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Region: Brüsseler Viertel Ixelles: Genießen im „gelben Boot“

Region : Brüsseler Viertel Ixelles: Genießen im „gelben Boot“

Auf der Brüsseler Place Flagey um die Mittagszeit. Vor dem Café Belga sitzen die Gäste schon draußen, genießen die ersten warmen Sonnenstrahlen und den Panoramablick auf die Teiche von Ixelles, die Etangs d’Ixelles. Mittags und abends ist es in dem Trendcafé proppenvoll. Ebenso im Restaurant Le Variétés am anderen Ende des ehemaligen Funkhauses. Beide haben noch das Originalinterieur der Art-déco-Epoche.

Unterkühlte Ästhetik gemixt mit warmer und offener Atmosphäre trifft am ehesten zu — auf die Stimmung, die so typisch ist für viele Brüsseler Bars und Restaurants. Sind es tagsüber die Mitarbeiter der zahlreichen Büros, die in dem großen Klinkergebäude untergebracht sind, kommen abends Gäste, bevor oder nachdem sie in einem der Konzertsäle des Kulturzentrums Flagey fetzigen Jazz oder feine klassische Musik genießen.

Wie ein Luxusdampfer ragt der schiffsähnliche Komplex mit den abgerundeten Formen, der 1938 nach den Plänen von Joseph Diongre erbaut wurde, auf der Place hervor. Dazu haben die Brüsseler sogar den passenden Namen kreiert. „Le Paquebot jaune“ (das gelbe Boot) nennen sie den heute allseits beliebten Kulturtreffpunkt.

Vielfältiges Dreieck

Ixelles liegt im Südosten von Brüssel, das Viertel gilt als die Wiege des Jugendstils. Schon in der Uferstraße, direkt gegenüber der Place Flagey, in der Avenue du Général de Gaulle (Hausnummer 18 und 19) findet der Besucher eindrucksvolle Jugendstilfassaden vor. Türkisfarbene Fensterrahmen winden sich wie Schlingpflanzen um das Glas, oberhalb der Eingangstür leuchtet rund wie eine Sonne eine filigrane Metalltafel, geometrische Formen setzen sich zu exzentrischen Blüten und schmiedeeisernen Ornamenten zusammen.

Sie schmücken Hauswand und Erker. Alles zusammen wirkt dann wie ein dreidimensionales Kunstwerk aus Stein, Glas und Metall. Die nahen Straßen Rue du Lac, Rue de la Vallée und Rue Vilain XIIII bilden ein Dreieck, das sich in zehn Minuten ablaufen lässt und dem Kunstfreund von Jugendstilfassaden eine Vielfalt bietet wie kaum ein anderes Brüsseler Viertel.

Ixelles bietet viel. Dafür sorgt auch das Musée d’Ixelles. Nicht weit von der Place Flagey entfernt, in der ruhigen Rue Jean Van Volsem, steht hinter einem Torbogen ein schlichter weißer Bau. So unauffällig, dass man ihn auf den ersten Blick nicht als Museum wahrnimmt. Überhaupt führt das in einem ehemaligen Schlachthaus untergebrachte Museum der schönen Künste ein Schattendasein.

Trotz der bemerkenswerten Dauerausstellung von Werken aus dem belgischen Impressionismus, trotz extravaganter Ausstellungen, die nicht selten auf ihrem Programm stehen. Mehr Aufmerksamkeit bekommen stets die großen Königlichen Museen am Kunstberg.

Mit der aktuellen Ausstellung „Pierre & Gilles — Clair-obscur“, die sich zwischen Popart und surrealer Bildkunst bewegt, sorgt das Museum auf jeden Fall wieder einmal für einen besonderen Höhepunkt. Die Künstler Pierre & Gilles leben seit 1976 und arbeiten seit 1977 zusammen in Paris. Pierre Commoy ist ausgebildeter Fotograf, der lange Zeit für das bekannte Warhol-Magazin „Interview“ fotografierte, Gilles Blanchard dagegen suchte schon sehr früh die Nähe zur Kunstszene.

Vor allem Porträts

Édouard Philippe vergleicht die Künstler im Ausstellungskatalog mit den antiken Zwillingen Kastor und Pollux. Ähnlich wie die unzertrennlichen Zwillinge harmoniert das Paar Pierre & Gilles. Einer fotografiert, der andere retuschiert und koloriert die Abzüge. Doch niemals dominiert die Technik des einen. Vor allem Porträts, auf Inszenierung getrimmt dank künstlerischer Übermalung, stehen im Mittelpunkt.

Fast alle Porträts entstehen in ihrem Pariser Atelier. Weinende Matrosen, alternde Diven und nackte Heilige stellen Pierre & Gilles dekorativ dar und integrieren dabei ihre verkitschten Posen in Alltagsthemen. Manche nennen die knallbunten großformatigen Bilder Kitsch, andere sprechen von moderner Salonkunst mit Bezügen zur Popart.

Pierre & Gilles haben immer wieder Prominente für ihre Kunst gewinnen können. Catherine Deneuve strahlt als zart schimmernde Märchenprinzessin von der Leinwand, Nina Hagen sitzt als schrille Domina in der gutbürgerlichen Stube, und bei Chonchita Wurst blickt man gleichermaßen auf den roten Kirschmund im Hintergrund.

Wer noch Zeit hat, kann die Villa Empain besuchen. An der Grenze zwischen den Viertel Ixelles und Boondael fügt sich die Villa elegant in die Reihe repräsentativer Diplomatenhäuser entlang der Avenue Franklin Roosevelt ein. Louis Em-pain, jüngster Spross einer wohlhabenden belgischen Unternehmerfamilie, ließ diese Art-déco-Villa 1930 von dem bedeutenden Brüsseler Architekten Michel Polak erbauen.

Allerdings bewohnte er das 2500 Quadratmeter große Haus nach fünfjähriger Bauzeit nur für ein Jahr. Es war ihm zu groß und zu dunkel. Seit etwa zehn Jahren gehört es der Stiftung Boghossian, die Kultur und Bildung von jungen Menschen in Armenien, der Heimat des Stifters, fördert und mit verschiedenen Ausstellungen vor allem arabischstämmige Künstler unterstützt.

Nobel wirkt die Villa. Schon die Hausfassade glänzt in poliertem blaugrauen Marmor, Fensterhöhlen und Gebäudekanten sind mit vergoldeten Eckprofilen ausgestattet. Auch innen herrschen Pracht und Luxus vor. Ein Höhepunkt ist der atemberaubend schöne Pool, eingerahmt von einer kunstvollen Pergola. Davor eine große Terrasse. Dort werden in der warmen Jahreszeit Kaffee und Drinks serviert. „Der große Gatsby“ lässt grüßen.