1. Freizeit

Mitmachausstellung auf Burg Wissem: Bilderbuchmuseum feiert Künstler Helme Heine

Mitmachausstellung auf Burg Wissem : Bilderbuchmuseum feiert Künstler Helme Heine

Das Bilderbuchmuseum Burg Wissem in Troisdorf feiert den Künstler Helme Heine und wird zum Bauernhof. Nicht nur kleine Besucher dürfen dort spielen, basteln und schmökern.

Mullewapp. Das klingt lustig, zärtlich und tröstlich zugleich. Ein Wort, das man laut aussprechen muss, um zu hören, wonach es klingt. Nach dem „Wulle, wulle Gänschen“ aus dem Kinderreim, nach weicher Gaze, die Wunden heilt und nach dem Geräusch, das Gummistiefel machen, wenn man mit ihnen – Wappwapp – durchs Wasser watet. Ganz schlaue Erwachsene erinnert es vielleicht auch an Astrid Lindgrens Bullerbü, das Bullabü ausgesprochen wird.

Mullewapp, so heißt der Bauernhof, auf dem die drei Freunde Johnny Mauser, Franz von Hahn, der dicke Waldemar und noch viele andere Tiere leben. Ausgedacht hat sie sich Helme Heine. 1982 packte er ihre Abenteuer zwischen zwei Buchdeckel und wurde damit weltbekannt. Dem Ausnahmekünstler widmet das Bilderbuchmuseum der Stadt Troisdorf derzeit eine Sonderschau.

Dabei handelt es sich, wie der Untertitel verrät, um „eine Mitmachausstellung für Jung und Alt“. Und tatsächlich: Kaum ist man im Erdgeschoss von Burg Wissem (wo 1982 Europas einziges Museum für Bilderbuchkunst und Jugendbuchkunst seine Pforten öffnete) angekommen, ist man mittendrin in Mullewapp. In einer Holzkiste türmen sich knallrote Gummistiefel, für die man als Erwachsener leider schon zu groß ist. Aber die kleinen Besucher tauschen sie mit Begeisterung gegen das eigene Schuhwerk. Um am Schubkarrenrennen oder Schweinchenwürfeln teilzunehmen. Aber dass eins der kleinen rosa Gummiferkel wirklich beim Werfen auf die Schnauze fällt und man damit zwölf Punkte macht, ist so gut wie unmöglich.

Von Katzen, Mäusen und Menschen: Viele Seiten Helme Heines sind bis zum 1. März in Troisdorf zu entdecken. Der 78-Jährige lebt und arbeitet mit seiner Frau in Neuseeland. Von dort aus hat er die Ausstellungsmacher unterstützt. Foto: Helme Heine

Dann lieber schnell auf eins der Plüschponys klettern, die schon gesattelt sind, Plüschkühe streicheln oder sich in den riesigen rosa Waldemar-Sitzsack kuscheln, um in einem der vielen Heine-Bilderbücher zu schmökern, die ringsum an der Wand stehen.

Um in „Die Perle“ mit Biber Biba herauszufinden, dass die wahren Schätze nicht in Muscheln verborgen sind. Mit „Tante Nudel, Onkel Ruhe und Herr Schlau“ die Rollen zu tauschen und festzustellen, dass jeder alles kann. Oder in „Das Elefanteneinmaleins“, gemeinsam mit den Dickhäutern und den „Klößen“, die sie machen, das Zählen zu lernen und zu begreifen, dass Leben endlich ist. Auch die „Freunde“-Bücher fehlen natürlich nicht, mit all ihren Fortsetzungen, die „Der Rennwagen“ heißen oder „Der Wecker“ oder „Der Besuch“.

Seine „Freunde“ sind Klassiker

Der Bauernhof, der im großen Saal aufgebaut ist, sieht mit seinem reetgedeckten Dach, den Hühnern und der Katze, die im Körbchen schaukelt, genauso aus wie im Buch. Gleich nebenan kann man aus Holzperlen Kirschen basteln und aus Seidenpapier Blüten – und damit einen Baum bestücken, der gleichzeitig Blüten und Früchte trägt. Wer die „Freunde“-Bücher kennt, weiß, was es damit auf sich hat: Johnny, Franz und Waldemar lieben Kirschen über alles. Als Pappmaché-Modelle fahren sie Fahrrad – was nur zusammen geht – und ringsum auf den Wänden zeigen Originalaquarelle von Heine, was sie sonst noch alles in Mullewapp erleben. Oder was sich der Künstler für seinen „Familienkalender“ ausgedacht hat.

