Aachen: Eine Patenschaft, von der beide profitieren

Aachen: Eine Patenschaft, von der beide profitieren

Die gemeinsame Geschichte von Jawad und seiner Patin Ursula Tiebel beginnt in einem Stadion. Auf dem Aachener Tivoli trafen sich der 17-jährige Flüchtling aus Afghanistan und die Aachenerin zum ersten Mal. Die Alemannia spielte gegen Borussia Dortmunds Zweitvertretung, „wir haben beide damals zu den Gästen gehalten“, sagt Tiebel heute und lacht.

„Als Dortmund ein Tor geschossen hat, haben wir gejubelt. Freunde haben wir uns im Stadion damit nicht gemacht“, ergänzt Jawad und lacht ebenfalls. Das auf den ersten Blick ungleiche Duo blieb allerdings verbunden — als Freunde, als Vertraute, oder ganz offiziell: als Patensohn und Patin.

Der junge Flüchtling (sein Name ist aus Gründen des Personenschutzes hier geändert) und die Aachenerin sind mittlerweile eine eingeschworene Gemeinschaft, möglich gemacht durch ehrenamtliches Engagement und den Willen, etwas zu tun für die vielen unbegleiteten Minderjährigen, die in der jüngeren Vergangenheit in der Aachener Region gelandet sind. Dass viele von ihnen die Patenschaft dringend gebrauchen können, erklärt sich oft schon nach einem kurzem Blick in die jeweilige Biografie. Initiativen wie die Bürgerstiftung Lebensraum Aachen mit ihrem Projekt „Patenschaften“ bringen Menschen zusammen. Die Idee: Verbindungen herstellen, die im Idealfall wichtigen Halt und Orientierung geben.

Auch Jawads Geschichte liest sich wie eine Odyssee. Geboren in Afghanistan, flüchtete er mit seiner Familie in den Iran. Als er acht war, verlor er seine Eltern im Gewirr einer riesigen Menschenmenge. „Ich bin dann bei meinem Onkel untergekommen“, erzählt er. Das breite Lächeln, dass er seinem Gegenüber beim Kennenlernen präsentiert, schwindet — auch dann, wenn er von seiner Flucht berichtet: 2015 brechen er und einige Freunde auf, ein erster Versuch scheitert. Mit der Hilfe skrupelloser Schlepper geht es schließlich über die Türkei, Griechenland und die Balkan-Route nach Österreich, ehe er in Hannover in einem Aufnahmelager landet. Dort wird die Gruppe getrennt.

Jawad kommt nach Aachen, wo zu dieser Zeit viele unbegleitete Jugendliche stranden. Als er Ende Oktober 2015 alleine in der Grenzstadt aus dem Zug steigt, hat er nicht einmal eine Idee, wo er die Nacht verbringt. Der Junge kommt in einer Aufnahmeeinrichtung unter, heute lebt er in einer Wohngruppe. „Nach all diesen Erfahrungen braucht ein junger Mensch einfach eine neue Perspektive, positive Eindrücke und eine Bezugsperson“, sagt Ursula Tiebel. Erkenntnisse wie diese sind es, die die Aachenerin bewegen, sich für ein Patenprogramm zu melden.

„Sich einen Ruck geben, etwas machen zu wollen“ — so fängt es an, sagt Tiebel. Die Erfahrungen der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen zeigen: Es genügen schon wenige Stunden im Monat, um den Flüchtlingen bei persönlichen Treffen als Vertrauensperson zur Seite zu stehen. Für Engagierte wie Ursula Tiebel steht fest: Man darf nicht nachlassen im Bemühen, dem „Willkommen“ etwas folgen zu lassen, jungen Menschen nach dem Trauma der Flucht Perspektiven zu eröffnen. „Ich möchte auch dem Ungeist geschürter Angst vor Flüchtlingen etwas entgegensetzen. Die Rechnung ist einfach: Ich kann nicht die Welt retten, aber ich kann im Rahmen meiner Möglichkeiten etwas erreichen. Wenn viele etwas tun, ist vieles möglich.“

Die Aachenerin besorgt sich die Telefonnummer des Jungen, den sie beim Fußball kennengelernt hat. „Ich habe mich so sehr gefreut, dass jemand für mich da sein will“, sagt Jawad heute. Dank funktionierender Netzwerke erhält sie Hilfe für den Start der Patenschaft, ein Schulungssystem bereitet die Freiwilligen vor. „Ich kann heute sagen: Anfängliche Scheu vor solch einer Aufgabe ist unbegründet“, sagt Tiebel. Das liege auch daran, dass die Paten die gemeinsame Zeit individuell gestalten können. Die Jugendlichen haben einen gesetzlichen Vormund, der für die behördlichen und rechtlichen Angelegenheiten zuständig ist.

Die Aachenerin und der Flüchtling haben sich langsam angenährt. Das Verhältnis wird persönlicher, offener — von beiden Seiten. „Das ist aber kein Muss“, sagt Tiebel. „Ich weiß von Patenpaaren, die sich nur alle paar Wochen zum Essen treffen. Und das ist für beide Seiten gut so.“ Kochen, Kultur, Malen — Jawad und seine Patin gestalten ihre Treffen vielfältig. „Für mich alltägliche Dinge spielen eine große Rolle, weil sie für den Jungen noch neu sind.“ Über das Netzwerk der Bürgerstiftung konnte Jawad auch einen Schwimm- und Radfahrkurs absolvieren, sein Wunsch nach Klavierunterricht ging in Erfüllung. Auch Fußball spielt er heute wieder.

Es hat von Anfang an gepasst, sagen beide. Und beide wissen, dass das nicht selbstverständlich ist bei einer Patenschaft, die aus schwierigen Umständen entstanden ist. „Sie hat mir geholfen, mich in einer mir unbekannten Umgebung zurechtzufinden“ sagt Jawad voller Dankbarkeit über seine Patin, und meint viel mehr als nur die Straßen Aachens. „Dank ihr ist die Stadt für mich schon ein kleines Stück Heimat geworden. Ich habe viele hilfsbereite Menschen kennengelernt. Auch wegen ihnen habe ich eine Verantwortung, mich zu integrieren. Mein Traum ist, weiter die Schule zu besuchen und zu studieren.“ Auch die Aachenerin profitiert von der Patenschaft: „Durch ihn lerne ich viel über eine mir zuvor fremde Kultur und Region. Der Austausch erweitert den Horizont gewaltig.“

Gemeinsam hoffen Jawad und seine Patin, dass sich noch viele finden, die sich den Ruck geben und dem „Willkommen“ etwas folgen lassen.