Unser Europa: Familie Valéry ist das Gesicht Europas

Unser Europa : Familie Valéry ist das Gesicht Europas

Was Europa braucht? Ein Herz, ein Gesicht, eine Erzählung, etwas, das die Menschen begeistert und erwärmt. Wer Europa mag, sucht ständig danach und zugleich nach der Vielfalt dieses Kontinents. In Eupen ist all das zu finden und hat einen Namen: Valéry. C’est magnifique!

Isabel (56) und Didier (54) Valéry mit ihren fünf Kindern Adrian (22), Benoît (20), Inès (18), Félix (17) und Mathilde (15) sind so, wie man sich das vereinte Europa wünscht: liebenswürdig, klug, humor- und temperamentvoll, weitherzig, perspektivreich, offen – ein Gedicht, das Gesicht für Europa.

Grenzen haben für diese Familie nie eine Rolle gespielt. Didier ist überzeugt davon, „dass wir europäisch leben“. Er ist Franzose, seine Frau Spanierin, alle fünf Kinder haben die französische und die spanische Staatsangehörigkeit, sie leben in Belgien, sind beruflich oder wegen des Studiums in Aachen, Inès studiert in München. „Wir werden oft gefragt, ob wir Deutsche oder Belgier sind“, sagt Adrian. „Und die Leute verstehen meist erst gar nicht, dass wir beides nicht sind. Die Staatsangehörigkeit ist nicht wichtig; das ist ja das Schöne an Europa.“

Sie schätzen die Freizügigkeit und wissen, „dass unser Leben ohne die EU viel komplizierter wäre“. Und es sei manchmal schon kompliziert genug, meint Didier und denkt an die Steuerregelungen. Isabel ist da gelassener: „Als wir vor 23 Jahren nach Deutschland kamen..., es war so einfach.“

Hochzeit in Paris

Isabel Maria Rodriguez Quiroga wurde 1963 in Madrid geboren, wo sie auch studierte und danach bei Ericsson arbeitete. Didier, geboren in Nanterre, kam 1990 als Mitarbeiter von Ericsson für sechs Monate von Paris nach Madrid, wo er Isabel kennenlernte. Sie heirateten ein Jahr später in Paris, blieben dort noch einige Jahre und wechselten 1996 zu Ericsson Deutschland nach Aachen. Dort im Stadtteil Richterich kamen ihre fünf Kinder zur Welt. 2010 zog die Familie nach Eupen – der Sprache und der Schule wegen. „Wir wollten, dass die Kinder gut Französisch lernen können.“

Heute studiert Adrian Architektur an der RWTH Aachen, Benoît macht am Uniklinikum der RWTH eine Ausbildung als Kinderkrankenpfleger, Inès studiert Tiermedizin in München. Félix und Mathilde gehen auf die Sekundarschule in Eupen.

Diese Familie denkt europäisch. Sie lebt europäisch. Wie gut Europa gelingt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob sich die Menschen verständigen und verstehen können, ob sie Sprachen beherrschen. Isabel sagt: „Europa macht mir am meisten Spaß, wenn ich die Leute verstehen kann.“ Die Spanierin hat mit ihren Kindern immer nur Spanisch gesprochen, der Franzose Didier unterhält sich mit ihnen ausschließlich auf Französisch, die fünf reden untereinander Deutsch. Aber jeder von ihnen spricht jede der drei Sprachen und Englisch sowieso. C‘est ça. Eso es todo. Das ist’s. That’s it.

Benoît bevorzugt Deutsch, weil er es am besten kann. Inès spricht meistens Deutsch und fühlt sich „manchmal mit dem Französischen am wohlsten“. Mathilde und Didier können am besten Französisch und sprechen es auch am liebsten, aber Mathilde denkt auf Deutsch. Adrian hat keine große Vorliebe, aber findet „wahrscheinlich Französisch am schönsten“; am besten spreche er Deutsch, „weil ich es mein ganzes Leben lang mit meinen Freunden gesprochen habe“. Isabel spricht ihre Muttersprache am besten und mag Französisch am liebsten. Das Spanische ist wiederum Félix‘ Lieblingssprache; aber am besten spreche er Deutsch.

Mama mit Akzent

Wenn die sieben zusammen sind, wird Französisch, Deutsch und Spanisch gesprochen. Ein wenig ist es auch ein Spiel; und dieses Spiel mit den Sprachen macht ihnen Spaß. Adrian und Benoît könnten sich fast wegwerfen vor Lachen, weil ihre spanische Mutter Deutsch mit französischem Akzent spricht. Wenn in diesem Gespräch mit der Zeitung Isabel etwas sagt, grinsen beide sich an.

Felix findet nichts Besonderes daran, vier Sprachen zu sprechen. Vor kurzem hat er in einem Supermarkt gearbeitet, wo Französisch geredet wird. „Dass ich auch noch fließend Deutsch ohne Akzent konnte, fanden die Kollegen großartig. Dann kamen zwei Kundinnen, die sich auf Spanisch unterhielten, und ich konnte mich sofort mit ihnen verständigen. ‚Was für einen Service haben wir‘, sagte eine Kollegin.“

Wer sich mit den Valerys unterhält, spürt wie ihr Umgang mit Sprache ihren Blick und ihr Herz geweitet hat. Es geht um Europa, und ihnen geht es um die Einheit und den Zusammenhalt in der EU. Mathilde hält sich selbst für eher unpolitisch, aber war bei einer „Fridays for Future“-Demonstration in Lüttich. Benoît fände es besser, wenn man dafür nicht den Unterricht schwänzen würde.

„Aber genau das ist doch der Punkt. Es wird ja gerade während der Schulzeit demonstriert, damit die Politiker aufmerksam werden“, wirft Félix ein. „Bildung bringt nichts, wenn wir keine lebenswerte Zukunft haben.“ Isabel plädiert für praktische Maßnahmen: zu Fuß gehen, Heizung runterdrehen und Pullover anziehen.

Ob Klimaschutz oder Flüchtlingshilfe – Didier und Benoît sehen einen weiten Weg von der Erkenntnis des Problems zu eigenem Handeln. Jedes Land denke nach wie vor zu stark nur an sich. Das Maß an europäischer Integration zu reduzieren, das Nationale der europäischen Zusammenarbeit wieder voranzustellen, können und wollen sie sich alle nicht vorstellen. „Viele wissen gar nicht, welche Vorteile ihnen Europa bringt“, sagt Benoît. „Seit es die EU gibt, gibt es Frieden. Das ist doch alles, was am Ende des Tages zählt.“

Ihr Traum von Europa in 20 Jahren? „Wenn es nicht schlimmer wird, wäre das schon ziemlich gut“, sagt Isabel. „Lass uns ambitionierter sein“, meint Didier und schlägt eine europäische Regierung mit einem Präsidenten vor. „Wir brauchen mehr Integration. Im Moment geschieht zu wenig.“ Einen europäischen Präsidenten fände Benoît nicht so toll. Wie Inès schätzt er die kulturelle Vielfalt und wünscht sich, dass das Flüchtlingsproblem in den Herkunftsländern gelöst wird und die Europäer nicht immer erst dann etwas tun, wenn sie selbst betroffen sind.

Unser Europa: Fünf Geschichten von fünf Menschen