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Region: Die Karnevalszeit in Binche ist einzigartig und einen Ausflug wert

Region : Die Karnevalszeit in Binche ist einzigartig und einen Ausflug wert

Das kleine, mittelalterliche Städtchen Binche bei Mons, rund 160 Kilometer von Aachen und 60 Kilometer südlich von Brüssel, ist eine Reise wert. In der Karnevalszeit ist es Pilgerziel tausender Besucher, die der jecken Zeit besonders zugetan sind.

Doch in Binche ist Karneval mehr als fröhliches Feiern. Der dortige Karneval ist seit 2003 als Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Kulturerbes der Unesco anerkannt.

Das historische Rathaus an der Grand-Place: Und natürlich gibt es hier auch ein Glockenspiel.
Das historische Rathaus an der Grand-Place: Und natürlich gibt es hier auch ein Glockenspiel. Foto: Rolf Minderjahn

Seine Protagonisten, die Gilles, gehören zu den schillerndsten Karnevalsfiguren Europas. In ihren schmucken Kostümen sind sie die stolze Pracht des Umzugs am Fettdienstag. Das handgefertigte Kostüm eines Gille besteht aus einer Hemdbluse und einer Hose aus Jute, verziert mit 150 Motiven in schwarz, gelb und rot, was den belgischen Nationalfarben, aber auch den traditionellen Wappenemblemen der Stadt und der wallonischen Provinz Hennegau entspricht. Um die Hüfte trägt der Gille einen Gürtel aus roter und gelber Wolle auf Leinen mit Kupferglöckchen. Den Hals schmückt eine Krause, ein Cape oder ein Kragen aus Plissee oder Spitze. Die traditionelle Kopfbedeckung besteht aus einem „barrette“, einer Mütze aus weißer Baumwolle.

Das historische Rathaus an der Grand-Place: Und natürlich gibt es hier auch ein Glockenspiel. Fotos: Bruno Dalimonte und Rolf Minderjahn
Das historische Rathaus an der Grand-Place: Und natürlich gibt es hier auch ein Glockenspiel. Fotos: Bruno Dalimonte und Rolf Minderjahn

Das Prunkstück des Kostüms ist der Hut mit den Straußenfedern, der nur zum großen Umzug aufgesetzt wird. Er wird jedes Jahr mit neuen Federn geschmückt, es können 300 und mehr sein. An den Füßen tragen die Gilles Holzschuhe.

Im Mittelalter

Der Karneval von Binche folgt strengen Traditionen und Ritualen. Ab Fettdienstagmorgen verbergen die Gilles ihre Gesichter hinter den berühmten Wachsmasken mit der grünen Brille und dem schwarzen Schnurrbart und versammeln sich zum Auftakt im Rathaus. Die Ursprünge dieses Karnevals sind nicht genau zu bestimmen, da es zu wenige Informationen vor dem 17. Jahrhundert dazu gibt. Der Gille soll jedoch ein entfernter Cousin des Gille aus der Comedia dell Arte sein und sein Name aus dieser Epoche des 16. Jahrhunderts stammen, in der fahrendes Theatervolk durch die Regionen des Hennegau zog. Aus dieser Zeit stammen auch die Figuren der Pierrots und Harlekine.

Die karnevalistische Tradition in Binche ist jedoch noch älter und geht auf das 14. Jahrhundert zurück. Einer Legende zufolge soll im Jahre 1549 Maria von Ungarn ihren Bruder Karl V und seinen Sohn Philipp II von Spanien empfangen haben. Anlässlich dieses Besuches beschlossen die Hofdamen sich bei den Feierlichkeiten nach Art der Inka zu verkleiden, inspiriert von den Entdeckungen des Francisco Pizzaro in Peru zu jener Zeit. Aus dieser Verkleidung sollen die Kostüme der Gilles hervorgegangen sein.

Der Sonntag ist der farbenprächtigste Tag des Karnevals. Ab sieben Uhr morgens gehen die Teilnehmer von Haus zu Haus, unter dem Klang der begleitenden Trommeln oder typischen Drehorgeln aus Binche, in kleinen Gruppen durch die Stadt. Diese tragbaren Drehorgeln gab es bereits im 19. Jahrhundert in Binche. Sie werden mit einer Handkurbel bedient, den sogenannten „manique“, von dieser Bezeichnung leitet sich auch der Name der Orgelspieler von Binche ab: „manniqueu“.

