Adeline Dieudonné: „Es sind eher die Figuren, die mich finden“

Adeline Dieudonné : „Es sind eher die Figuren, die mich finden“

Adeline Dieudonné, Bestsellerautorin aus Belgien, besucht zum Auftakt ihrer Lesereise Heinsberg. Zwischen Museum und Café Samocca liest sie aus ihrem Roman „23 Uhr 12. Menschen in einer Nacht“.

Hamburg, Heinsberg, Hannover. Das waren die drei Städte, die Adeline Dieudonné, Bestsellerautorin aus Belgien, zum Auftakt ihrer Lesereise besuchte. Für Buchhändler Marcus Mesche war dies jedoch noch in anderer Hinsicht eine besondere Lesung. Es war die erste nach langer Corona-Pause, eine in zwei Sprachen, in Französisch und in Deutsch, und daher hatte er dafür mit dem Innenhof zwischen Museum und Café Samocca auch einen besonderen Ort Open Air gewählt. Dieser wurde bei schönstem Sommerabend-Wetter nicht nur von Publikum und Autorin sehr positiv gewürdigt, sondern auch von ihrer Begleiterin, der Schauspielerin und Sprecherin Franziska Herrmann. „Das ist eine schöne Stimmung hier in diesem Hof“, stellte sie fest.

Eigentlich hatte Franziska Herrmann nur die Texte aus der deutschen Ausgabe lesen sollen, übernahm dann jedoch auch die Moderation, denn die dafür vorgesehene Dritte im Bunde, die Journalistin und Moderatorin Margarete von Schwarzkopf, war wegen einer Erkrankung ausgefallen. Aber auch die beiden Protagonistinnen allein meisterten den Abend interessant und kurzweilig, indem sie nicht nur auf Französisch und Deutsch aus dem Buch lasen, sondern Franziska Herrmann mit ihren Fragen an Adeline Dieudonné, bekannt seit ihrem ersten Roman über „Das wirkliche Leben“, das neue Werk auch zwischen den Zeilen beleuchtete.

Die Autorin las das erste Kapitel im Original kurz an, von ihrem Handy, denn ihr eigenes Buch hatte sie „verlegt“, wie Franziska Herrmann schmunzelnd bemerkte. Danach las sie das erste Kapitel komplett in deutscher Sprache. Hier wurden zunächst die skurrilen Figuren des Buches auf einer Autobahnraststätte in den Ardennen in Szene gesetzt, spätabends um „23 Uhr 12. Menschen in einer Nacht“, so auch der Titel des Romans.

„Es sind eher die Figuren, die mich finden“, antwortete Adeline Dieudonné auf die Frage der Moderatorin, wie sie zu den Personen in ihren Büchern komme. Dem Zuhörer wurde schnell klar, dass es auch die der Autorin eigenen Charakterzüge sind, die sie hier bis in ihre Absurdität katapultiert.

Deutlich wurde zudem ihre sehr bildreiche Sprache, die über die bekannten Vergleiche sehr weit hinausgeht, etwa wenn sie zur Szenerie der Raststätte die geschlossenen Sonnenschirme in ihren blauen Schutzhüllen beschreibt „wie ausgeblasene Kerzen auf einem trockenen Kuchen“. Und hart wirkt ihre Sprache, hart durch die Direktheit, mit der sie den Leser erreicht. So führt sie Victoire in die Szenerie ein, „die gerade auf einen Reifen ihres kleinen SUV gekotzt hat.“

Es passiert sehr viel in diesem Buch, das sicherlich damit zu tun habe, dass Adeline Dieudonné auch Schauspielerin sei, mutmaßte Franziska Herrmann und fügte gleich hinzu: „Es sind nicht immer die großen Dinge, die passieren.“ Deutlich wurde durch die Gespräche zwischen den gelesenen Passagen aber auch, dass die Autorin mit ihrer Arbeit im Rahmen eines Romans an einem Punkt in dieser Welt, in zwei Minuten, in denen dieser Roman spielt, sehr stark ihre eigene Sozialkritik transportiert. So berichtete sie der Moderatorin in diesem Zusammenhang zum Beispiel, dass sie mit Tieren aufgewachsen sei und kritisiert, dass die Menschen auch weiterhin nicht aufhören würden, Tiere schlecht zu behandeln.

Nach manchen Zeilen von Adeline Dieudonné waren die Zuhörer versucht zu lachen, und dann blieb es doch „im Hals stecken“, wie es Franziska Herrmann treffend beschrieb. Denn Adeline Dieudonné beschreibt auch eine von Gewalt bedrohte Realität. „Wir sehen viel Gewalt in der Welt“, verteidigte die Autorin diesen Ansatz.

Wie viel Sozialkritik in ihrem Buch steckt, wird dann in seinem „melancholischen Ende“ noch einmal deutlich. Sie habe es während der Pandemie geschrieben, erklärte die Autorin. Und auch davon hat sie die subtilen Beobachtungen ihrer Umwelt wieder ins Buch hineingetragen, indem sie anhand der Figur von Monica noch ein letztes Mal Kritik übt daran, „wie wir mit den Alten am Ende ihres Lebens umgehen.“

Wer bis zum Ende der Lesung blieb, konnte sich nicht nur über ein signiertes Exemplar freuen, sondern erfuhr zudem, dass es im Frühjahr 2023 den dritten Roman der Erfolgsautorin geben wird. Es handele sich um einen Liebesroman, in dem die Frau im Körper ihres verstorbenen Mannes spazieren gehe, verriet Adeline Dieudonné.