19 Weltkulturerbe-Stätten: Das grüne Hennegau im Südwesten Belgiens ein echter Geheimtipp

19 Weltkulturerbe-Stätten : Das grüne Hennegau im Südwesten Belgiens ein echter Geheimtipp

Die Glockentürme und die Kathedrale Notre Dame von Tournai sind nur zwei Geheimtipps von den insgesamt 19 Weltkulturerbe-Stätten in der Region Hennegau im Südwesten Belgiens. Außerdem ist eine romantische Bootsfahrt über den „Canal du Centre“ eine der interessantesten Attraktionen.

Im Südwesten Belgiens, an der französischen Grenze und rund 160 Kilometer von Aachen entfernt, liegt eine wenig bekannte Region, die aufgrund ihrer besonderen Reize ein echter Geheimtipp ist. Der Hennegau, mit rund 1,3 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Provinz Walloniens, vereint üppige Landschaften und Schlossbauten mit Kanälen, Flüssen und Seen. Dazwischen liegen Zeugnisse einer bedeutenden Industriegeschichte wie die Bergarbeitersiedlung Le Grand Hornu, die als Weltkulturerbe ausgezeichnet wurde, und technische Meisterwerke wie das berühmte, größte Schiffshebewerk der Welt in Strépy-Thieu.

Landschaftlich ist diese grüne Region zwischen dem Maasnebenfluss Sambre im Osten und der Schelde im Westen vom Wasser geprägt. Sie wird durchzogen vom  Canal du Centre und vom Kanal Charleroi – Brüssel mit der bedeutenden Schleuse an der schiefen Ebene von Ronquières.

Eine der interessantesten touristischen Attraktionen ist die romantische Bootsfahrt über den „Canal du Centre“ und die Passage der vier geschichtsträchtigen Schiffshebewerke, die ebenfalls Weltkulturerbe sind. Insgesamt gibt es in dieser Region 19 Stätten, die von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt wurden, darunter die Glockentürme, das Feuersteinminenmuseum in Spiennes, der Karneval von Binche und die Kathedrale Notre Dame von Tournai.

Die Kanäle im Hennegau laden zu ausgedehnten Touren ein. Foto: zva/R. Minderjahn

Auf dem Kanal Charleroi – Brüssel vor den Toren Brüssels trifft man auf die schiefe Ebene von Ronquières, gebaut 1968. Dieses einzigartige Bauwerk ist eine Schleuse. Bereits von weitem erblickt man den 125 Meter hohen Betonturm. Bei schönem Wetter bietet sich von oben ein herrliches Panorama über die Region und den Kanal. Im neuen Besucherzentrum mit gläsernen Fußgängerstegen bekommt man einen Eindruck von der technischen Funktionsweise der Anlage und vom Ein- und Ausfahren der Schiffe auf der 1432 Meter langen Schiene, der längsten ihrer Art weltweit. Es gibt zudem eine Ausstellung über die Flussschifffahrt und das Leben der Binnenschiffer.

Statt in einer herkömmlichen Schleuse überwinden die Lastkähne in zwei Wassertrögen, die auf einer langen, schrägen Ebene wie Container rollen, den Höhenunterschied von 68 Metern. Das Bauwerk besteht aus zwei mit Wasser gefüllten, voneinander vollkommen unabhängigen Becken von 91 Metern Länge und zwölf Metern Breite, mit einem Gewicht von 5000 bis 5700 Tonnen, in welche die Schiffe einfahren.

Die Kanalbrücke der schiefen Ebene von Ronquières wird von 70 Säulen von jeweils zwei Meter Durchmesser getragen, misst 290 Meter in der Länge und 59 Meter in der Breite und hält einer Belastung von etwa 100.000 Tonnen Wasser stand. Sie dient als Ausgangshafen für Lastkähne, die auf die Überquerung warten. Grandios: der Anblick dieses riesigen Betonvogels mit ausgebreiteten Flügeln. Am Kanal mit seiner bemerkenswerten Flora und Fauna kann man sehr schön Rad fahren.

Es werden zudem einstündige Bootsfahrten bis nach Ittre und zurück angeboten. Ittre liegt in der Nachbarprovinz Wallonisch-Brabant, im sogenannten Roman Païs (romanisches Land auf die Sprache bezogen, nicht auf die Architektur). Sehr sehenswert ist die romanische Stiftskirche Sainte Gertrude, das Juwel der ehemaligen Abtei, die im 7. Jahrhundert von der Mutter der Namenspatronin gegründet wurde. Sie steht im Zentrum von Nivelles, dem Hauptort des Roman Païs.

