Heinsberg: Faszination Pferde: „Viele kommen nach ein paar Jahren zurück“

Heinsberg : Faszination Pferde: „Viele kommen nach ein paar Jahren zurück“

Sarah Knie ist Sozial- und Reitpädagogin in Heinsberg-Pütt. Im Interview mit WirHier erklärt sie, welchen Einfluss der Umgang mit Pferden auf die Persönlichkeitsbildung haben kann.

WirHier: Wieso ist die Faszination für das Reiten so groß — vor allem im Vergleich zu anderen Hobbys?

Sarah Knie: Ich glaube, das Wichtigste ist, sich im Stall mit Gleichaltrigen zu treffen, etwas Gemeinsames zu haben und sich mit einem Tier zu beschäftigen — mit dem muss man nichts ausdiskutieren, und es erwartet keine Leistung. Bei Neun- und Zehnjährigen beobachte ich natürlich auch dieses „Kitschige“. Die stylen stundenlang ihre Pferde, das ganze Drumherum ist wichtig. Und ein Pferd ist auch kein Gegenstand. Es wird oft eher wie ein Familienmitglied behandelt und steht sehr stark im Mittelpunkt.

WirHier: Welche Rolle spielt das Gefühl, Verantwortung zu übernehmen?

Knie: Das spielt eine große Rolle. Man lernt schnell: Wenn die Reitstunde vorbei ist, gehört es auch dazu, das Pferd noch zu versorgen. Dadurch wird natürlich auch die Zeitspanne größer, die man im Stall verbringt. Der Anspruch der meisten Eltern ist auch, dass die Kinder Verantwortung lernen und sich nicht nur aufs Pferd setzen und nach der Stunde wieder absteigen.

WirHier: Kann der Umgang mit Pferden zur Persönlichkeitsbildung in der Pubertät beitragen?

Knie: Allein das Gefühl „Ich hab dieses große Wesen im Griff“ gibt vielen Selbstbewusstsein. Und selbst die Voraussetzungen zu schaffen, dass man reiten kann, bringt einen voran: pünktlich sein, das Taschengeld für Reitstunden ausgeben. Diese Strukturen können dann meist auch in Alltagskompetenzen übertragen werden. Auch die Gruppendynamik wird gefördert. Im Reitunterricht muss man gegenseitig aufeinander achten, Konkurrenzkämpfe bringen einen da nicht weiter.

WirHier: Gibt es auch Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung?

Knie: Die Konzentrationsfähigkeit steigt. Viele Eltern sagen, ihre Kinder kommen total entspannt nach Hause und können sich dann konzentriert an die Hausaufgaben setzen — das Kind kann beim Reiten also runterkommen. Beim Pferd kann man auch einfach mal schweigen. In der Folge sind Kinder nicht so überladen wie sonst von Schule und Medien.

WirHier: Ist die Beziehung zu Pferden eine andere als die zu anderen Tieren?

Knie: Generell ist denke ich das Getragenwerden besonders. Ich habe hier Mädels, die kommen an, legen sich erst einmal auf das Pferd und erzählen ihm vom Tag. Beim Pferd kommen viele zur Ruhe. Allein schon beim Putzen. Und: Vom Pferderücken aus kann man die Natur ganz anders erleben, als wenn man selbst läuft.

WirHier: Wieso bricht die Begeisterung bei so vielen in einem bestimmten Alter ab?

Knie: Ein Pferd ist natürlich zeitintensiv. Die Schule wird immer schwieriger, dann kommt Ausbildung oder Studium, vielleicht muss man sich das Hobby inzwischen selbst finanzieren. Und dann ist es oft einfach nicht mehr so cool, in den Stall zu gehen und schmutzig zu werden. Cooler ist, in die Disko zu gehen und sich mit Jungs zu treffen. Gerade bei einem eigenen Pferd muss man sich dann entscheiden: behalten oder nicht. Mit Mitte 20, Anfang 30 kommen aber viele wieder auf das Hobby zurück. Ich habe viele Anfragen von jungen Müttern, die sagen „Ich will wieder starten“, weil sie einen Ausgleich zum Job suchen.

(kt)