1. Freizeit

Zwischen Kaiserreich und Republik: Ausstellung „Mythos Neue Frau“ im LVR-Industriemuseum

Zwischen Kaiserreich und Republik : Ausstellung „Mythos Neue Frau“ im LVR-Industriemuseum

Beginnen wir mit einem der vielen Zitate aus der Ausstellung: „Die entscheidende Schlacht ist nicht von den Vorkämpferinnen der Emanzipation, sondern am Ende von den Schneidern geschlagen worden.“ Robert Musil (1880 – 1942) hat diesen Satz geschrieben.

Nicht unbedingt freundlich über die Frauen, was er da in „Die Frau gestern und morgen“ geäußert hat. Und das zu einer Zeit, als das Frauenwahlrecht gerade eingeführt worden war. Aber sind die weißen Kleider, in denen die Suffragetten für ihre politischen Anliegen wie das Wahlrecht für Frauen geworben hatten, nicht auch ein Rückgriff auf die Mode? Nur ein Beispiel?!

Sagen wir es einmal so: Mode ist eine Zeiterscheinung, die sich in erster Linie nach den Gesetzen der Ökonomie richtet. Immer mal wieder etwas Neues entwerfen, gibt sie vielen Menschen Brot und erfreut die Verbraucher, sofern sie es sich leisten können. Die Modebranche in Großbritannien – so ist im Zusammenhang mit dem Brexit zu lesen – ist neben dem Finanzsektor der Wirtschaftszweig, der den meisten Umsatz macht. Aber das sei nur am Rande vermerkt.

Der Ausstellung geht es zunächst um Ästhetik und Stil, wie Direktor Walter Hauser im Katalog schreibt. Deutlich wird aber auch, dass Mode und Kleidung „als Seismograph und Treibriemen gesellschaftlichen Wandels“ erfahren wird. Deshalb spielt neben allem Glamour die Alltagskultur eine Rolle. Dabei wird auch die Verbindung zu „Bauhaus 100 im Westen“ gesucht. Dessen Gestaltungsanspruch ging dahin, das, was die Menschen „zu Hause, bei der Arbeit, auf der Straße trugen“, im Blick zu behalten: Also „eher die industrielle Massenware und nicht das Einzelstück der Haute Couture“, so Hauser.

Die Deutschen sollten ihre Kaninchenfelle spenden. „Das Heer braucht sie!“, hieß es auf dem Plakat. Foto: LVR/Jürgen Hofmann

Wie sehr die Entwicklung der Mode auch von politischen Umständen abhängen kann, das zeigt die Sonderausstellung im LVR-Industriemuseum in Euskirchen unter dem Thema „Mythos Neue Frau – Mode zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik“. Die für Sonderausstellungen genutzte Halle neben der alten Tuchfabrik Müller ist geschickt mit Schauwänden aufgeteilt, die Originalkostüme und weitere historische Exponate präsentieren. Und dass zu Charleston-Kleider aus der Mitte der 1920er Jahre die entsprechende Musik erklingt, unterstützt durch historische Schwarz-Wweiß-Filmaufnahmen, kann da schon als selbstverständlich erscheinen. Die Notenblätter in der benachbarten Vitrine erzählen „Jede Frau hat irgendeine Sehnsucht“ und sind umgeben von Strass-Schmuck, Federboa und Pailletten.

Der Besucher sollte sich die Frage der Ausstellungsmacher stellen: „War das revolutionär neue Bekleidungsschema ein Akt der Emanzipation oder entstand es aus praktischer Notwendigkeit?“ Um die Antwort vorwegzunehmen: „Es kommt darauf an!“

Der Beginn des vergangenen Jahrhunderts war geprägt von rasanten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Änderungen. Das hatte Auswirkungen auf die Bekleidung, in erster Linie auf die der Frauen. Einschnürende Korsetts und mehrere Unterröcke wurden abgelegt, die Röcke wurden kürzer, die Stoffe leichter. „Pryms Zukunft“ brachte den „Druckknopf von Weltruf“ heraus, zusammen mit der Erfindung des Reißverschlusses lösten diese Haken und Ösen ab. Die Mode wurde zweckmäßig, alltagstauglich und erlaubte den Trägerinnen mehr Bewegungsfreiheit.

