Aachen: Ein Schlussstrich vor dem Aufbruch

Aachen: Ein Schlussstrich vor dem Aufbruch

„Burning Bridges“, das neue Bon-Jovi-Album wird zwar de facto offiziell als 13. Studioeinspielung der Band gehandelt, aber die Platte soll zumindest vorerst etwas Geheimnisvolles haben. So will es jedenfalls der Chef, Jon Bon Jovi.

Gehüllt in eine braune Papiertüte, auf die der Bandname und der Albumtitel gekritzelt sind, enthält das Cover keine weiteren Informationen. Nur so viel ließ Jon Bon Jovi zur Ankündigung von „Burning Bridges“ verlautbaren: „Es ist unser neuestes, aber nicht unser nächstes Album.“

Ob derlei ungeahnter Belehrbarkeit ist man erst mal fassungslos und greift zum Telefonhörer, um bei Bon Jovis Plattenfirmen-Dependance in Berlin nachzufragen, was es mit der kryptischen Äußerung auf sich hat. Und man erfährt, dass sich Herr Bon Jovi nicht weiter zur Platte äußern will. Niemandem gegenüber. Immerhin wird in einem Nebensatz erwähnt, dass „Burning Bridges“ von der Band als „Album für die Fans“ produziert worden ist. Was immer das bedeuten mag.

Man könnte natürlich mutmaßen, dass die letzten beiden Bon-Jovi-Alben „The Circle“ und „What About Now“ entsprechend nicht „für die Fans“ aufgenommen worden waren, sondern für all jene, die bis dahin keine Bon-Jovi-Fans waren. Schaut man sich in Fan-Foren der Band um, wird die zugegebenermaßen abwegige Theorie ansatzweise sogar bestätigt. Da wird immer wieder die Frage in den virtuellen Raum geworfen, wann Jon Bon Jovi sich endlich seiner Anfänge, den Qualitäten seiner großen Hit-Alben „Slippery When Wet“ und „New Jersey“ besinnt und wieder „gute Songs“ veröffentlicht.

Derlei Sticheleien sind natürlich so ungerecht wie unzutreffend. Immerhin obliegt es Jon Bon Jovi, regelmäßig der Stagnation Schnippchen zu schlagen, um seine Band und deren Markennamen relevant zu halten. Mit messbarem Erfolg. Von der gitarrendominierten, melodisch-hymnischen Rockauffassung in den Anfangsjahren der Band, führte Jon Bon Jovi seine Truppe im Jahr 2000 mit der Single „It’s My Life“ in die erwachsene Liga der Rockmusik und stieß paradoxerweise prompt auf das Interesse einer jüngeren Generation von Musikfans.

Auf dem „Lost Highway“-Album flirteten Bon Jovi mit der Country Musik. Auf dem Nummer-eins-Album „The Circle“ besann sich die Band ihrer Rock’n’Roll-Wurzeln, und wenn Jon Bon Jovi die Lust packte, trat er mit der von ihm initiierten Band Kings Of Suburbia auf, in der etwa der langjährige Joe-Jackson-Bassist Graham Maby spielte.

Und dann war in den vorigen Jahren immer wieder von Streitigkeiten zwischen ihm und seinem früheren Gitarristen Richie Sambora die Rede, der die meisten der großen Bon-Jovi-Hits als Komponist mitverfasste. Im April 2013 verließ Sambora die laufende „Because We Can“-Tour aus „persönlichen Gründen“, die seiner Alkohol-Abhängigkeit zugesprochen wurden. Zwar wurden zunächst Gerüchte dementiert, nach denen der Gitarrist gefeuert worden war.

Aber im vergangenen November bestätigte Jon Bon Jovi schließlich, dass Sambora nicht mehr zur Band gehöre. Ob Jon Bon Jovi die Brücken, die er seinem Mitstreiter immer wieder baute und die nun offensichtlich hinter ihm liegen, abbrennen will?

Es deutet vieles darauf hin, dass der Albumtitel „Burning Bridges“ zumindest um das Thema Sambora kreist. Möglicherweise soll er sich wie eine Art Schlussstrich unter das Bandkapitel mit dem Ex-Gitarristen lesen lassen. So oder so, das zehn Songs umfassende neue Album ist wie eine Art musikalisches Amuse-Gueule zu verstehen, dem voraussichtlich im nächsten Jahr der Hauptgang, ein Album der neu formierten Bon Jovi folgen wird. Mit dem Song „Saturday Night Gave Me Sunday Morning“ enthält „Burning Bridges“ noch mal eine von Bon Jovi und Sambora gemeinsam verfasste Nummer. Zehn Jahre alt, während der Studio-Sessions zum „The Circle“-Album fertig produziert gewesen und bislang unveröffentlicht geblieben, klingt der Song heute wie ein fröhlich-poppiger Abgesang auf die Ära Sambora.

„We Don’t Run“, von Bon Jovi mit John Shanks, dem langjährigen Produzenten der Band geschrieben, ist ein brandneuer hymnischer Rocksong, in dessen Strophen Jon Bon Jovi flankiert von sägenden Gitarren einen weiteren Hinweis auf die Idee hinter dem Album singt: „Keine Angst vor brennenden Brücken, weil ich weiß, dass sie meinen Weg erhellen, wie Phönix aus der Asche steigend, heiße ich die Zukunft an diesem neuen Tag willkommen.“

Will heißen: Bon Jovi haben mit „Burning Bridges“ die Lager geräumt, alte Boxen mit bislang nicht erhältlichen Songs entstaubt und ein paar aktuell eingespielte Nummern dazugepackt, die sich in ihrer Gesamtheit eher wie ein Brückenschlag zwischen der hiermit abgeschlossenen Vergangenheit der Band und ihrer Zukunft ausnehmen.

Die Piano-Ballade „Blind Day“ und das düstere „A Teardrop To The Sea“ sind tatsächlich vor allem etwas für Bon-Jovi-Archivare, während „We All Fall Down“ unterstreicht, wie viel ungebremster Lebensgeist nach wie vor in der Band steckt, die 2016 mit einem neuen Plattenvertrag durchstarten will. Auch das könnte ein Hinweis auf „Burning Bridges“ sein. Alte Verträge müssen schließlich abgearbeitet werden. Manchmal auch mit Archivmaterial.

Mehr von Aachener Zeitung