Im Paradies für Leckermäuler: Ausstellung „Süßkram“ erzählt vom Naschen früher und heute

Im Paradies für Leckermäuler : Ausstellung „Süßkram“ erzählt vom Naschen früher und heute

Die Ausstellung „Süßkram“ im Clemens Sels Museum in Neuss erzählt vom Naschen früher und heute. Ein „süßer Spiegel der Kulturgeschichte“ mit 300 zuckrigen Exponaten. Angucken erlaubt, essen nicht!

Mit seinem Durchmesser von 40 Zentimetern ist der Lolli fast so groß wie ein rundes Verkehrszeichen. Wie viel er wiegt? Das wird nicht verraten. Denn wer sein Gewicht am genauesten schätzen kann, darf den spiralförmig gedrehten, in Handarbeit gefertigten Schmecklecker am 13. Oktober mit nach Hause nehmen. Dann endet die Sonderausstellung „Süßkram“. Einstweilen dient der Riesenlutscher im Foyer des Clemens Sels Museums als Wegweiser.

Hier geht’s lang, immer den Treppenstufen folgend, die, frei nach Hänsel und Gretel, mit bunten Bonbon-, Eistüten- und Lebkuchenmotiven beklebt sind. Und, ergänzend dazu, mit Zitaten berühmter Zeitgenossen. Wie dem von Wim Wenders, der findet: „Schokolade ist fassbar, greifbar und vor allem essbar gewordenes Glücksgefühl.“ Wer der appetitanregenden Spur folgt, landet im zweiten Obergeschoss – und ist mitten drin im Paradies für Naschkatzen und Leckermäuler. Im Mittelpunkt steht das Naschen. Früher und heute, regional und international

Über ein Jahr haben Kurator Dr. Carl Pause und sein Team, unterstützt von Prof. Dr. Margrit Schulte-Beerbühl (Institut für Geschichtswissenschaften Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf), daran gearbeitet, mit mehr als 300 Exponaten, Installationen und Multimedia-Stationen die „Demokratisierung des Süßen“ sichtbar zu machen.

Während Zucker heutzutage etwas ist, das jedem von uns jederzeit zugänglich ist, war das früher flächendeckend kein Thema. „Ursprünglich war das aus dem Zuckerrohr gewonnene Süßmittel Luxusgut“, sagt Dr. Carl Pause. Die vielen Stücke der Schau sind laut Pause ein „süßer Spiegel der Kulturgeschichte“. Süßes habe früher nie in großen Mengen zur Verfügung gestanden und sei bis ins 19. Jahrhundert vor allem den Reichen, zumeist Adligen vorbehalten gewesen. Nach Angaben des Kurators waren es die Römer, die vor etwa 2000 Jahren den Obstanbau bekanntmachten.

Das Süßwarengeschäft Mayser in den 20er Jahren. Auch heute ist das Traditionsunternehmen in Neuss noch in Familienhand. Foto: zva/Museum Neuss Klemens Sels

Äpfel, Pflaumen oder Trauben konnten zu Gelee verarbeitet und zum Süßen von Speisen verwendet werden. Erst mit der Plantagenwirtschaft, dem kommerziellen Anbau durch die Briten in der Karibik, erreichte der Rohrzucker im 18. Jahrhundert breite Bevölkerungsschichten, der Beginn der Industrialisierung setzte eine wahre Geschmacksexplosion in Gang. Gleiches gilt für die Schokolade: auch sie war, zunächst in flüssiger Form, ein Privileg des Adels, das mit viel Aufwand zelebriert wurde.

Die Sonderschau setzt aber schon früher ein. In der Mittelsteinzeit und bei den Römern, wo man bereits wusste, dass Bienen Honig produzieren und wie man den als Nahrungszusatz und zur Konservierung nutzbar machen konnte. Oder bei den Azteken, in deren Welt der Kakaobohne rituelle Bedeutung zukam.

Ein Neusser Original: Die Verpackung der Novesia Goldnuss in den 50er Jahren. Foto: zva/Klemens Sels Museum Neuss

Im Hochmittelalter dann brachten Kaufleute Rohrzucker aus dem Orient nach Europa. Zucker war zu dieser Zeit ein Luxusgut. Die, die sich diesen Luxus leisten konnten, aßen kandierte Früchte und Nüsse als „Confect“ nach einem meist opulenten Festmahl. Auch der Kakao kam durch Entdeckungsreisen der Seefahrer zunächst nach Portugal und dann in andere europäische Länder. Es waren im 19. Jahrhundert vor allem die Apotheker, die Kakao und Schokolade zubereiteten, die auch als Medizin genutzt wurde, wie Pause berichtete.

