1. Freizeit

Aachen: Ein kleiner Pilgerrundgang durch die Kaiserstadt

Aachen : Ein kleiner Pilgerrundgang durch die Kaiserstadt

Seit mindestens 800 Jahren ist Aachen ein beliebter Wallfahrtsort. Vor 665 Jahren begann die Tradition der Heiligtumsfahrten im Rhythmus von sieben Jahren. Die Pilger haben in Aachen Spuren hinterlassen. Mit diesem kleinen Rundgang können Sie diesen Spuren folgen.

1. Fischmarkt

Am Eingang zum Domhof erkennt man im Mauerwerk lange Rillen. Dort haben nicht nur die Fischhändler in späteren Jahrhunderten ihre Messer geschärft. Auch die Pilger pflegten an Wallfahrtsorten am Mauerwerk der Kirchengebäude zu kratzen. Den Staub fingen sie sorgsam in kleinen Lederbeuteln auf. So nahmen die Pilger nicht nur eine Erinnerung mit nach Hause, sondern auch die Hoffnung, dass die Teile eines so heiligen Bauwerkes sie vor Seuchen schützen würden.

2. Aachener Heiligtümer

Im Mittelpunkt der Aachener Heiligtumsfahrten stehen vier Stoffreliquien. Angeb-lich kamen sie als Schenkung des Patriarchen von Jerusalem an Kaiser Karl den Großen im Jahre 799 nach Aachen. Unstrittig ist, dass die Reliquien seit dieser Zeit in Aachen aufbewahrt werden. Ihre Herkunft und ihr wahres Alter jedoch sind nicht eindeutig. Sie werden verehrt als: die Windeln und das Lendentuch Jesu, das Kleid Mariens, das Enthauptungstuch Johannes des Täufers.

Jeder der vier Reliquien wird eine Farbe zugeordnet: Gelb für die Windeln, Rot für das Lendentuch, Rosa für das Enthauptungstuch und Weiß für das Marienkleid. Die Reliquien gelten als Symbole für die Menschwerdung Jesu Christi und weisen auf Maria als Patronin des Aachener Domes hin.

3. Domschatzkammer

In der Domschatzkammer finden sich Reliquienschätze aus vielen Jahrhunderten. Darunter sind auch die „kleinen Heiligtümer“, die in herrlich dekorierten gläsernen Schaugefäßen, sogenannten Ostensorien, präsentiert werden. Auch Kaiser Karl ist als Reliquie präsent. Die Karlsbüste, ein sprechendes Reliquiar aus dem 14. Jahrhundert, enthält seine Schädel-decke. Kaiser Karl wurde im Dezember 1165 heilig gesprochen.

Weitere Reliquien in der Domschatzkammer sind zwei Arm- und ein Beinknochen. Außerdem kann man ganzjährig die Krone der Margareta von York betrachten. Diese dritte Frau von Karl dem Kühnen hat ihr Hochzeitskrönchen von 1468 sechs Jahre später dem Gnadenbild des Aachener Doms geschenkt. Die Madonna trägt den wertvollen Kopfschmuck während der Heiligtumsfahrten.

Außerdem zeigt der Aachener Domschatz eine einzigartige Präsentation der prunkvollen Schlösser des Marienschreins aus den letzten 100 Jahren.

4. Dom

Der Aachener Dom wurde als die Stiftskirche St. Marien zu Aachen ab 793 erbaut. Es ist die einzige dokumentierte Kirchengründung von Kaiser Karl dem Großen. Er nutzte das Bauwerk noch zu Lebzeiten als Pfalzkirche. Ab 814 wurde der heutige Dom seine Grabeskirche. Kein Geringerer als der Patriarch von Jerusalem soll 799 einen Mönch zu Kaiser Karl dem Großen gesandt haben. Er brachte „Segenswünsche und Reliquien“ — „benedictionem et reliquias“ vom Grabe des Herrn. Damit wuchs das Ansehen der Marienkirche deutlich.

Drei der Hauptreliquien wurden von Ludwig dem Frommen, Kaiser Karls Sohn und Nachfolger, ins benachbarte Kornelimünster (Punkt 18) verschenkt. Sie werden seitdem dort in Ehren gehalten. Die wichtigsten dieser Reliquien stehen im Mittelpunkt der Heiligtumsfahrten (vergleiche Punkt 2) .

Über dem Eingang hat der Dom Galerien und Balkone. Sie wurden eigens für die öffentlichen Zeigungen gebaut. Erst seit den 1970er Jahren werden die Reliquien in der Chorhalle ausgestellt.

5. Marienschrein

Hinter dem Altar des Aachener Domes steht der Marienschrein. Darin werden die vier Stoffreliquien, die Heiligtümer, verwahrt. Jede ist — ihrer Farbe entsprechend — in sieben Meter lange Seidentücher gehüllt. Diese Tücher werden nach jeder Aachenfahrt erneuert. Die alten werden in kleine Vierecke geschnitten und nach gutem altem Brauch auf Karten geklebt an die Pilger verteilt.

