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Römisch-Germanisches Museum: Beeindruckende Kölner Funde im Belgischen Haus

Römisch-Germanisches Museum : Beeindruckende Kölner Funde im Belgischen Haus

Weil das Stammhaus neben dem Kölner Dom eine Generalsanierung erhält, hat das Römisch-Germanische Museum im Belgischen Haus vorübergehend Zuflucht gefunden. Besucher erhalten in der aktuellen Ausstellung neue Einblicke in die Römerzeit, mit den Themen wie Stadtgeschichte, Alltag, Handel, Inschriften und Religion.

Müllentsorgung war in Köln schon zu Römerzeiten geregelt. Dennoch suchten sich die damaligen Bürger den bequem­sten Weg, wenn auch illegal: Sie ließen ihren Hausmüll und Bauschutt, Tierknochen und Austernschalen, Transportbehälter wie Amphoren und Krüge dort verschwinden, wo man sie nicht sah – im Wasser. Die feuchten Hafenschichten konservierten diesen Abfall aus Holz, Gefäßen und Schreibtäfelchen. Der Müll entpuppte sich für die Archäologen der Gegenwart als wahre Schatztruhe. Wie in einem Buch können sie so Rückschlüsse ziehen auf den Alltag während der kölnischen Römerzeit.

Nachdem rund 20 Millionen Gäste im Römisch-Germanischen Museum (RGM) am Roncalliplatz in Köln den 1974 über dem Dionysos-Mosaik errichteten Museumsbau besucht hatten, war eine Generalsanierung fällig. Deshalb ist das Stammhaus neben dem Kölner Dom derzeit geschlossen. Zwischenzeitlich gab es ausgewählte Stücke im Kunstmuseum des Erzbistums Köln „Kolumba“ im Zusammenspiel mit dessen Sammlung als „Paarlauf“ zu sehen.

Jetzt wird im Belgischen Haus – am Neumarkt gegenüber dem Rautenstrauch-Joest-Museum gelegen – ein Konzentrat der Sammlung gezeigt. Nach Angaben des Museums ergänzen Neufunde der vergangenen Jahre die bekannten aussagekräftigen Objekte zur römischen Geschichte Kölns. So ergeben sich neue Einblicke in Themen wie Stadtgeschichte, Alltag, Handel, Inschriften und Religion.

Shoppen und Ausgrabungen

Das Belgische Haus war früher Sitz des belgischen Generalkonsulats in Köln, auch die belgische Königsfamilie war mitunter zu Gast. Durch große Schaufenster können Passanten beim Shoppen einen Blick auf Ausgrabungen aus Köln werfen. Zumindest einen ersten Eindruck gewinnen. „Köln ist die einzige Millionenstadt in Deutschland mit 2000 Jahren Stadtgeschichte“, ist Museumsdirektor Marcus Trier stolz. „Und wir haben die Taschen – zumindest archäologisch – mehr als voll.“

Die Präsentation auf rund 1000 Quadratmetern im Erdgeschoss und ersten Stock zeigt rund 500 Objekte und Objektgruppen, ungefähr ein Viertel der bisherigen Ausstellung. Es ist ein chronologischer, von der Altsteinzeit bis ins Jahr 700 nach Christus reichender Rundgang mit Schwerpunkt auf Köln und die Via Belgica. Nicht von ungefähr, denn das Belgische Haus liegt an der West-Ost-Achse der Römischen Provinz, heute mit dem Kunstnamen Via Belgica benannt. Der Besucher begegnet dabei dem berühmten Diatretglas oder dem ringenden Herkules.

Rechts ist der Torso der Hygieia zu sehen, einer griechischen Göttin der Gesundheit. Foto: Martin Thull

Bildeten Dionysos-Mosaik und Poblicius-Grabmal im Stammhaus das Herz des Museums, um das herum sich alles andere gruppierte und Bezug nahm, so zeigen die Stücke im „Übergangsmuseum“ bis wahrscheinlich 2025, wie aussagekräftig sie sind, ja, dass sie geradezu ein Eigenleben entwickeln können.