So sah Kriegsunterstützung auch aus: Bürger sollten Gold in Eisen umtauschen. Foto: thull

Das war nötig, denn eine neue Mobilität ließ etwa lange Schleppen nicht mehr zu. Die Gefahr, in Aufzügen oder Rolltreppen hängenzubleiben, war zu groß, manchmal sogar lebensgefährlich. Zeitdokumente berichten von folgenschweren Unfällen. Fahrradfahren wurde modern. Dazu gab es neue Kleidung. Und das rief so manchen Moralapostel auf den Plan, der Hosen für Frauen auf Fahrrädern – „Trittradreiterinnen“ – verwerflich fand. Auch das Autofahren erforderte ein neues Outfit.

Im Grunde genommen reagierte die Mode – profaner ausgedrückt die Bekleidungsindustrie – auf sich wandelnde Gewohnheiten. So etwa auch heute, wenn sie auf den Boom beim Wandern eingeht und entsprechende moderne Kleidungsstücke anbietet. Es ist ein ständiger Wechsel. Und insofern kann sich bestätigt fühlen, der in der Modebranche auch einen Seismograph für gesellschaftliche Veränderungen sehen mag.

Alle Lebensbereiche wandelten sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Und geradezu damit im Gleichschritt – auch die Mode. Eine ungeheure Dynamik brach sich Bahn. Zuletzt war das auch in der Erfolgsserie „Babylon Berlin“ zu beobachten, der vielgerühmten Fernsehkrimiserie. Das mag allerdings in den Großstädten markanter zu Tage getreten sein als auf dem Land. Aber es war eben nicht auf die städtische Bevölkerung beschränkt. Modezeitschriften zeigten zusätzliche neue Modetrends und veränderten das Käuferverhalten.

In Zeiten des Krieges wurde alle verwendet: Selbst Brenneseln brauchte man zur Textilherstellung. Foto: LVR/Jürgen Hofmann

Der Krieg war eine weitere Triebfeder für den Wandel: Viele Frauen mussten die im Krieg kämpfenden Männer ersetzen. Da war etwa für eine Straßenbahnschaffnerin das sonst übliche Kleid im wörtlichen Sinne untragbar. Kataloge sorgten für lockende Angebote. Und Kaufhäuser mit „alles unter einem Dach“ waren die neue Attraktion. Sie boten Konfektionsware, die deutlich preiswerter war als die bislang übliche Maßschneiderei. Dadurch wurden neue Käufer(innen)schichten erobert. Schnittmuster regten zudem an, im heimischen Wohnzimmer selbst zu schneidern.

Der Krieg allerdings führte auch zu eher makabren Aufrufen: „Frauenhaar für Treib­riemen“, „Kaninfelle für das Heer“ oder „Brennnesseln zur Textilherstellung“. An Schulen wurden Landkarten eingesammelt. Sie waren der besseren Haltbarkeit wegen auf Leinen geklebt. Nun wurde das Papier abgelöst und das Leinen anderen Zwecken zugeführt. Und auch die Mode zog mit – eher zynisch mit Modellen für die trauernde Witwe. Und dem Kampf gegen Frankreich war geschuldet, dass Pariser Mode gemieden und stattdessen eine „deutsche Form“ gesucht wurde. Damen waren zudem aufgefordert, auf auffällige Hutmode zu verzichten und sich während des Kriegsgeschehens eher schlicht zu kleiden.

Die Ausstellung bietet eine Fülle an Eindrücken und handfesten Informationen. Ohne die sonst vielfach üblichen „Mitmachstationen“, auch wenn an mehreren Bildschirmen historische Filme laufen. Übrigens manche Episoden mit Szenen, die heutzutage unter „Pleiten, Pech und Pannen“ ausgestrahlt würden. Und merkwürdig – die verrücktesten Fahrradunfälle werden meist von Frauen verursacht …

Der Katalog (9,95 Euro) ist mit vertiefenden Texten ausgestattet. Und wer Zeit hat, sollte eine Führung durch die alte Textilfabrik Müller nicht versäumen.