Echt mit der roten Tulpe: Das Farina-Haus ist die älteste Parfumfabrik der Welt

Echt mit der roten Tulpe : Das Farina-Haus ist die älteste Parfumfabrik der Welt

Die Fülle der Informationen, die der Besucher im Duftmuseum im Farina-Haus in Köln während der knapp einstündigen Führung erhält, ist beeindruckend. Das Haus hat aber auch eine lange Geschichte, schließlich ist die 1709 gegründete Fabrik die älteste der Welt.

Hier wurde das „Original Eau de Cologne“ erfunden. Die Kundenliste liest sich wie das „Who is who“ quer durch die Jahrhunderte. Oder beginnen wir bei den zeitweise fast fünf Dutzend Detektiven, die in aller Welt Nachahmungen und/oder Fälschungen aufdecken sollten? Oder bei dem prächtigen Präsentationsschrank, den Vertreter auf Koffergröße zusammenfalten konnten, um die Produkte des Hauses Farina in aller Welt vorführen zu können?

Namensherkunft

Vielleicht erklären wir aber zunächst die Herkunft des Namens: „Farina gegenüber“, so heißt es abgekürzt, vollständig „Farina gegenüber am Jülichsplatz“. Wer nun meint, das sei eine Verbindung zum nahe gelegenen Jülich der Herzöge von Berg, der irrt gewaltig. Nikolaus Gülich war in den 1680er Jahren der Anführer einer Protestbewegung gegen die Kölner Stadtführung. Es ging unter anderem um Vetternwirtschaft. Er wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Sein Haus in der Innenstadt wurde abgerissen, und es erging das Verbot, diesen Platz jemals wieder zu bebauen. Im Volksmund hieß er „Gülichs Platz“. Da der Kölner aber das „G“ zu einem „J“ verschleift, entstand der Jülichsplatz. Und da es im Rokoko noch keine Hausnummern gab, beschrieb man seine Adresse wie Johann Maria Farina mit einer Umschreibung. Und da diese eingeführt war, behielt man sie bei. Bis heute.

Das Duftlabor zeigt Fläschchen und Flakons, Wasser und Öle, die zur Parfumherstellung benutzt wurden. Foto: Martin Thull

Johann Maria Farina (1685-1766), der Gründer des Hauses und Erfinder des Eau de Cologne, stammte aus Italien. Er kam nach Köln, weil dort bereits sein Bruder ein kleines Geschäft für Luxuswaren führte. Köln war Handelsmetropole mit Verbindungen in alle Welt. 1709 gelang ihm die Kreation eines Duftes, der ihn „an einen italienischen Frühlingsmorgen mit Bergnarzissen, Orangenblüten kurz nach dem Regen“ erinnerte.

Und offenbar seine immer zahlreicher werdende Kundschaft ebenfalls. Denn damals galt die tägliche Körperreinigung als ein solcher Luxus, dass sie selbst der Adel nicht pflegte. Von Kurfürst Clemens August, immerhin der Erbauer von Schloss Brühl, wurde berichtet, dass er zwar über eine Badewanne verfügte, diese aber nicht nutzte. Stattdessen bezog er von Farina Duftwasser, die seinen Körpergeruch übertünchen sollte. Da diesen Brauch auch andere in seiner Umgebung pflegten, ist leicht vorstellbar, dass das Zusammensein einen massiven Angriff auf die Geruchsnerven darstellte. Zugleich aber ein wunderbares Geschäftsmodell für den Kölner Parfumeur.

Das Farina-Haus von außen: Es liegt mitten im Zentrum Kölns, nur wenige Minuten vom Dom entfernt. Foto: Martin Thull

Das Wasser diente nicht allein zur äußerlichen Anwendung, sondern leistete auch bei der Pflege der Zähne, der Beseitigung von Mundgeruch und der Bekämpfung ansteckender Krankheiten beste Dienste.

Die Liste der Kunden ist lang, die der damals Prominenten, die Farina in Köln besuchten, erlesen: Der Komponist und Violinvirtuose Niccolò Paganini wird genannt, Kaiser Napoleon, König Friedrich Wilhelm III. von Preußen oder die britische Queen Victoria. Johann Wolfgang von Goethe orderte „ein Kästchen mit sechs Gläsern Eau de Cologne“ und der Philosoph der Aufklärung Voltaire schwärmte: „Endlich ein Duft, der den Geist inspiriert und nicht den Körper verklebt.“ Das „älteste Parfum der Welt“ nutzten in der Neuzeit Damen wie Marlene Dietrich, Kaiserin Soraya, Romy Schneider und François Sagan, Hildegard Knef und Prinzessin Diana. Aber auch Männer wie Konrad Adenauer, Heinz Rühmann und Bill Clinton.