Heine, der 1941 in Berlin geboren wurde, zählt zu den großen Künstlern der Gegenwart. Seine internationale Karriere begann 1977 mit dem Bilderbuch „Das Elefanteneinmaleins“, seine zahlreichen Bücher wurden in 35 Sprachen veröffentlicht und mit vielen Preisen ausgezeichnet. Die Gesamtauflage seiner Werke beträgt 25 Millionen. Die „Freunde“, heute längst Klassiker, sind allein in Deutschland mehr als eine Million Mal erschienen. Was Heines Bücher so besonders macht: Er spart weder heikle Themen wie den Tod aus, noch scheut er sich davor, seine Figuren pieseln oder kacken zu lassen. Schon früh machte er sich für Gleichberechtigung, Abrüstung oder Umweltschutz stark.

Mit Figuren wie Johnny, Franz und Waldemar erklärt er, was Freundschaft ist, worin Gerechtigkeit besteht oder warum unsere Welt eine Welt ist, die allen gehört. Im Buch liest sich das, in Gänze, fast schon wie ein Manifest: „Es gibt viele Bauernhöfe in der Welt, aber keiner ist wie Mullewapp. Mullewapp ist groß, so groß, dass er Platz für alle hat. Mullewapp ist klein, so klein, dass er selbst im kleinsten Herzen Platz findet. Mullewapp gehört niemand, so wie Luft und Sonne niemand gehören. Mullewapp gehört jedem, so wie die Welt uns allen gehört.“

Während die Kinder im Dorfteich nach Enten angeln, aus Papptellern und Federn Hühner basteln oder, obwohl noch gar nicht Ostern ist, auf Eiersuche gehen, können die Erwachsenen in zwei Extraräumen ergründen, wie Heine arbeitet. Am Beispiel der singenden Füchsin Foxtrott kann man sehen, wie exakt er das tut. Skizze für Skizze stellt er sich Fragen: „Wie läuft ein Fuchs?“, „Wie spitzt ein Fuchs die Ohren?“ oder „Wie wird die richtige Stimmung erzeugt, damit ein Fuchs traurig aussieht?“ Um das später, Szene für Szene, wie ein Regisseur zu einer Geschichte zusammenzufügen, bei der jeder Strich und jedes Wort sitzt. Symbolik und Körpersprache inklusive.

„Ein Grüner mit Herz und Verstand“

Auch einen anderen Heine können die großen Besucher entdecken. Einen, der bitterböse sein kann, fast schon zynisch, als kritischer Betrachter von Politik, Gesellschaft und Umwelt. Etwa, wenn er in seiner Illustration „Letzte Worte“ (1998) ein aufgebahrtes Schwein zeigt, während daneben ein Koch kondoliert. Illustriert, wie „Mickey stirbt“ (1997) – als Disney-Nager mit Genickbruch in der Mausefalle. Oder in „Der Pakt“ (2002) einen Priester und den Teufel in enger Umklammerung gen Himmel auffahren lässt.

Inzwischen sind die Kinder im offenen Atelier angekommen, wo Autos und Fuhrwerke rund ums Thema Bauernhof zu weiteren Spielen einladen. Derweil Eltern, Großeltern, Patentanten und -onkel vielleicht ganz erstaunt sind, wenn sie entdecken, dass Heine auch der „Vater“ von Tabaluga ist. 14 Zeichnungen von 2011 zur TV-Serie um den kleinen grünen Drachen zeigen, wie exakt er auch hier vorgegangen ist. Jede Farbnuance für jeden Teil des Körpers wird ganz genau festgelegt, der Charakter detailliert beschrieben. Tabaluga ist optimistisch, Vegetarier und mutig, abenteuerlustig, hilfsbereit und sympathisch durch und durch. „Ein Grüner mit Herz und Verstand.“ Was Letzteres angeht, seinem Schöpfer nicht ganz unähnlich.