6. Kleiner Münsterplatz

Der Platz neben dem Domeingang wird „kleiner Münsterplatz“ oder Vogelmarkt genannt. Die Häuser zeigen eindrucksvoll, wie sich die Stadt Aachen auch baulich auf die Heiligtumsfahrten eingestellt hat. Der Blick sollte ganz nach oben gehen: Alle Häuser haben Dachterrassen. Von hier aus gab es die beste Sicht auf die von Balkon und Galerie des Doms aus gezeigten Heiligtümer.

Als die Häuser im 19. Jahrhundert neu gebaut wurden, haben die Hauseigentümer gleich Vorsorge für die Heiligtumsfahrten getroffen. Manche haben sogar während der Wallfahrten ihre Dächer abgedeckt, um noch mehr Platz zu schaffen.

7. Die Zahl 7

Die Heiligtumsfahrten finden im Rhythmus von sieben Jahren statt. Die Zahl 7 hat in der christlichen Zahlensymbolik eine besondere Bedeutung: Sie steht für die Dreifaltigkeit Gottes und die vier Evangelien als Basis für den christlichen Glauben. Die Heiligtumsfahrten fanden traditionell sieben Tage vor und sieben Tage nach dem Kirchweihfest, dem 17. Juli, statt. Heute richtet sich der Termin meist nach dem Ferienkalender.

8. Ungarnkapelle

Zahlreiche Pilger kamen aus dem Osten: Böhmen, Slawen und vor allem die Ungarn bildeten eine große Gruppe treuer Pilger. Die Ungarn halten bis heute an der Tradition der Aachenfahrten fest. Ihre Stiftung ist die Figur des Heiligen Stephan von Imre Varga. Sie steht im Garten des Doms, neben der Ungarnkapelle.

Die ersten freien Pilger, es waren 1000, brachten sie nach der Wende 1993 nach Aachen. König István — Stephan — ist ihr Nationalheiliger. Er hat Ungarn im 11. Jahrhundert christianisiert. Die Ungarnkapelle des Aachener Doms ist ein sichtbares Zeichen einer langen religiösen Freundschaft, die im 14. Jahrhundert begann.

9. Münsterplatz

Der Münsterplatz erinnert an die ehemalige Bezeichnung für den Aachener Dom: das Aachener Münster. Im Schatten des heutigen Chores gab es seit alters her einen Friedhof, auf dem zunächst die Stiftsherren der Kirche, jedoch später auch die Pfarrkinder von St. Foillan und Pilger bestattet wurden. Nach dem Neubau des Chores, die Einweihung war 1414, wurden rund um den heutigen Dom Souvenirläden gebaut. Hier blühte ein reger Handel mit Pilgerdevotionalien aller Art.

Außerdem waren rund um den Münsterplatz verschiedene Hospitäler ansässig. Das Hospitalwesen geht auf die Zeit der Karolinger zurück. Es war eine frühe Form der städtischen Armenfürsorge. In karolingischen Kapitularien ist die Einrichtung von Spitälern in der Nähe von Klöstern und Stiften belegt. Daraus entwickelten sich Spitalorden und Bruderschaften.

10. Geldbrunnen

Keine Frage, auch in früheren Zeiten spielte das Geld eine Rolle. So waren Pilgerfahrten durchaus einträglich für Aachen. Es hatten sich sogar Handwerks- betriebe auf die Produktion von Pilgerdevotionalien und Erinnerungsstücken spezialisiert. Da alles in Handarbeit gefertigt werden musste, brauchte ein Betrieb sieben Jahre, in denen ausschließlich Produkte für die nächste Heiligtumsfahrt hergestellt wurden.

Nicht weit vom Dom entfernt hat man eine Gießerwerkstatt gefunden, in der aus Pfeifenton Gebetsreliefs hergestellt wurden. Sie waren ideale Mitbringsel und gut geeignet für kleine Hausaltäre.

11. Archäologische Vitrine

Während der archäologischen Grabungen 2009 tauchten unter anderem Reste einer Werkstatt auf dem Gelände auf. Zahlreiche tierische Knochen mit runden Löchern wurden gefunden. Offensichtlich hatten die Mönche in der Klosterwerkstatt Rosenkränze und andere Andenken für Pilger hergestellt. Beliebt waren auch Andenken aus Hirschgeweihen. Verkauft wurden diese Gegenstände am benachbarten Münsterplatz.

Für die Aachenfahrten wurden spezielle Souvenirs hergestellt. Bis heute kann man Achhörner im Töpfereiort Langerwehe kaufen. Die schlichten tönernen Hörner wurden während der Zeigungen geblasen. Wer es sich leisten konnte, kaufte Achhörner in Nobelausführung aus Rinder- oder Büffelhorn. Speziell hergestellt wurden auch Pilgerflaschen. Auf ihrer Vorderseite war die Zeigung des Marienkleides abgebildet. Die Rückseite erinnerte an die Wallfahrten in Kornelimünster.