Die Ahnengalerie der wichtigen Persönlichkeiten, die mit dem Farina-Haus zu tun haben. Foto: Martin Thull

Das Kultwasser

Erkennbar war das zum Kult gewordene „Wasser“ der Oberschicht an dem Etikett. Die rote Tulpe ist entstanden aus dem Siegel. Ursprünglich wurden alle Flaschen gesiegelt und am Anfang auch alle handschriftlich vom jeweiligen Firmenchef unterschrieben. Auf den niederländischen Börsen wurden Tulpen gerade mit Gold aufgewogen. Im Hause Farina standen sie für Reinheit und Qualität, für das Gegenteil von Schmutz und Elend.

Ein Gemälde mit dem berühmten Gründer der Duftfabrik Johann Maria Farina darf natürlich nicht fehlen. Foto: Martin Thull

Der wirtschaftliche Erfolg der Familie Farina, die das Haus heute in der achten Generation führt, ließ Neider nicht ruhen. Das Originalrezept ist mindestens so geheim wie das von Coca Cola und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Und so gab es immer wieder Versuche, Nachahmerprodukte gewinnbringend an Frau und Mann zu bringen. Markenschutz gab es erst Ende des 19. Jahrhunderts, unter Johann Maria Farina gelang der Übergang von der Manufaktur zum Industriebetrieb. Er trieb das Markenschutzgesetz des Deutschen Reiches voran und besaß den Schutz der Marken 1, 2 und 3 nach dem entsprechenden Gesetz von 1875. Im historischen Kontor mit dem aufgeschlagenen Buch der „bösen Schuldener“ können sich auch ungeübte Nasen davon überzeugen, welche Welten zwischen Original und Plagiat bestehen.

Wilhelm Mülhens wollte es besonders schlau anstellen und erwarb von einem Italiener das Recht an dessen Namen. Nur muss man wissen, dass „Farina“ ein ziemlich gebräuchlicher Name in Italien ist. Mühlens wurde der Gebrauch des Namens Farina untersagt – daraufhin benannte er seinen Duft nach der Hausnummer, in der er hergestellt wurde: „4711 – Echt Kölnisch Wasser“. Das Duftwasser gilt inzwischen als viel bekannter als Farinas Original. Tatsächlich ist „4711“ zum Inbegriff für Original Kölnisch Wasser geworden, und riecht dabei doch ganz anders als Farinas Eau de Cologne. Und nicht zuletzt die Preisgestaltung zeigt den Unterschied auf.

Überhaupt: Selbstverständlich gehört zum Besuch dieses Duftmuseums auch eine ausführliche Riechprobe. Die Besucher fächeln über der Flaschenöffnung den Inhaltsduft an ihre Nase. Orange und Bergamotte, Weihrauchbaum und Amber neben anderen Grundstoffen zur Parfümherstellung. Und sie erfahren etwas über die „Noten“ eines Parfüms: Die Kopfnote verfliegt sehr schnell, nach der Herznote bleibt die Basisnote am längsten auf der Haut haften. Deshalb empfehle es sich auch, beim Parfumkauf eine Probe auf die Haut zu sprühen und 15 Minuten „spazieren“ zu gehen, um dann festzustellen, ob der Duft immer noch gefällt. Eine neue Erfahrung ist, zwischen zwei Geruchsproben an einem Glas mit Pulverkaffe zu schnuppern. Das „neutralisiert“ den Geruchssinn für neue Eindrücke. Beim Museumsbesuch lernen für den Alltag…

Das Bühnenstück zum Duft

Dass in Köln die Zahl elf eine besondere Bedeutung hat, hat sich inzwischen herumgesprochen. So verwundert es nicht, dass Elf, Farina und das Hänneschen Theater in diesem Jahr 2018 eine Verbindung eingegangen sind. Denn 333 Jahre nach der Geburt des Farina-Gründers gibt es ein Stück über „Farina – das Wunderwasser von Kölle“ (www.haenneschen.de). Neben dem Geburtsort Santa Maria Maggiore und Köln spielt Knollendorf eine Rolle. Hänneschen erfährt eine Ausbildung als Parfümeur und entwickelt ein neues „Eau imaculé“ mit Hilfe von Bärbelchen. Auch Tünnes und Schäl spielen – wen wundert’s? – eine Rolle. So erzählt Theaterleiterin Frauke Kemmerling unterhaltsam eine kölsch-europäische Familiensaga mit Knollendorfer Akzenten.

Übrigens: Der Chef von Farina heißt seit der Gründung meist mit Vornamen „Johann Maria“. Der jetzige Geschäftsführer leitet das Unternehmen in 8. Generation. Die heute 18-jährige Tochter ist die erste Gesellschafterin der 9. Generation. Immerhin – „Maria“ ist ihr zweiter Vorname. Die Firmenchronik weiß, dass schon früher Frauen führende Verantwortung übernommen hatten. So führte die vierfache Urgroßmutter des jetzigen Chefs als Witwe die Firma von 1794-1800.

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