Auf der Pirsch in Brüggen: Erlebbare Tierwelten und eine mittelalterliche Burg

Auf der Pirsch in Brüggen : Erlebbare Tierwelten und eine mittelalterliche Burg

Das Museum „Mensch & Jagd“ in Brüggen zeigt nicht nur, wie sich das Jagen im Lauf der Zeiten verändert hat, sondern auch den ökologischen Zusammenhang von Wald und Wild. Neben der Ausstellung ist aber auch die Burg einen Ausflug wert.

Der Einstieg in die Jagdgeschichte gelingt in Brüggen problemlos. In der ehemaligen Wehranlage des Städtchens Brüggen befindet sich das Museum „Mensch und Jagd“. Die Ausstellungsmacher sind dabei Wege gegangen, die von einem traditionellen Jagdmuseum wegführen. Trophäen und Jagdwaffen spielen eine untergeordnete Rolle. Vielmehr stehen hier zwei andere Aspekte im Vordergrund: der ökologische Zusammenhang von Wald und Wild sowie die Jagd und wie sie sich Lauf der Zeit verändert hat.

Mit „Waidmannsheil“ grüßen Jäger. Bärbel Weinmann grüßt mit einem schlichten „Guten Tag“, wenn sie Besucher durch das Museum führt. Sie ist selbst Jägerin und leitet das Museum ehrenamtlich. Ihr Engagement liegt vor allem in ihrer tiefen Beziehung zur Natur begründet: „Wir wollen mit unseren Ausstellungen die Besucher auf die natürlichen Abläufe in der Natur aufmerksam machen. Viele haben keine Ahnung mehr, was im Wald geschieht“, sagt sie.

Die Ausstellung wird auf zwei Etagen gezeigt. Wer den großen Raum auf der ersten Etage betritt, wähnt sich mitten im Wald. Vögel zwitschern, ein Specht klopft und dazwischen ertönt das Röhren des Rotwildes. Neu sind die runden roten Tastflächen am Boden. Berührt man sie mit dem Fuß, dann ertönt der Bettelruf der Waldohreule, das Fiepen eines Rehs oder das Schnauben eines Wildschweins. Insgesamt sind acht verschiedene Tierlaute zu hören. Das Diorama vermittelt die perfekte Illusion, der Natur nahe zu sein. Vom Hochsitz am Ende des Raums hat der Besucher den besten Überblick. Man sieht Rotwild, Dachs und Marder umgeben von einer typischen Mittelgebirgslandschaft mit Bäumen und Felsen.

Nicht nur das Museum, auch die Burg Brüggen ist einen Ausflug wert. Foto: zva/Edda Neitz

Dann folgt ein Abschnitt mit der typischen Fauna und Flora der Wiesen- und Feldflur. Neben den Feldhasen stehen eine Ricke und ihr Kitz. „Für kleine und junge Tiere sind die Weizenfelder eine große Gefahr“, erklärt Jägerin Weinmann. Rehe legen ihre Kitze für kurze Zeit im Feld ab. Gut getarnt mit ihrem gefleckten Fell und im hohen Gras sind die kleinen Tiere für den Landwirt nahezu unsichtbar. Fährt der Bauer mit seinem Traktor in hoher Geschwindigkeit – die Messer der Mähmaschine rattern laut – auf das junge Tier zu, kauert das Rehkitz ängstlich im Feld und wird von der Maschine erfasst. „Deshalb fragen wir Jäger die Landwirte, wann gemäht wird, damit wir vorher das Feld nach versteckten Rehkitzen absuchen können“, erklärt Jutta Weinmann. Sie bedauert auch, dass die Hauptaufgaben des Jägers, nämlich Verantwortung für Hege und Pflege der Wildtiere im Wald zu tragen, oft übersehen wird.