Ein Beispiel: Schon mal etwas vom „Kölner Schnörkel“ gehört? Freihändig und mit großer Leichtigkeit dekorierten die Glaskünstler mit heißen Glasfäden Wellen-, Blatt- und Schnörkelelemente auf die Glasgefäße. Aus buntem Glasfaden gestaltete man den „Kölner Schnörkel“: Der Faden beginnt mit einem bogenförmigen geschwungenen Z, verläuft in unterschiedlichen Wellenlinien nach rechts und endet in einer offenen Schneckenform, für den Fachmann eine „Volute“. Als signifikantes Markenzeichen war dies wahrscheinlich so markant wie heute ein Firmenlogo.

Die Maske diente als Wandschmuck. Foto: Martin Thull

Mit dem Diatretglas verbindet sich eine hübsche Anekdote: Als dieses außergewöhnlich fein gearbeitete Glas 1960 in einem Grab in Köln-Braunsfeld entdeckt wurde und der sensationelle Fund dem damaligen Museumsdirektor Otto Doppelfeld gemeldet wurde, glaubte der an einen Aprilscherz. Denn es war der 1. April. Tatsächlich war es die Krönung der ohnehin schon weltweit größten Sammlung römischer Glasarbeiten.

In der Nähe von St. Ursula hat man einen Grabstein gefunden, der aus dem 5. bis 6. Jahrhundert stammt. Er hat die (übersetzte) Inschrift: „In diesem Grab ruht die unschuldige Jungfrau namens Ursula. Sie lebte acht Jahre, zwei Monate und vier Tage.“ Das ist weiter noch nicht aufregend. Überliefert ist allerdings, dass sich nach dem Fund dieses Grabsteins der Name Ursula für die Anführerin der Jungfrauen durchsetzte. Ein Beleg mehr dafür, dass die Geschichte um Ursula und ihre Jungfrauen eine Legende ist?

Herkules den nemäischen Löwen und gilt seitdem als unverwundbar. Foto: Martin Thull

Vieles ist in den Räumen zu entdecken. Zwar ist es nicht so weitläufig wie das Stammhaus, das lenkt aber die Konzentration auf einige besondere Stücke. So begegnen wir dem Kopf des römischen Kaisers Commodus (180 - 192 n.Chr.), Sohn des Marc Aurel. Nach seiner Thronbesteigung beendete er die Kriege gegen die Stämme an Rhein und Donau. Bekannt war er für seine als unangemessen empfundene Begeisterung für Gladiatorenkämpfe. In der letzten Nacht des Jahres 192 wurde er ermordet, kurz bevor er in Gladiatoren-Ausrüstung seinen Konsulatsantritt feiern wollte.

Der Torso einer Venusstatue wurde „benutzt“, um mit ihr das Straßenpflaster auf der heutigen Hohe Straße zu erneuern. Gut, es war nur die Kopie einer Venus des griechischen Bildhauers Praxiteles. Aber es waren sicher eher pragmatische Gründe als Gefühle der Diskretion, die dazu führten, dass die Venus mit der Vorderseite nach unten ins Straßenbett kam: Der Rücken der Figur war halt so schön eben, wie gemacht für ein Stückchen Straße … Auch Grabbeigaben erzählen viele Geschichten: Wenn nicht Grabräuber fündig geworden waren, können Archäologen heute in den Beigaben lesen wie in einem Buch. So etwa deuten die medizinischen Geräte bei einem Toten darauf hin, dass dort ein Arzt seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. Und verblüffend ist auch, dass sich etwa Schere und Pinzette gar nicht so sehr von heutigen Geräten unterscheiden.

Allerdings möchte man sich nicht ausmalen, was Patienten zu erleiden hatten, wenn sie diesen römischen Instrumenten ausgesetzt waren. Ebenfalls modern muten auch Zirkel und anderes Handwerkszeug aus der Architektenwerkstatt an. Marcus Trier, Direktor des Römisch-Germanischen Museums (RGM) und Leiter der Kölner Bodendenkmalpflege, ist sich sicher: „Wichtig ist uns: Es wird ein Lernort ohne erhobenen Zeigefinger. So wie das Hugo Borger, der Gründer des RGM, einst beabsichtigte. Aber wir erzählen darüber hinaus auch die Geschichte zu den Objekten, also echte kölnische Themen.“