Städteregion: Frauen bitten Frauen: „Gehen Sie wählen!“

Städteregion: Frauen bitten Frauen: „Gehen Sie wählen!“

„Gehen Sie wählen!“ fordern drei Wochen vor der Bundestagswahl mehr als 40 Frauenverbände, Gewerkschaften und Sozialverbände bundesweit insbesondere Frauen dazu auf, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen.

„Wählen Sie die Parteien, die für eine gleichberechtigte Gesellschaft stehen!“, heißt es in dem Aufruf, dem sich auch 15 Mitgliedsorganisationen des Frauennetzwerks Städteregion angeschlossen haben. Denn: „Wo Engstirnigkeit, Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtspopulismus sich breit machen, stehen immer auch die Rechte von Frauen auf dem Spiel“, zitiert die Vorsitzende Sibylle Keupen von der Bleiberger Fabrik in Aachen aus dem Aufruf.

Dass Frauen wählen und gewählt werden dürfen, sei erst vor gut 100 Jahren erstritten worden, ruft die stellvertretende Netzwerkvorsitzende Silke Tamm-Kanj in Erinnerung. Und es sei gerade mal 40 Jahre her, dass die sogenannte Hausfrauenehe abgeschafft wurde, dass Frauen also nicht mehr die Zustimmung ihres Ehemannes brauchen, wenn sie berufstätig sein wollen.

Nach wie vor gebe es aber keine Gleichberechtigung von Frauen und Männern, stellt Ann-Katrin Steibert vom Deutschen Gewerkschaftsbund fest. Wirtschaftlich seien Frauen, insbesondere wenn sie Kinder haben, oft von Männern abhängig. Frauen seien häufig in Minijobs tätig, das Ehegattensplitting im Steuerrecht fördere die Hausfrauenehe. Und bei einer Trennung rutschen Frauen mit ihren Kindern schnell in Armut ab, weil sie Beruf und KInderbetreuung nicht vereinbaren können und oft im Niedriglohnsektor tätig sind, berichtet Birgitt Seifarth vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter. „Die Kinderarmutsquote liegt bei Alleinerziehenden bei 44 Prozent.“

„Manche glauben, dass Rechte, die einmal erstritten worden sind, bestehen bleiben. Aber: Es kann auch Rückschritte geben.“ Das zeigen laut Tamm-Kanj die vergangenen Monate. Derzeit erlebe man überall Parteien und Regierungen, die „die Gleichberechtigung nicht gerade nach vorne treiben“. Angelika Gey von „Frauen helfen Frauen“ ergänzt: „Wir sehen ja in den USA, in Polen oder Ungarn, was passiert, wenn bestimmte Männerriegen an der Macht sind, wie schnell es dann rückwärts geht. Deshalb wollen wir den Frauen klar machen, wie viel auf dem Spiel steht. Das, was erkämpft worden ist, müssen wir schützen.“

In den Kursen zur nachträglichen Erlangung eines Schulabschlusses erlebt Dr. Beate Blüggel von der Volkshochschule Aachen häufig, dass die Menschen das Gefühlt haben, sie könnten ja doch nichts ändern. Ähnliches schildert Renate Wallraff von den Frauen im Frauenhaus in der Städteregion. Dem halten sie und ihre Mitstreiterinnen im Frauennetzwerk entgegen, dass das Wahlrecht ein wichtiges demokratisches Mittel ist.

Mit seiner Stimme zeige man, in welcher Gesellschaft man leben möchte, dass man die Gesellschaft mitgestalten möchte. „Für die Frauenhäuser ist diese Bundestagswahl ganz wichtig“, sagt Renate Wallraff und verweist auf die Forderung, die Finanzierung von Frauenhäusern bundesweit einheitlich zu regeln. „Wir sagen den Frauen bei uns: Geben Sie der Partei Ihre Stimme, von der Sie denken, dass sie für Ihre Belange eintritt.“

Dabei sollten sie darauf achten, welches Verständnis die Parteien von Familienpolitik haben, ob sie sich für Gewaltfreiheit und einen Rechtsstaat einsetzen, der Frauen und Kindern Schutz vor Gewalt garantiert, ob sie für Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt, Respekt und Toleranz und eine demokratische Gesellschaft eintreten, in der alle ohne Angst leben können.

„Wir geben keine Empfehlung für eine Partei, nur die Empfehlung, genau hinzuschauen“, sagt Angelika Gey. „Wichtig ist, wählen zu gehen und das Recht in Anspruch zu nehmen, um das uns viele Menschen in vielen Teilen der Welt beneiden“, ergänzt Elke Belau von der Europa-Union.

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