Städteregion: Freiwillige Notfallseelsorger: Existenzielle Hilfe in echten Krisen

Städteregion: Freiwillige Notfallseelsorger: Existenzielle Hilfe in echten Krisen

Der Teddy mit der violetten Jacke, den Jürgen Pabich immer in der Tasche hat, täuscht: Wenn er als Notfallseelsorger im Einsatz ist, steht der Tod im Raum. Notfallseelsorger werden gerufen, wenn Menschen plötzlich mit dem Tod eines Angehörigen konfrontiert sind.

Seit zwei Jahren ist die Notfallseelsorge in der Städteregion ehrenamtlich organisiert. Pabich gehörte zum ersten Ausbildungsjahrgang. Wie seine Arbeit aussieht und was ihn antreibt, erzählt er im Interview mit Rauke Xenia Bornefeld.

Sie engagieren sich in der Städteregion Aachen ehrenamtlich als Notfallseelsorger. Warum?

Pabich: Eine Kollegin hat mal frech formuliert: „Weil ich es kann.“

Aus Ihrer Warte?

Pabich: Es hat natürlich mehrere Gründe: Es ist ein sehr notwendiger und hilfreicher Job. Ich habe — jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind — auch Kapazitäten dafür. Ich habe das Gefühl, dass ich dafür gut geeignet bin. Ich habe aber auch einen ganz persönlichen Grund.

Welchen?

Pabich: Ich hatte eine Zwillingsschwester, die im Alter von knapp vier Jahren durch einen Autounfall ums Leben gekommen ist. Damals gab es hier noch keine Notfallseelsorge. Meine Eltern waren damit allein. Und sie konnten nicht darüber sprechen. Dass ich Logopäde geworden bin, ist kein Zufall: Ich helfe dabei, Menschen wieder zum Sprechen, zur Kommunikation zu bringen. Und ich weiß, wie wichtig es ist, mit jemandem diese schwere Zeit — nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen — zusammen durchzustehen, an seiner Seite zu sein, ihn zu stützen.

Können Sie einen typischen Einsatz beschreiben?

Pabich: Wenn Rettungssanitäter bei einem Einsatz der Meinung sind, dass jemand seelsorgerischen Beistand braucht, weil ein nahestehender Mensch gestorben ist, meldet er den Bedarf über die Leitstelle der Berufsfeuerwehr in Aachen. Diese koordiniert alle Einsätze und beauftragt die Notfallseelsorge. Wir betreuen die Menschen dann so lange, bis jemand von der Verwandtschaft oder der Nachbarschaft unterstützen kann oder wir den Eindruck haben, dass wir die Betroffenen alleine lassen können. Neben der wichtigen emotionalen Fürsorge bieten wir Hilfen in Form von Beratung zu den Themen Trauerarbeit, Aufarbeitung der Trauer mit Kindern, Beerdigung, Formalitäten, Kontakt zur Pfarre und zu Selbsthilfeorganisationen.

Sind Sie vor Ort alleine?

Pabich: Normalerweise ja. Wir haben aber einen so genannten Hintergrunddienst, über den wir zusätzliche Notfallseelsorger anfordern können, wenn die Schadenslage so ist, dass ein Notfallseelsorger nicht allein mit der Situation zurechtkommt. Zum Beispiel bei dem schweren Autobahnunfall mit dem Falschfahrer vor einigen Wochen. Da gibt es unter Umständen mehrere Gruppen, die Betreuung benötigen.

Sind Autounfälle die häufigsten Einsätze?

Pabich: Nein, am häufigsten werden wir zu erfolglosen Reanimationen im häuslichen Bereich gerufen.

Was machen Sie im Hause eines Verstorbenen?

Pabich: Ich bin erst einmal da und halte aus, was immer da kommt. Das ist sehr unterschiedlich: Manche brechen in Tränen aus, andere sind sehr still. Es kommen Vorwürfe in irgendeine Richtung — gegen sich selbst, gegen den Verstorbenen, gegen Dritte, den Arzt zum Beispiel. Auch aggressives Verhalten ist möglich — Türen schlagen, laut werden. Wir stellen auch sicher, dass sich niemand etwas antut. Das ist aber eher selten. Wir sind bei den Menschen und beobachten, was sie brauchen. In Absprache mit der Kriminalpolizei, die bei unklarer Todesursache immer hinzugezogen wird, besprechen wir die Möglichkeit des Abschiednehmens für die Angehörigen, bevor der Verstorbene abgeholt wird.

Schwierige Situationen zu familienunfreundlichen Zeiten — Notfallseelsorge scheint nicht gerade das attraktivste Ehrenamt zu sein. Was bekommen Sie zurück?

Pabich: Es gibt mir ein gutes Gefühl, Menschen in so schwierigen Situationen zu helfen. Das sagen sie auch oder zeigen es. Wenn mich ein fremder Mensch — eine Mutter, die gerade ihre Tochter verloren hat — nach fünf, sechs Stunden, die ich bei der Familie war, umarmt, dann ist das ein großes Dankeschön. Aber Sie haben Recht: Ich habe Freunde und Bekannte, die überhaupt nicht nachvollziehen können, warum ich diese Belastung auf mich nehme.

Empfinden Sie es als Belastung?

Pabich: Es ist anstrengend. Deshalb wähle ich meine Dienste so, dass ich vor meiner normalen Arbeit einen Tag zur Regeneration habe. Für mich ist wichtig, dass mein Praxisalltag nicht darunter leidet.

Was machen Sie, wenn Sie an Ihre Belastungsgrenze kommen?

