Deutschland: Feiern, jubeln, Flagge zeigen?

Deutschland : Feiern, jubeln, Flagge zeigen?

Seit drei Tagen rollt der WM-Ball wieder. Und Sonntag findet das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft statt. Dann heißt es für viele Fußball-Fans: mitfiebern, jubeln, feiern —und stolz sein? Sollte man das? Diese Frage stellt sich seit einiger Zeit alle Jahre wieder, wenn die Europa- oder Weltmeisterschaften im Fußball ausgetragen werden.

In den Medien, auf der Straße oder in den Klassenräumen wird dann viel darüber diskutiert, wie viel nationale Identität in Ordnung ist.

Eins ist klar: Deutschland hat diesbezüglich einen Wandel durchlaufen. Blickt man auf die Weltmeisterschaft vor 20 Jahren zurück, tut sich eine andere Kulisse auf. Von Deutschland-Fahnen an Häusern, Autospiegeln oder aufgemalt in den Gesichtern der Fans war 1998 nur wenig zu sehen. Auch „Public Viewing“ — im Volksmund „Rudelgucken“ — war nur bei besonderen Spielen wie dem Viertelfinale angesagt. Ganz abgesehen davon, dass es die Begriffe noch gar nicht gab. Die große Euphorie entstand 2006 mit dem Sommermärchen in Deutschaland.

Heute sieht das anders aus: Die Supermärkte sind voll von Fan-Artikeln, auch in der Vorrunde bieten viele Biergärten ein gemeinsames Zuschauen an und die Sozialen Medien sind voll mit „unseren Jungs“.

Man muss unterscheiden

Woher rührt dieser Wandel? „Geschichte hat dabei einen großen Einfluss“, sagt der Sportpsychologe Markus Raab von der Deutschen Sporthochschule Köln. Die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands sei ein Grund für die lang anhaltende Zurückhaltung der Fans hierzulande. Dass die Fans 2018 aber dennoch offensiver sind als 1998, liege vor allem an einem Generationenwechsel. „Die ältere Generation ist noch mit einem ganz anderen Bewusstsein aufgewachsen: Nationalstolz zu zeigen, war zu früherer Zeit ein Tabu“, erklärt Raab.

Dabei hat das eine mit dem anderen nichts zu tun, macht der Experte deutlich: „Man muss da ganz klar eine Unterscheidung treffen zwischen Nationalsozialisten und Fans, die Stolz zeigen.“ Wenn ein Fan Flagge zeigt, mache er das aus einer ganz anderen Motivation als ein Neo-Nazi.

Aber auch das Gegenteil sei der Fall: Sport werde auch oft als Vorwand genutzt, um politische Interessen zu verbreiten, sagt Raab. Kritiker weisen zum Beispiel auf den Auftritt der AfD-Bundestagsfraktionsvorsitzenden Alice Weidel am Mittwoch in der WDR-Sendung „1 zu 1“. Sie zog das umstrittene Treffen der Fußballspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan als Argument heran, nicht mit dem deutschen Team zu jubeln: „Ich muss ganz ehrlich sagen, so wie die Nationalmannschaft, die ja nur noch ‚Die Mannschaft‘ heißt, aufgestellt ist, habe ich da schon Probleme, insgesamt für die deutsche Mannschaft zu applaudieren. Solange man Gündogan und Özil, die offensichtlich ein Problem mit unserem Staat haben, da auch zulässt“, sagte Weidel in der Sendung.

In der Tat hatte der Fall um Gündogan und Özil in den Sozialen Medien massive Reaktionen ausgelöst. Er sei ein Beispiel dafür, welchen Einfluss die Verbreitung über moderne Kommunikationsmittel auch auf das Fan-Verhalten haben kann, erklärt Psychologe Markus Raab. So musste Ilkay Gündogan im Spiel Leverkusen gegen Saudi-Arabien bei jedem Ballkontakt viele Pfiffe von den Fans einstecken.

Zwar könne ein Konflikt wie dieser, den Zusammenhalt der Fans zerreißen, aber das glaubt Raab in Hinblick auf die Weltmeisterschaft nicht. Der Psychologe glaubt eher an einen positiven Effekt der WM, denn: „Sobald es eine innere Gruppe und eine Außengruppe gibt — bei der WM wäre das der Gegner — und gleichzeitig eine Bedrohung vorliegt — das wäre zum Beispiel das Scheitern in der Vorrunde, stärkt das die innere Gruppe.“

Dieser Effekt macht auch vor einer Gruppe mit Menschen verschiedener Nationalitäten kein Halt. Im Gegenteil: Ein sportliches Ereignis kann sogar integrieren, sagt Raab, da es zur Identifikation führen kann. Mit anderen Worten: Die Weltmeisterschaft schweißt alle zusammen. Und das war schon vor 20 Jahren so, lautet die Einschätzung des Experten. „Auch wenn es heute vielleicht mehr nach außen getragen wird, glaube ich, die Menschen waren früher genauso stolz auf die deutsche Mannschaft. Das psychologisch subjektive Empfinden hat sich gar nicht so sehr verändert“, sagt Raab.