôtel Max Hallet am Treppenhaus deutlich zu erkennen, dem Victor Horta übrigens eine zentrale Funktion zuschreibt. Pflanzenartige Ornamente ziehen sich an der Wand hinauf. Das Geländer ist keine statische Konstruktion – nein, es läuft mit. Und die kreisenden Spiralformen auf dem Fußboden unterstreichen einmal mehr das Temperament dieser Innenausstattung.

Im Wohnbereich sind Stilmöbel aus der damaligen Epoche zu sehen, ein Beistelltisch mit geschwungenen, gewölbten Karaffen und filigrane Lampen an Wand und Decke. Dass hier wieder jedes Detail so erhalten ist, wie es der Architekt vor rund 100 Jahren erdacht hat, liegt vor allem an der Sorgfalt, mit der Eigentümer Michel Gilbert dieses Haus renoviert hat. Auch das überrascht die Besucher – die Detailliebe und Gewissenhaftigkeit, mit der die heutigen Hausbesitzer dieses Erbe pflegen.

Passende Möbel: Blick ins Innere des Hôtel Max Hallet – Anfang des 20. Jahrhunderts entworfen von Stararchitekt Victor Horta. Foto: Edda Neitz.

Victor Horta war nicht nur ein Schöngeist und Architekt, seine Raumplanung war auch das Bekenntnis zur Funktionalität. Die typische Schmalheit der Brüsseler Stadthausgrundstücke legte es nahe, das Innere optisch zu vergrößern. Also schuf er Glasdächer, die ihr Licht von oben durch das offene Treppenhaus fallen ließen. Hôtel Solvey ist ein Musterbeispiel an Schönheit und Perfektion. Nicht nur das filigrane Glasdach über den zweiflügeligen Treppenaufgang sticht hervor, sondern auch die sichtbaren Eisenträger, die Victor Horta spannungsreich als Kontrast zu dem Überfluss verstand und die in goldgelber Farbe gestrichen sind.

Ein großer Pool

Zum Abschluss noch einmal Art déco in der Avenue du Franklin Roosevelt. In der Reihe repräsentativer Diplomatenhäuser glänzt in poliertem blaugrauen Marmor die Villa Empain. Fensterausschnitte und Gebäudekanten sind mit vergoldeten Eckprofilen ausgestattet. Louis Empain, jüngster Spross einer wohlhabenden belgischen Unternehmerfamilie, ließ diese Art-déco-Villa 1930 von dem bedeutenden Brüsseler Architekten Michel Polak erbauen. Allerdings bewohnte er das 2500 Quadratmeter große Haus nach fünfjähriger Bauzeit nur für ein Jahr. Es war ihm zu groß und zu triste.

Seit circa zwölf Jahren gehört es der Stiftung Boghossian, die Kultur und Bildung von jungen Menschen in Armenien, der Heimat des Stifters, fördert und mit verschiedenen Ausstellungen vor allem arabischstämmige Künstler unterstützt. Ein besonderer Höhepunkt liegt im Garten. Kristallklar glänzt das Wasser bei Sonnenschein im 500 Quadratmeter großen Pool, der von einer kunstvollen Pergola eingerahmt wird.

Früher – vor der umfassenden Renovierung – hatten Studenten der nahen Kunsthochschule noch ihren Spaß am Pool, weiß Dirk van Roy. Das ist nun vorbei. Der Glanz dieser Epoche und Architektur dagegen lebt jedes Jahr wieder auf – dank des Festivals Banad.

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