Pabich: Wenn ich nach einem Einsatz merke, dass ich den Kopf für einen weiteren Einsatz nicht frei bekomme, melde ich mich ab. Während eines Einsatzes kann ich auf den Hintergrunddienst zurückgreifen, der mich entweder ablöst oder unterstützt.

Seit zwei Jahren ist die Notfallseelsorge in der Städteregion ehrenamtlich, statt wie bisher hauptamtlich organisiert. Was sind die Stärken und die Schwächen dieser Organisationsform?

Pabich: Die hauptamtlichen Notfallseelsorger haben die Ehrenamtlichen zunächst nach Eignung ausgewählt. Dann hatten wir eine sehr umfangreiche und professionelle Seelsorgeausbildung. Ob das alle Hauptamtlichen im Theologiestudium auch gelernt haben, weiß ich nicht. Die Ehrenamtlichen kennen sich aus im Leben. Sie machen es freiwillig und wurden nicht durch einen Chef oder wegen ihrer Profession dazu verdonnert. Und die Arbeit kann auf deutlich mehr Schultern verteilt werden. In meinem Ausbildungsjahr waren wir 15, in diesem Jahr waren es zwölf, der nächste Kurs startet demnächst. Wir werden also immer mehr.

Also nur Vorteile?

Pabich: Ganz klar: Nein! Die hauptamtlichen Seelsorger haben sich im Laufe ihrer Dienstzeit einen enormen Erfahrungsschatz angeeignet. Davon profitieren wir alle in jeder Supervision und natürlich bei gemeinsamen Einsätzen. Und das Risiko von Ehrenamt ist ja immer, dass man sein Konto überzieht. Jeder muss sich also kritisch beobachten, welche Ressourcen er hat und ob er gut mit sich umgeht. Diese Gefahr ist sicher noch größer, wenn man bisher in seinem Beruf gar nichts mit dieser Art von Arbeit zu tun hatte. Ich arbeite ja seit 25 Jahren mit kranken, auch sterbenden Menschen. Im Laufe dieser Zeit habe ich viel darüber gelernt, mich abzugrenzen und auf mich selbst zu achten.

War das Teil der Ausbildung?

Pabich: Wir haben viel über Selbstschutz gesprochen. In Kommunikationstrainings kommt man immer an den Punkt, zu prüfen, ob und wie man diese Situation noch aushält. In dieser Zeit ist außerdem ein Netzwerk gewachsen, in dem wir uns regelmäßig austauschen, Einsätze besprechen und uns damit gut stützen und gegenseitig auf uns aufpassen. Das ist sehr wichtig. Außerdem haben wir immer die Möglichkeit der Supervision — auch kurzfristig.

Fühlten Sie sich gut auf den ersten Einsatz vorbereitet oder waren Sie sehr aufgeregt?

Pabich: Beides. Die Ausbildung über ein Jahr und die freundschaftliche Bindung der Gruppe gibt mir das Gefühl, dass ich mich in einem sicheren Netz bewege. Trotzdem war ich mächtig aufgeregt, als das erste Mal der Alarm losging.

Erzählen Sie.

Pabich: Erst habe ich mich für drei Zwölf-Stunden-Dienste eingetragen, in denen es aber keinen Einsatz gab. Da hatte ich die Gelegenheit mich mit dem Auto, Funkgerät, Navi und Handy vertraut zu machen. Meine Sachen so zu ordnen, dass ich alles schnell greifen kann. Ich habe auch geübt, schlafen zu können, obwohl das Funkgerät neben mir liegt. Beim ersten 48-Stunden-Dienst war es statistisch sehr wahrscheinlich, dass ich einen Einsatz haben werde. Im Jahr werden wir 150 bis 200 Mal gerufen. Mitten in der Nacht — um vier Uhr — geht der Pieper. Ein 19-jähriges Mädchen war von einem Zug überfahren worden und ich sollte mit einem Polizisten der Familie die Todesnachricht überbringen. Mancher sagt: „Das ist ja wie im Tatort.“ Aber so etwas gibt es auch im wahren Leben. Ich war tatsächlich ganz ruhig und fühlte mich sehr sicher während des ganzen Einsatzes, weil ich mit der Mutter sehr schnell in einem guten Kontakt und sie schnell im Verarbeitungsprozess war. Das ist erheblich leichter, als wenn jemand stundenlang nur den Boden anstarrt. So kann ich handeln, statt nur auszuhalten, dass gar nichts passiert.

Mussten Sie das Aushalten üben?

Pabich: Unbedingt. Machen Sie das mal. (Zehn Sekunden Pause)

Genau.

Pabich: Ja, machen Sie das einmal, nicht nur zehn Sekunden. Es ist schwer, nichts zu sagen, denn wir sind immer ganz schnell in der Kommunikation. Aber genau das gehört zu unseren Aufgaben: Die Leute nicht zuzutexten und mit guten Ratschlägen zu versorgen, sondern zu warten, bis vom anderen etwas kommt.

Inwieweit spielt Ihr Glaube beim Einsatz eine Rolle?

Pabich: Christsein und Nächstenliebe ist für mich schon der entscheidende Motor. Die Gesellschaft gibt mir etwas und ich gebe der Gesellschaft etwas zurück. Beim Einsatz orientiere ich mich in der Wohnung, ob ich christliche Symbole sehe. Im Laufe des Gesprächs, frage ich vielleicht auch, ob wir ein Gebet sprechen wollen. Kann mein Gegenüber aber gar nichts mit Gott oder Kirche anfangen, habe ich auch Texte im Gepäck, die nicht kirchlich geprägt sind. Es liegt mir nicht, den Menschen mit dem Kreuz ins Haus zu fallen.