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Berlin: Mordkommission Istanbul

Berlin : Mordkommission Istanbul

Der Kühlschrank des Kommissars ist leer, die Küche und der Wohnzimmertisch sind voller Pappkartons und Plastikbechern, und das Schlimmste ist: Die Gattin ist weg.

So beginnt der neueste Fall der „Mordkommission Istanbul” mit dem Titel „Ein Dorf unter Verdacht”, der an diesem Donnerstag (20.15 Uhr, Das Erste) zu sehen ist.

Warum die Frau von Kommissar Mehmet Özakin (Erol Sander) so plötzlich nach Berlin entschwunden ist, darf nur vermutet werden - wahrscheinlich braucht sie etwas Abstand. Möglich ist, dass Idil Üner („Sibel & Max”) nach acht Jahren in ihrer Rolle der Kommissarsgattin Sevim Özakin nicht zurückkehren wird. Das mag man durchaus bedauern, und der Herr Kommissar tut es ganz offensichtlich. Auch wenn da die neue Nachbarin auftaucht, der er sogleich beim Einzug behilflich ist und die ihn daraufhin zum Abendessen einlädt. Doch noch vor dem Dessert muss Derya Güzel (Melanie Winiger) weg - ihr Job ruft.

Aber auch der Kommissar wird zu einem Tatort gerufen - und wen trifft er da? Frau Güzel ist ausgerechnet die neue Pathologin, und so „unfreundlich, eingebildet und humorlos” - wie sie Özakins Kollege Mustafa Tombul (Oscar Ortega Sánchez) aufgrund von Gerüchten schildert - ist sie natürlich keineswegs. Nun untersucht sie sogleich die ziemlich verbrannte Leiche in einem zerquetschten Auto, das dem investigativen Journalisten Türkman gehörte, der offenbar schon vor dem (angeblichen) Unfall ermordet wurde. Zuletzt schrieb er an einem Text über ein stillgelegtes Bergwerk in seinem Heimatdorf Tepek. Özakin reist sofort dorthin (teilweise auf einem Lieferwagen mit Hühnern) und stößt bei seinen Ermittlungen nicht nur auf allerhand Ungereimtheiten, sondern vor allem auf viel Schweigen. Zu allem Überfluss bekommt er auch noch Besuch der neuen Praktikantin Hatice (Roni Zorina), der Tochter des Polizeipräsidenten.

So weit, so gut. Der Film (Regie: Marc Brummund) fängt recht konventionell an, doch im Laufe der Geschichte ist gar nichts mehr so vorhersehbar, wie es in den meisten deutschen TV-Krimis der Fall ist. Denn hier bekommt man tiefe Einblicke in die Geschicke eines türkischen Dorfes, in der alle Bewohner irgendwie zusammenhalten. Zumindest beinahe, denn es geht hier auch um die unglückliche Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, von denen die eine verheiratet war (mit dem Journalisten) und die andere sich an ein schon in der Kindheit gegebenes Eheversprechen mit einem Mann gebunden fühlt. Es geht dabei nicht nur um die viel beschworene Tradition, sondern auch um unterdrückte Gefühle und die Freiheit der Liebe.

Das ist ein ziemlich brisantes Thema und angesichts der aktuellen Lage der Menschenrechte in der Türkei mehr, als man von einem solchen Krimi erwarten darf (er wurde vor dem Militärputsch im Sommer 2016 gedreht). Zwar sind nicht alle Dialoge wirklich treffend oder gar subtil zu nennen, doch immerhin gibt es eine fortschrittlich denkende Mutter („Ich will doch nur, dass meine Tochter glücklich ist - auch mit einer Frau”). Dass der Vater nichts von seiner lesbischen Tochter wissen darf, wirkt da schon glaubwürdiger - doch reagiert auch er einfach menschlich, als er es schließlich erfährt. Nur der gehörnte künftige Ehemann rastet zum dramatischen Finale ziemlich aus.

Aber insgesamt ist das alles stimmig und vor allem nicht peinlich erzählt, es gibt herrliche Landschaften am Meer zu sehen und schöne Musik zu hören. Zwei Rätsel allerdings werden nicht gelöst: die Gattin des Kommissars bleibt verschwunden, und die Pathologin wird stets zuerst an den Tatort gerufen.

(dpa)