Einem Niederländer namens van Houten gelang es später, die Kakaobutter zu separieren, so dass man Kakaopulver herstellen konnte, das nicht mehr so fetthaltig war. In den 1880er Jahren kamen dann erstmals Schokoladentafeln und Schoko-Formen auf den Markt, von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind. Künstlerisch gestaltete Dosen für das Kakaopulver sind ebenso ausgestellt wie zahlreiche unterschiedliche Schokoladen-Verpackungen und Pralinen-Dosen.

Ein Neusser Original: Die Verpackung der Novesia Goldnuss in den 60er Jahren. Foto: zva/Klemens Sels Meuseum Neuss

Ein besonderes Augenmerk gilt dem lokalen und regionalen Bezug. Wie schon der Untertitel der Schau, „Naschen in Neuss“, verrät. „Neuss entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem Zentrum der rheinischen Süßwarenindustrie“, sagt Pause, „hier wurden namhafte Produkte hergestellt“. Beispielsweise von der 1881 gegründeten „Zuckerwarenfabrik Otto Mayser“, die sich auf Bonbons und Lutscher spezialisierte. In der Ausstellung ist ein liebevoll gestalteter Nachbau einer Verkaufstheke aus den 1920er Jahren zu sehen, mitsamt der Originalwaage von damals, die auch auf der Fototapete im Hintergrund abgebildet ist.

Zu denjenigen, die auch international Bedeutung erlangten, gehörte der Kakao- und Schokoladenhersteller Novesia. „Der Name geht zurück auf die römische Bezeichnung von Neuss: Novaesium“, verrät der Kurator. Bei einer Börse im Internet hat Pause eine Filmrolle aus den 1960er Jahren ersteigert, die zeigt, wie damals das beliebte Produkt „Novesia Goldnuss-Schokolade“ (mit garantiert 27 ganzen Haselnüssen) beworben wurde. Da ungeschnitten und in zahlreichen Wiederholungen zu sehen, mit Laiendarstellern im typischen modischen Outfit der Zeit, hat das Anschauen einen nostalgisch-skurrilen Charme.

Eine Pralinenschachtel der Firma Stollwerck aus den 30er Jahren. Foto: zva/Klemens Sels Muesum Neuss

An all den Zuckerhüten, Waffeleisen und römischen Kuchenformenscherben, den Fotografien alteingesessener Neusser Konditoreien, Krautpressen und Tortennachbauten, den Printenformen und Spekulatiusmodeln, den Dr. Oetker-Puddingschachteln und Konfektverpackungen kann man sich so schnell nicht satt sehen. Und legt lieber noch eine zweite Runde ein. Wo man dann zum Beispiel erfährt, was der Name des berühmten Düsseldorfer Kaubonbons Maoam bedeutet („Mundet allen ohne Ausnahme“), dass das kräftezehrende Bonbonmasse-Walken per Hand früher reine Männerarbeit war oder staunend vor der Nachbildung eines historischen „Zuckerwerck-Banckets“ von 1585 steht, das eine essbare Landschaft mitsamt Schloss, Pfauen, Bären, Elefanten und Kamelreitern zeigt. Wie viele Stunden und Tage Ex-Sternekoch Georg Maushagen dafür gebraucht hat, die historische Dessert-Tafel des Landesfürsten Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg nachzubauen, weiß auch Pause nicht zu sagen.

Auch über die Geschichte der Bonbons informiert die Schau. Im Jahr 1572 bot demnach der französische König Heinrich IV. die kleinen Köstlichkeiten zu seiner Hochzeit den Gästen an, wie Pause erzählt. Die Kinder rief daraufhin begeistert „Bon! Bon!“, was schlicht „Gut! Gut!“ bedeutet.

Wermutstropfen und Segen zugleich: sich all das zu Gemüte zu führen, macht garantiert nicht dick und, es schadet auch nicht den Zähnen. Zumindest auf ein süßes Abschiedsgeschenk darf jeder Besucher hoffen.

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