Aachen: „Es gibt keine Rede, in der alles neu ist”

Aachen : „Es gibt keine Rede, in der alles neu ist”

Die Bielefelder Sekretärin Monika Rieboldt hatte am Montag einen unruhigen Tag. Um 6.30 Uhr klingelte erstmals das Telefon.

Nachdem die gesamte deutsche Medienlandschaft die Nachricht der Aachener Zeitung aufgegriffen hatte, dass Friedrich Merz seine Ritterrede zu einem großen Teil mit einem Satiretext der Universitäts-Mitarbeiterin bestritten hatte.

„Ich habe die Angelegenheit jetzt meinem Rechtsanwalt übergeben. Das ist doch ein klarer Verstoß gegen das Urheberrecht”, sagt Rieboldt. Und fügt hörbar zornig hinzu: „Der Mann hat so viel Geld, dass er ein ganzes Autorenteam beschäftigen könnte.”

Derweil spricht Merz „von nicht berechtigten Vorwürfen” und bleibt dabei, „meine Rede selbst geschrieben” zu haben: „Ich habe allerdings einige Gedanken übernommen aus einem Text, den ich vor längerer Zeit zugeschickt bekam, und von dem ich nicht wusste, dass er schon veröffentlicht war.”

Aber selbst wenn er davon Kenntnis gehabt habe: „Es gibt keine Rede auf dieser Welt, in der alles neu ist, und gerade im Karneval wird mancher Witz auch zweimal erzählt.”

Was derzeit mit ihm geschehe, sei „ein Stück Gnadenlosigkeit”, betont Merz gegenüber unserer Zeitung. Gleichzeitig appelliert der Ordensritter: „Es ist jetzt Karneval, und vielleicht bringen wir alle zusammen den Humor dazu auf und lassen uns die Freude an der gut gelungenen Aachener Festsitzung nicht nehmen.”

Dazu ist auch Dieter Bischoff, Präsident des Aachener Karnevalsvereins, wild entschlossen. Neben seiner Genugtuung über „eine großartige Sitzung” demonstriert er Solidarität gegenüber dem Ritter: „Friedrich Merz hat eine hervorragende Rede gehalten. Wenn ihm etwas zugeschickt wurde, dann darf er das verwenden. Jeder gute Witz wird zweimal erzählt. Es kommt immer darauf an, wer und wie es erzählt wird.”

Am Montag stellte sich heraus, dass auch Merz Redepassage über Edmund Stoiber ebenfalls aus dem Internet stammt. Dessen - authentisches - rhetorisches „Geholper” aus dem bayerischen Kommunalwahlkampf 2002 wurde vom Düsseldorfer Journalisten Mario Sixtus in seinem Weblog Anfang Januar veröffentlicht: „...dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen...am...am Hauptbahnhof in München starten Sie ihren Flug zehn Minuten...meine sehr..äh, Charles de Gaulle in Frankreich oder in...in...in..Rom” usw.

Sixtus jubelt: „Ein Hit! Allein auf meiner Webseite wurde der Stoiber-Text 60.000mal angeklickt. Wenn das eine Schallplatte wäre, dann bekäme sie Gold.” Zumal die Redepassage des Aachener Ritters - ehedem vom Münchener Lokalsender Charivari verbreitet - auch in anderen Internetauftritten zu finden sind. Sixtus lässt die Verwendung der Passage in der Ritterrede kalt - und dies zu Recht: „Es handelt sich ja nicht um meinen Beitrag, sondern um eine wirre Rede von Stoiber, die er selbst gehalten hat.”

Auch die am Montag von der AZ Merz zugeschriebene Redepassage über die Vogelgrippe („Nehmt meine Frauen, lasst mir die Hühner”) sei abgeschrieben, reklamieren AZ-Leser. Die 55 Suchergebnisse, die unter diesem Satz bei Google erscheinen, zeigen jedoch, dass sich dahinter eine Nachricht verbirgt, die somit problemlos verwendet werden konnte.

Derweil diskutiert auch die gesamte Aachener Ritterschaft: „Noch beim gemeinsamen Frühstück am Sonntag Vormittag hat Friedrich Merz betont, er habe die Rede selber geschrieben”, erinnert sich Ordenskanzler Constantin Freiherr Heereman von Zuydtwyck. Das sei „wirklich eine Gratwanderung, ob man sich aus dem Internet etwas zusammen stellt oder selber schreibt”.

AKV-Knappe Armin Halle nimmt die Diskussion gelassen: „Zwischen Konfuzius und Norbert Blüm gibt es nichts Neues, was nicht schon aufgetaucht ist.” Er konzidiere Friedrich Merz „einen Irrtum und keine bewusste Urheberrechtsverletzung”.

Der Redenschreiber eines Aachener Ex-Ritters offenbarte die Verfahrensweise beim Zustandekommen einer Ritterrede so: „Auch ich habe Gags im Internet gesucht und gefunden, aber nicht eins zu eins übernommen, sondern sie mit einem Dreh verändert und auf meinen Chef zugespitzt.”

Das Elf-Punkte-Programm für Deutschland von Monika Rieboldt, Kernpunkt der Ritterrede, hatte Friedrich Merz dagegen zu etwa 70 Prozent fast wörtlich übernommen.