12. Elisenbrunnen

Der Elisenbrunnen, benannt nach der Preußischen Kronprinzessin Elisabeth Ludovika von Bayern (1801-1873), wurde ab 1824 von Karl Friedrich Schinkel für die Einnahme der Trinkkuren gebaut. Hier sprudelt herrlich warm das Wasser der schwefelhaltigen Kaiserquelle. Die heißen Quellen Aachens sind seit jeher auch für Wallfahrer eine Wohltat, kamen sie doch früher meist ungewaschen und stinkend in Aachen an.

13. St. Foillan

Rechts neben der Kirche St. Foillan, über dem schmalen Fenster der Bäckerei, findet man in einem Dreieck eine Justitia abgebildet. Sie ist das Zeichen für das Sendgericht, das hier beheimatet war. Sendgerichte sind Kirchengerichte, die an Tagungsorten für Synoden abgehalten wurden. Das Synodalgericht in Aachen war als übergeordnete Stelle auch für Kirchenrechtsverfahren im Jülicher Raum zuständig. Es hatte Laienvergehen gegen Kirchenrecht zu ahnden. Auch Pilger, die sich etwas zu schulden hatten kommen lassen, wurden hier abgeurteilt.

14. „Haus zum Heiligen Geist“

Links neben St. Foillan steht das „Haus zum Heiligen Geist“. Es heißt stellvertretend so, da das ursprüngliche Hospital auf dem Katschhof heute nicht mehr steht. Es wurde vom „Boxemönster“, dem Geschäftshaus gegenüber, überbaut. In der Nähe gefundene karolingische Fundamente lassen vermuten, dass dort bereits ab dem 9. Jahrhundert ein Hospital gestanden haben könnte. Das „Haus zum Heiligen Geist“ ist ab 1316 belegt.

15. Blasiushospital

Am Hof steht das einzige noch erhaltene Armenhospital des mittelalterlichen Aachens. Das Haus gehört heute zum Kindergarten von St. Foillan. Das alte Gebäude erzählt nicht nur die Geschichte der frühen Armen- und Krankenpflege, es gibt auch Zeugnis von der Wiederverwendung von altem Baumaterial. Teile der Außenwände sind römische Blausteine. Das Blasiushospital wurde neben dem Haus „Zum Heiligen Geist“ ab 1336 als Spital betrieben.

16. Puppenbrunnen

Selbst die Figuren am Puppenbrunnen erzählen von den Aachenfahrten: die clevere Marktfrau, der Domherr, das Mädchen mit dem Rüschenkleid, der Professor, der Harlekin, die Masken, das Pferd — und der fröhlich krähende Hahn, der die Stadt auch an Wallfahrtstagen weckte.

17. Katschhof

Der Katschhof war im Mittelalter der beste Platz, um die Zeigung der Heiligtümer zu verfolgen. Der Platz verbindet Dom und Rathaus miteinander und war einst der Pfalzhof von Kaiser Karls riesiger Aachener Residenz. Sein Name zeugt vom Schandpfahl, dem Kax, der ehemals hier für die weltliche Gerichtsbarkeit aufgestellt war. Das untere Drittel des Hofes gehört fast bis zur Höhe der Ritter-Chorus-Straße zum Besitz des Domkapitels.

Bei schönem Wetter werden hier, auf einer eigens errichteten Bühne, Pilgergottesdienste abgehalten. Bei dieser Gelegenheit wird das Enthauptungstuch Johannes des Täufers öffentlich gezeigt. Im Mittelalter wurden die Reliquien auf der Turmgalerie ausgestellt. Immer für die Dauer eines „Vater Unser“.

18. Kornelimünster

Reisen, Pilgern oder Wallfahrten im Mittelalter stellten ganz andere Anforderungen an die Menschen als heute. So nutzten viele die Gelegenheit, nicht nur ein Ziel anzusteuern, sondern Wallfahrten zu mehreren Orten zu planen.

Zur Stadt Aachen gehört der Ortsteil Kornelimünster. Ludwig der Fromme hat im damaligen Inda 814 ein Reformkloster der Benediktiner gegründet und reich mit Reliquien beschenkt. Er entnahm dem Domschatz in Aachen drei wertvolle Tuchreliquien, die heute noch in Kornelimünster bewahrt werden. Sie heißen die Salvatorreliquien oder auch die „biblischen Heiligtümer“ und symbolisieren den dienenden Jesus Christus.

Das „Schürztuch“ trug er, während er den Jüngern vor dem letzten Abendmahl die Füße wusch und um sie damit abzutrocknen. Das „Grabtuch“ weist auf seinen irdischen Tod und die Grablegung hin. Das „Schweißtuch“ erinnert an Christi Auferstehung. Es soll das Gesicht des Toten bedeckt haben. Seit dem Mittelalter stimmt Kornelimünster die Zeigung seiner Stoffreliquien mit den Heiligtumsfahrten in Aachen ab. So finden diese bis heute immer parallel statt.