Ein Technikwunder: das Schiffshebewerk von Strépy-Thieu. Foto: zva/R. Minderjahn

Die vier Schiffshebewerke des historischen Canal du Centre sind Glanzstücke der frühen Ingenieurskunst und Unesco-Weltkulturerbe. Sie sind die einzigen Hebewerke der Welt, die noch mit ihrer ursprünglichen Maschinerie und dem damaligen Mechanismus betrieben werden. Jedes einzelne Hebewerk überwindet einen Höhenunterschied von rund 17 Metern, und das durch eine einzige Energiequelle: Wasser. Das Hebewerk Nr. 1 in Houdeng-Goegnies wurde bereits 1888 erbaut. Es besteht aus zwei mobilen Kammern, die jeweils von einer hydraulischen Maschinerie bedient werden. Lift Nr. 2 (Houdeng-Aimeries) und Nr. 3 (Bracquegnies) sowie Nr. 4 (Thieu) wurden 13 Jahre später nach demselben Muster erbaut.

Der Kanal und die Hebewerke sind von der Autobahn E 42 Charleroi–Mons, Ausfahrt 21, in nur wenigen Minuten zu erreichen (Beschilderung Ascenseurs No. 1–4, Canal du Centre). Die von den Ingenieuren entwickelte Technologie war in jener Zeit eine absolute Spitzenleistung; nur wenige Zentimeter Wasser, die dem oberen Trog hinzugefügt werden, reichen aus, um die gegenläufige Bewegung der Schiffshebewerke in Bewegung zu setzen. Allein die hydraulische Energie ermöglicht es, diese Monster aus Stahl, die ein Gesamtgefälle von 66 Metern ausgleichen und 17 Schleusen ersetzen, sanft in Bewegung zu setzen.

Gemeinsam mit dem Kanal und seinen anderen Elementen wie Maschinenräume, Dreh- und Zugbrücken bilden die Hebewerke eine sehr schöne und gut erhaltene Einheit, die Spaziergänger, Freizeitkapitäne und Passagiere von Touristenbooten direkt in eine Industrielandschaft aus dem 19. Jahrhundert zurückversetzt. Die baumbestandenen, schattigen Ufer des Kanals laden zum Radfahren und zum Wandern ein – eine Wassermeile voller Idylle, auf der man auch Elektroboote mieten kann.

Ein Blickfang nicht nur wegen des 125 Meter hohen Turms: die Schiffsschleuse an der schiefen Ebene von Ronquières. Foto: zva/R. Minderjahn

Zwei Kilometer weiter ragt – 117 Meter hoch – eines der Technikwunder Belgiens aus der Landschaft auf. Das Schiffshebewerk von Strépy-Thieu ist bereits von der Autobahn E 42 aus zu bestaunen. Das gewaltige Bauwerk des Stahltrossen-Aufzuges in Strépy-Thieu bei Mons ragt schon von weitem sichtbar wie ein gelandetes Raumschiff über die weite Ebene hinaus. Dieses einzelne Schiffshebewerk, das momentan in der Welt ohnegleichen ist, ersetzt die vier historischen, hydraulischen Hebewerke auf dem Canal du Centre.

Mit der Umstellung der belgischen Wasserstraßen auf 1350-Tonnen-Binnenschiffe wurde ein neues Teilstück für den Canal du Centre und ein leistungsfähigeres Hebewerk nötig. Der bisherige Kanal überwand den Höhenunterschied von circa 90 Metern zwischen dem Schelde-Becken und den Maas-Flußarmen durch Anordnung dreier Schleusen und vier hydraulisch betriebener Hebewerke. Die Schiffe benötigten für die Durchfahrt mehr als fünf Stunden. Dieselbe Distanz wird nun dank des Senkrecht-Doppel-Hebewerkes in nur 45 Minuten bewältigt.

Ein technisches Meisterwerk

In Strépy-Thieu überwinden die Schiffe mittels dieses technischen Meisterwerkes einen Höhenunterschied von 73 Metern. Die beiden Tröge an den Seiten haben ein Gewicht von je 8000 Tonnen, sind 112 Meter lang und acht Meter tief. Jeder Trog hängt an 144 Stahlseilen,112 Stahlseile sind mit den acht Gegengewichten verbunden und jeweils 32 Seile dienen dem Antrieb.

Ein interaktiver Rundgang mit Filmvorführung im oberen Bereich des Hebewerks verdeutlicht die technischen Finessen und die Geschichte des Baus dieser Anlage. Beeindruckend ist vor allem der Maschinenraum mit den riesigen Stahltrossengewinden – ein Paradies für Technikfreaks. Auch Besucher können mit dem Touristenschiff das Hebewerk passieren und einen unvergesslichen Eindruck mitnehmen. Gerade einmal sieben Minuten dauert das reine Hinaufziehen oder Herablassen der Schiffe.

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