1. Freizeit

Ein barocker Spaziergang durch Altstadt von Aachen

Ziegel und Blaustein : Ein barocker Spaziergang durch Aachens Altstadt

Ziegel und Blaustein sind Markenzeichen der Barock-Epoche. In der Altstadt von Aachen gibt es noch zahlreiche Zeugnisse dieser Zeit. Ein Spaziergang zeigt sie auf.

Die Blamage war Stadtgespräch. Schon der Rohbau zeigte so große Mängel, dass der Bau noch vor der Vollendung wieder abgetragen werden musste. Dabei hatte sich Stadtbaumeister Johann Joseph Couven (1701 – 1763) den Bau der Ungarnkapelle am Aachener Dom als Krönung seiner Laufbahn vorgestellt. Einer seiner Nachfolger, Joseph Moretti (Geburtsort und -datum unbekannt – 1793), baute die Kapelle schließlich zu Ende. Im Innern allerdings sind Couvens Tabernakel, Altarschränke und Eichenbänke erhalten.

Ursprünglich hatte Couven diese für St. Peter entworfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie aber der Ungarnkapelle überlassen. Von Moretti stammt auch der Torbogen des ehemaligen Klosterrather Hofs, jetzt in der Nähe des Kármán-Auditoriums der RWTH Aachen in der Eilfschornsteinstraße. Unter Studierenden wird erzählt, dass der, der unter diesem Torbogen hergehe, das spätere Examen wohl nicht bestehen würde. Angesichts vieler Rationalität im Studium doch ein Hauch von Aberglaube?

Erst auf den zweiten Blick

Mit der Ungarnkapelle (1), dem erst auf den zweiten Blick barocken Bauwerk, beginnen wir unseren kleinen Rundgang durch die Altstadt. Dabei – Aachen ist nicht unbedingt als Barockstadt bekannt. Der karolingische Aachener Dom mit der gotischen Chorhalle oder das spätgotische Aachener Rathaus stehen eher für andere Epochen als architektonische Landmarken. Umso mehr lohnt es sich, mit offenen Augen spazieren zu gehen und das eine oder andere Bauwerk auf sich wirken zu lassen. Die Kombination von Ziegelmauerwerk und Fensterlaibungen aus Blaustein sind das charakteristische Merkmal des Aachener Barock. Meistens jedenfalls.

Durch die Annastraße, die schon allein durch ihre kleinen Geschäfte verzaubern kann, kommen wir an die Annakirche (2). Deren Geschichte ist wechselhaft. Der Ursprungsbau stammt von Couven, das Portal ist auch sein Werk, allerdings wurde es erst um 1900 von einem anderen Gebäude hierhin übertragen. Überhaupt ist eine gewisse Vorsicht geboten, weil in Aachen manche „antik“ erscheinende Hausfront nicht ganz echt ist. Denn im Zuge der Altstadtsanierung wurden Fassaden abzureißender Häuser – zumindest die Blausteinfassungen der Fenster – vor dem Abriss nummeriert und zunächst in der heutigen Aula Carolina gelagert. Später wurden sie dann bei modernen Häusern als neue alte Fassade erneut zur Geltung gebracht.

Gehen wir weiter in Richtung Löhergraben, gelangen wir bald an die Barockfabrik (3). Das Gebäude war früher eine Tuchfabrik. Prägend sind auch hier die für die Couven-Zeit charakteristischen Fensterlaibungen aus Blaustein. Seit 1982 ist das Gebäude Heimat für kulturelle Bürgerinitiativen und Spielstätte des Aachener Mundartpuppentheaters „Öcher Schängche“.

Barockes Zeugnis: das beleuchtete Roskapellchen bei Nacht. Foto: Andreas Steindl

An der großen Kreuzung biegen wir Richtung Markt in die Jakobstraße ein. Nach etwa 300 Metern steht rechts das „Haus Heusch“ (4), früher der „Wylresche Hof“ genannt. Bedauerlich, dass die Steine nicht erzählen können. Denn 1804 eröffnete Kaiser Napoleon mit der Schwiegertochter des Hausherrn den Ball. Als einziges der großen Barockbauten überstand es das Kriegsinferno im Juni 1943. Auch hier ist es wohl so, dass Laurenz Mefferdatis (1677 – 1748), der andere große Barockarchitekt in Aachen, den Bau begann, den Couven vollendete.

Weiter Richtung Markt gehen wir die Kockerellstraße hinab. Am Eckhaus vor dem Augustinerbach sind Fassadenelemente an der Außenwand der Turnhalle des Kaiser-Karls-Gymnasium „geklebt“. Es sind die Reste des „Wespienhauses“ (5). Dieses herrschaftliche Bürgerhaus, das 1737 den Auftakt zum Aachener Rokoko bildete, stand an der Ecke Kleinmarschier-/Elisabethstraße. Anfang des 20. Jahrhunderts bereits wegen Erbstreitigkeiten ausgeräumt, wurde der Bau dann im Zweiten Weltkrieg zerstört. Lediglich die Blausteinelemente der reich geschmückten Fassade konnten gerettet werden.