Bis März gesellt sich zu den Tieren am (fiktiven) Bach noch ein Gast: der Fischotter. Er steht im Mittelpunkt der Sonderausstellung „Lutra lutra, der Fischotter“. Leider ist er in unserer heimischen Uferlandschaft fast verschwunden, dank einiger Schutzmaßnahmen erhole sich die Population aber gerade wieder. In Brüggen jedoch heißt der Fischotter nur „Patschel“. „Das hat mit der Geschichte einer Fischotterfamilie zu tun, die Regionalautor Heinrich Malzkorn vor 70 Jahren in einem Roman veröffentlichte“, erzählt Bärbel Weinmann. Zum Jubiläum wird der Roman neu aufgelegt. Dazu gibt es die Ausstellung „Pat­schel – Geschichten aus dem Biotop“ des Karikaturisten Nik Ebert im Kultursaal der Burg.

Mehr über die Entwicklung der Jagdgeschichte – von den Anfängen der Menschheit bis zur Gegenwart – findet der Besucher im zweiten Stock des Museums. Homo erectus sitzt breitbeinig, mit Blick auf die funkelnde Feuerstelle inmitten des Raumes. Er war vor 1,8 Millionen Jahren der erste menschliche Vorfahr, der in aufrechter Haltung ging. Stolz steht ihm ins Gesicht geschrieben, denn nun kann er seine Hände frei benutzen und seine Waffen zur Jagd benutzen. Mit dieser neu gewonnen Fähigkeit beherrscht er die von riesigen Gletschern überzogene Welt.

Weiterer Hingucker der Ausstellung

Jäger und Beute sind hier die Eckpunkte. Wissenswertes über den Alltag der frühen Jäger halten Rücksäcke bereit, die symbolhaft an der Wand des Ausstellungsraumes hängen. Hier wird erklärt, wie das Zusammenspiel anatomischer Veränderungen Einfluss auf die Größe des Gehirns hatte, warum der Frühmensch seinen Hunger mit pflanzlicher Kost nur in den kurzen Wärmeperioden stillen konnte und was hinter der mystischen Einheit von Tier und Mensch steckt, die die Jäger der Altsteinzeit auf Felsbildern verewigten.

Mit dem riesigen Dickhäuter, der hinter dem Homo erectus liegt und auch ein weiterer Hingucker der Ausstellung ist, geht es chronologisch weiter. In der letzten Zwischeneiszeit, vor circa 120.000 Jahren wurde das Rüsseltier erlegt. Bezeugt wird dieses Ereignis durch eine 240 Zentimeter lange Stoßlanze aus Eibenholz, die man zwischen den Rippen des Waldelefanten fand, der keine 50 Kilometer außerhalb der heutigen NRW-Landesgrenze sein Leben aushauchte.

Was hat ein Jäger denn so alles im Rucksack? Auch das zeigt die Ausstellung anschaulich. Foto: zva/Edda Neitz

Während der Homo erectus und die Feuerstelle die evolutionsgeschichtliche Erfolgsstory unserer Spezies symbolisieren, erzählt der Jagdplatz des Waldelefanten in der Ausstellung Zeitgeschichte nach. Um die Beute gruppiert sich eine Jagdgesellschaft aus tierischen und menschlichen Repräsentanten verschiedener Epochen. Als Tierhaltung und Kultivierung von Pflanzen die Nahrungsbeschaffung erleichterten, wurde das Jagen als Privileg der herrschenden Oberschicht zum Statussymbol. Pfeil und Bogen sowie die Armbrust waren die klassischen Jagdwaffen. Die Feuerwaffe erwies sich lange Zeit als unpraktisch. Denn bis ein Rad- oder Steinschlossgewehr geladen, in Anschlag gebracht und ausgelöst werden konnte, war das Wild längst verschwunden.

Die Zeit des Barock prägten prunkvoll ausgestattete Jagden. Kunstvoll dekoriertes Porzellan zeugt vom damaligen Pomp. Doch damit haben die Jäger von heute wenig zu tun. In der Ausstellung endet die Zeitreise mit einem Brückenschlag zu unserem Alltag. Auch wir sind noch Jäger, wenngleich unsere Beute heute – man denke an Schnäppchenjagd oder Sporttrophäen – eine andere ist.

Mehr von Aachener Zeitung