Bonn : Universität Bonn bietet eine kleine Weltreise durch zwei Kulturen

Man nennt sie auch Orchideenfächer: Ägyptologie oder Altamerikanismus, Archäologie oder Mineralogie. So selten wie exotische Pflanzen, so muten dem Laien solche wissenschaftlichen Ausrichtungen an. Der Vorteil für die Studierenden: Das Verhältnis von Professor zu Nachwuchs ist gut.

Jedenfalls deutlich besser als in Fächern wie Jura, Germanistik oder Medizin. In Bonn hat sich zudem an solchen Universitätsinstituten eine Tradition gebildet, teilweise über 100 Jahre alt, die uns Heutigen die Möglichkeit gibt, in diesen Sammlungen fremde Kulturen kennenzulernen. Und das, ohne einen Flieger oder ein Kreuzfahrtschiff zu besteigen. Ausgewählte Beispiele mögen neugierig machen.

Akademisches Kunstmuseum — Antikensammlung

Keine Frage, ein Besuch in den Museen des Vatikans in Rom, den Uffizien in Florenz oder im Louvre in Paris ist höchst reizvoll. Das sind außergewöhnliche Reiseziele. Aber nicht jeder hat Zeit und Geld, all diese Schatzkisten zu öffnen. Eine sehr viel preiswertere Alternative bietet das Akademische Kunstmuseum der Bonner Universität an. Seit 1818 sammelt es griechische und römische Kunst aus den Mittelmeerländern in Abguss und Original. Eine der größten Sammlungen dieser Art in Deutschland mit insgesamt 2400 Gipsabgüssen von Statuen, Reliefs und Kleinkunst wartet auf die Besucher.

Die erste Nackte

Dabei sind auch Kuriositäten zu finden. Ein Beispiel: etwa die Figur der Aphrodite von Knidos. Die Statue war für ihre außerordentliche Schönheit berühmt. Sie war voll plastisch. Das heißt, sie konnte von allen Seiten bewundert werden. Zudem war sie wohl die erste lebensgroße Darstellung des nackten weiblichen Körpers in klassischer Zeit. Das Original ist verschollen.

Da es aber sehr viele zeitgenössische Beschreibungen und Nachbildungen gab, geht man heute davon aus, dass der dem Original nächste Kopf im Louvre in Paris gezeigt wird, der Körper ist in den Vatikanischen Museen in Rom zu entdecken. Der Gipsabguss in Bonn vereint beide Teile.

Der Bildhauer Praxiteles hatte von den Bürgern auf Kos den Auftrag zu einer Statue der Göttin Aphrodite erhalten. Der Bildhauer habe zwei Versionen angefertigt, so die Legende. Eine vollständig bekleidete und eine völlig nackte. Die schockierten Einwohner von Kos hätten die Nackte zurückgewiesen und die bekleidete Version gewählt. Das abgelehnte unbekleidete Götterbild sei daraufhin von einigen Einwohnern von Knidos erworben und in einem speziell dafür errichteten Tempel aufgestellt worden, der es ermöglichte, die Statue von allen Seiten zu betrachten.

Doch sind es nicht nur Gipsabgüsse von Originalen, die in großer Fülle eindrucksvoll gezeigt werden. Das Akademische Kunstmuseum beherbergt vielmehr auch zwei Sammlungen zur Kunst der antiken Griechen, Römer und Etrusker: originale Marmorskulpturen, Vasen, Bronzen, Terrakotten und Münzen. Sie geben Einblicke in 3000 Jahre antiken Kunstschaffens.

Ein besonders Angebot sind die Kinderführungen. Kindern soll so Gelegenheit geboten werden, Tuchfühlung mit der Antike aufzunehmen. In der Regel jeweils am zweiten Sonntag im Juli und Oktober um 11.15 Uhr finden diese einstündigen Entdeckungsreisen in die Welt der Antike statt.

Bei den Kinderführungen ist der Eintritt für Kinder frei, Eltern zahlen den ermäßigten Preis von 1,50 Euro. Anmeldungen sind nicht notwendig. Informationen dazu gibt es bei Kornelia Kressirer (Tel. 0228/737738) oder Kinderfuehrung@googlemail.com.

Ägyptisches Museum

Schon der Eingangsflur gibt Rätsel auf. An der einen Wand hängen in Abständen Taschenlampen. Wird das Flurlicht gelöscht und eine der Taschenlampen auf die gegenüberliegende, ursprünglich weiße Wand gerichtet, erscheinen bläuliche Symbole. Historische ägyptische Zeichen. Ein Verfahren, das der Erwachsene aus Fernsehkrimis kennt, wenn die Spurensicherung mit Schwarzlicht verborgenes Blut am Tatort sichtbar machen kann.

Mehr als 3000 Objekte präsentieren die pharaonische Kultur von ihren Anfängen im 4. Jahrtausend v. Chr. bis in die christlich-koptische Zeit. Spitzenstück ist neben anderen die Plastik des „Bonner Schreibers“. Er heißt so, weil er in Bonn erforscht und ausgestellt wird. Trotz kleiner Beschädigungen lässt sich die Ausarbeitung der Statue aus geglättetem, schwarz-grauem Granit deutlich erkennen: Lidstreifen und die geschwungenen Augenbrauen sind sorgfältig ausgeführt, der lächelnde Mund, die fein ausgearbeiteten Ohren.

Die noch teilweise vorhandene Palette an der linken Schulter lässt auf seinen Stand als Schreiber schließen. Der genaue Ursprungs- und Fundort der Skulptur ist unbekannt, da alle Dokumente bei der Bombardierung Bonns im Oktober 1944 zerstört wurden. Die Skulptur selbst wird der 18. Dynastie zugerechnet, das ist um 1450 vor unserer Zeitrechnung.

Die Sammlung geht bereits auf das frühe 19. Jahrhundert zurück. Während einer Orientreise erwarb der in Bonn lehrende Theologe J.M. Augustin Scholz im Jahr 1820 mehrere alt-ägyptische Objekte. Diese „ersten geschnittenen Steine und Pasten“ wurden der Antikensammlung der Universität übergeben. Im ehemaligen Fechtsaal der Universität Bonn ist das Museum mit seinen rund 3000 Objekten seit 2001 einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Angebote für Kinder

Für Kinder gibt es an der Kasse einen Fragebogen. Da geht es (eher einfach) um die Frage „Welcher berühmte Fluss fließt durch Ägypten?“ oder (schon schwieriger) „Wie heißen die kleinen Dienerfiguren, die dem Verstorbenen mit ins Grab gelegt wurden?“. Bei der vollständigen Beantwortung der zwölf Fragen gibt es eine kleine Belohnung.

Hilfreich für das Verständnis für Kinder sind kleine Erklärstücke in Augenhöhe an einzelnen Vitrinen, bei denen eine Sphinx Fragen stellt und die Antworten in einer Sprechblase gleich mitliefert. Bei solcher „Vorsorge“ ist es wenig erstaunlich, dass das Museum auch die Durchführung von Kindergeburtstagen freitags sowie am Wochenende anbietet.

Wer Zeit und Lust hat, sollte sich nach dem Besuch der Sammlung oberhalb des Koblenzer Tors nach links wenden. Nach wenigen Schritten erreicht man den „Alten Zoll“ mit einer Statue des Dichters Ernst Moritz Arndt. Von der Brüstung aus hat man einen wundervollen Blick auf den Rhein und gegenüber auf das Siebengebirge mit Petersberg und Drachenfels.