Aachen: Eversheim: „Der Preis ist ein Ansporn zum Handeln”

Aachen : Eversheim: „Der Preis ist ein Ansporn zum Handeln”

Der Sprecher des Karlspreisdirektoriums, Prof. Walter Eversheim, feierte dieser Tage seinen 70. Geburtstag. Der promovierte Diplom-Ingenieur und Diplom-Wirtschaftsingenieur, der auch zwei Ehrendoktortitel trägt, hat eine tragende Rolle bei der Auswahl des jeweiligen Karlspreisträgers.

Über die Bedeutung und die Zukunft der internationalen Auszeichnung unterhielt sich unser Mitarbeiter Georg Dünnwald mit dem Jubilar.

Sie sind nach Dr. Kurt Pfeiffer, Jean-Louis Schrader und Konsul Hugo Cadenbach erst der vierte Sprecher des Karlspreisdirektoriums. Nicht wenige der Karlspreisträger, die Sie mit ausgesucht haben, waren unumstritten. Wie beispielsweise Javier Solana, gegen den die Proteste im Vorfeld teilweise massiv waren. Schaden solche Einwände der Reputation des Karlspreises?

Professor Walter Eversheim: Vorab gilt ganz generell, dass wer eine Wahl zu treffen hat, es fast niemals allen recht machen kann. Aber gerade in den letzten Jahren haben wir für unsere Entscheidungen ein außerordentlich hohes Maß an Zustimmung erfahren. Das gilt auch für Javier Solana, gegen dessen Auszeichnung ja nur eine kleine Minderheit protestiert hat.

Ist der Karlspreis, so wie er seit Jahren verliehen wird, überhaupt noch modern? Bewegt er die Menschen, auch über Aachen hinaus?

Eversheim: Die Botschaft des Karlspreises, die Botschaft der freiwilligen Verständigung der europäischen Völkerfamilie, ist nach wie vor aktuell. Und der Festakt am Christi Himmelfahrtstag ist ein unverändert würdiger Rahmen. Der Karlspreis hat sich im Übrigen stetig weiterentwickelt, inhaltlich und auch hinsichtlich der Veranstaltungsformen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Mit einem anspruchsvollen Rahmenprogramm beziehen wir heute über viele Wochen die Bürger in die europäische Diskussion mit ein. Und mit dem Europa-Forum haben wir eine hochkarätige Konferenz vorgeschaltet, bei der sehr intensiv und auch kontrovers die aktuellen Herausforderungen diskutiert werden. Das wird auch jenseits von Aachen wahrgenommen.

Hat eine solche Auszeichnung im Nachhinein Auswirkungen auf die politischen Entscheidungen seiner Träger?

Eversheim: Ein solches Urteil maße ich mir nicht an. Aber wenn Sie sich die Reden im Krönungssaal noch einmal vor Augen führen, dann wird hierin sehr deutlich, dass sehr viele Preisträger den Karlspreis „nicht in erster Linie als eine Anerkennung, sondern vielmehr als einen neuen, kräftigen Ansporn zum Handeln” verstehen - das genau waren die Worte von Javier Solana. Diese Botschaft wollen wir auch vermitteln: den Dank für geleistete Arbeit und die Ermunterung, den Weg zur Einheit unseres Kontinents fortzusetzen.

Sie waren fünf Jahre lang ständiger Gastprofessor an der Universität in St. Gallen. Gibt´s in der Schweiz keine begeisterten Europäer, die ebenfalls mit dem Karlspreis ausgezeichnet werden könnten?

Eversheim: Mit dem aus der Schweiz stammenden Frère Roger wurde 1989 ein ganz herausragender Europäer mit dem Karlspreis ausgezeichnet. Entscheidend ist nicht das Herkunftsland eines Preisträgers, sondern der jeweils wertvollste Beitrag für das Vereinte Europa. Und wenn Sie bedenken, dass die bisherigen Preisträger knapp 20 unterschiedliche Nationen repräsentieren, dann sind zwar nicht alle europäischen Staaten vertreten, aber es ist schon breit gefächert.

Die meisten Träger des Internationalen Karlspreises waren oder sind Politiker. Gibt es in der Wirtschaft oder der Kultur zu wenige Menschen, die sich für die europäische Einigung einsetzen und deshalb als Preisträger nicht infrage kommen?

Eversheim: Der Karlspreis hat sich schon relativ frühzeitig zu einer vornehmlich politischen Auszeichnung entwickelt, denn die für die Einheit Europas entscheidenden Weichenstellungen werden in erster Linie von der Politik bestimmt. Aber mit den Entscheidungen für Frère Roger, György Konrád, den Euro und - als außerordentlichen Preisträger - Papst Johannes Paul II. haben wir gerade in der jüngeren Vergangenheit auch andere Akzente gesetzt.