Die Barockfabrik am Löhergraben. Foto: Michael Jaspers

Zu einem anderen Zeitpunkt mag es reizvoll sein, in Burtscheid in der Abteistraße einen Wandbrunnen aufzusuchen. Denn der stammt aus diesem Wespienhaus und war 1737 von Couven für dessen Garten entworfen worden. 1993 gelangte er an seinen heutigen Standort. Möglicherweise war er einmal als Pferdetränke gedacht. Das Zusammenspiel von Bögen und Geraden, von Höhe, Breite und Tiefe zeigt die Meisterschaft des Architekten.

Wir folgen dem Augustinerbach und können an der Kreuzung Pontstraße einem „Bonusprogramm“ folgen: Denn nach wenigen Schritten sehen wir links die Theresienkirche (6). Architekt Mefferdatis hat sie ursprünglich für das danebenliegende Karmeliterinnenkloster gebaut. Auch wenn sie von außen einen eher schmucklosen Eindruck macht – im Inneren ist sie reichhaltig ausgestattet. Johann Joseph Couven hat sie aus dunklem Eichenholz gestaltet. Zwar wurde sie im Krieg zerstört, anschließend aber aufwendig wiederhergestellt. Die Theresienkirche ist nur zu besonderen Veranstaltungen geöffnet.

Ein Blick in den Hof von „Haus Heusch“. Foto: MHA/MICHAEL JASPERS

Nochmals etwa 500 Meter die Pontstraße hoch steht neben der Pfarrkirche Heilig Kreuz das Pfarrhaus (7), das frühere Kreuzherrenkloster. Über den Architekten ist nichts bekannt. Möglicherweise hat auch hier Mefferdatis Hand angelegt, die Formensprache erinnert an Couvens Fassade des Wespienhauses.

Über die Pontstraße wieder zurück stadteinwärts gelangt der Besucher an den Marktplatz. Unübersehbar ist dort als zentrale Installation der Karlsbrunnen (8). Er ist der älteste der Aachener Brunnen. Ihn krönt seit 1620 die Figur Kaiser Karls des Großen – allerdings als Kopie. Das Original befindet sich seit 1969 im Krönungssaal des Rathauses (9). Die sechs Tonnen schwere Bronzeschale nennen die Aachener „Eäzekomp“ – augenzwinkernd doppeldeutig, weil es sich sowohl auf „Erz“ beziehen als auch „Erbsenschüssel“ heißen kann. Das Blausteinbecken entwarf Aachens Stadtbaumeister Johann Joseph Couven 1735 anlässlich der barocken Renovierung des Rathauses. Im Inneren kann der Besucher im Ratssaal und im Werkmeistergericht noch die originale Holzvertäfelung Couvens bewundern.

Eindruck vom bürgerlichen Leben

Nur ein paar Schritte gehen wir abwärts in die Krämerstraße Richtung Hühnerdieb und beenden unseren Spaziergang am und im Couvenmuseum (10). 1786 hat es Jakob Couven (1735 – 1812), Sohn von Johann Joseph und dessen Nachfolger als Stadtbaumeister, erbaut, im Auftrag des letzten Bürgermeisters der französischen Besatzung, Andreas Monheim.

Die Annakirche in der Anna­straße.

Wer genau hinschaut, kann das Monogramm AM im Gitter über der Eingangstür erkennen. Sein Enkel Leonhard stellt Aachens erste Tafelschokolade her – als Heilmittel. Daraus entstand 1857 die Schokoladenfabrik Trumpf. Das Haus wurde 1960 als „Couvenmuseum“ eingeweiht. Das Vorgängermuseum am Seilgraben war im Krieg zerstört worden. Der Besucher findet hier typisches Mobiliar aus der Couvenzeit. Diese Epoche wird auch „Aachen-Lütticher-Barock“ genannt. Das Museum vermittelt einen guten Eindruck vom Leben in einem Aachener Bürgerhaus am Ausgang des 18. Jahrhunderts.

Es gibt weitere Zeugnisse barocker Baukunst in Aachen: Ganz sicher das Alte Kurhaus (11), das zur Zeit seines Entstehens im Kurpark der Badestadt lag. Heute ist der Bau von Jakob Couven umzingelt von Bebauung und Straßenführungen. Der Ballsaal ist beliebter Veranstaltungsort. Genannt werden muss auch das Roskapellchen (12), neben dem Aachener Dom ein weiterer Wallfahrtsort, zumindest von den Bewohnern dieses Stadtteils innig verehrt die Madonnenfigur im Inneren, Ort der Tröstung und des Gebetes in schwierigen Zeiten. Mefferdatis soll die Kapelle entworfen, der ältere Couven sie vollendet haben. Nicht unbedingt dem Barock entsprungen, dennoch ein liebenswerter Brauch ist das Streuengelchen, dass jedes Jahr gewählt wird und anlässlich der alljährlichen Roskirmes die Kinder mit Süßigkeiten beschenkt.