Museum im Kloster

Nach dem ruhigeren Montag folgt der große und lange Tag des Fettdienstag beginnend mit dem Anlegen des traditionellen Kostüms der Gilles im engen Kreis der Familie. Bereits im Morgengrauen machen sich die ersten Gilles auf, mit einem Bündel aus getrockneter Weide in der Hand, das von einem Rattanband zusammengehalten wird. Gegen 8.30 Uhr versammeln sie sich zusammen mit den Bauern und den anderen Gruppen wie den Harlekinen und den Pierrots auf der Grand-Place. Um 15 Uhr startet der große Umzug, der auf der Grand-Place mit einer „Runde“ der Gilles endet. Während dieses Karnevalsumzugs tragen die Gilles ihre berühmten Hüte mit den Straußenfedern und Körbe mit tausenden von Orangen, die sie an die Zuschauer verteilen.

Binche wartet mit einer weiteren Besonderheit auf, dem einzigartigen Internationalen Karnevals- und Maskenmuseum in einem alten Augustinerkloster. Besucher können die Ursprünge, die Bedeutung und die Entwicklung der Folklore von Binche entdecken und zudem eine einmalige Sammlung von Masken aus der ganzen Welt. Auf zwei Etagen lädt ein Rundgang zu einer spannenden Reise durch die Feste und Riten auf unserer Erde ein. Hunderte Masken und Kostüme bilden ein buntes, faszinierendes Universum der Kulturen und eine Augenweide zugleich. Man taucht förmlich ab in eine kleine Weltreise, ist unterwegs auf Entdeckungstour zu fremden Ländern und Bräuchen.

Wechselausstellungen

Von den Winterfesten in Europa zu den geheimnisvollen Zeremonien Nord- und Lateinamerikas, über die mysteriösen Kostüme Afrikas bis hin zu den erstaunlichen Bräuchen Asiens und Ozeaniens führt der Parcours. Die Universalität der Maske, ihre verschiedenen Verwendungsarten, Formen und Materialien werden dargestellt. Das Museum zeigt interessante Wechselausstellungen. „Götter aus Leder, Helden aus Holz“ heißt eine Ausstellung im Rahmen des belgischen Kulturfestivals Europalia Indonesia, die noch bis 11. März 2018 läuft.

Eine außergewöhnliche Gelegenheit die indonesische Marionettenkunst kennenzulernen, die Geschichte, die Kostüme, die traditionelle Kultur des weltberühmten indonesischen Puppentheaters Wayang, das seit 2003 als eines der Unesco Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit zählt. Indonesien verfügt über eine große Tradition der Marionetten in vielen Formen und unterschiedlichen Stilrichtungen.

Zwei Arten von Marionetten verdeutlichen besonders den Esprit dieses Brauchtums und stehen im internationalen Museum des Karnevals und der Maske im Mittelpunkt: Die dreidimensionale Holzmarionette Wayang Golek und Wayang Klitik sowie die Marionette des Schattentheaters, flach und aus Leder, Wayang Kulit. Von Juni bis Dezember 2018 steht der noch relativ unbekannte Karneval von Cayenne, dessen Wurzeln sich in Europa befinden, im Mittelpunkt einer weiteren Sonderausstellung.

Mit Charme

Nicht nur zum Karneval ist Binche erlebenswert. Der Ort ist Geschichte pur und römischen Ursprungs. Er liegt an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt mitten in einer reichen, landwirtschaftlich geprägten Gegend. Seit dem 11./12. Jahrhundert bauten die Grafen von Hennegau auf dem vom Fluss Samme umflossenen Felsvorsprung einen imposanten Bergfried, an den sich das Renaissanceschloss von Marie von Ungarn, Regentin der Niederlande, anlehnt.

Im 12. Jahrhundert errichtete Balduin IV., Graf von Hennegau, eine erste Stadtmauer aus vielen Steinen, aber auch aus Holz. Im 14. Jahrhundert wurde die große Stadtmauer gebaut, deren Gesamtlänge zwei Kilometer beträgt und von der bis heute nur 300 Meter sowie fünf von 30 Türmen sowie die Tore abgerissen wurden. Der Belfried von Binche ist eines der Prunkstücke im architektonischen Erbe der Gemeinde und ebenfalls Weltkulturerbe. Der Bau des Belfrieds begann bereits im 14. Jahrhundert.

Sein heutiges Aussehen stammt jedoch zum größten Teil aus dem 16. Jahrhundert. Er beherbergt eine Uhr und ein Glockenspiel. Er ist Teil des Rathauses mitten auf der Grand-Place. Das Rathaus mit seinen Arkaden ist eindeutig gotisch, während Belfried und Campanile im Renaissance-Stil gehalten sind.

Die Bistros und Cafés rund um die Grand-Place sind von typisch wallonischer Gastlichkeit. Hier kehrt man zum Abschluss eines Spaziergangs durch das Mittelalter in Binche gerne ein.