Aachen: Durchlaucht haut auf den Putz. Zugabe!

Aachen : Durchlaucht haut auf den Putz. Zugabe!

Die Fürstin naht. Dekolletees beben. Der Saal erhebt sich. Der Präsident fiebert. Es ertönt Edward Elgars „Pomp and Circumstance”. Der Aachener Karnevalsverein fühlt sich aristokratisch. Carnevale Duchesse im Eurogress! In einer Sänfte tragen die Elferräte ihre neue Ritterin auf die Bühne - eine spontane, temperamentvolle, herzlich lachende Frau.

Furioser Auftakt einer gelungenen Festsitzung, in deren Verlauf sich erweisen soll: Durchlaucht ist eine regelrechte „Rampensau”.

Ordensverleihung wider den tierischen Ernst - das ist alle Jahre höchster Feiertag der Aachener Friseur-Innung. Aber an diesem Wochenende hat die Hautevolee frisur- und garderobentechnisch nochmal eine Schüppe draufgelegt. Es hat sich gelohnt. Die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis erweist sich als Glücksgriff. Nach den Pleiten der beiden Vorjahre mit den Rittern Joachim Hunold und Friedrich Merz hatte der AKV es auch nötig.

Woran lag´s? Nun - eben an „Euer Durchlauferhitzer”, wie der unschlagbare Jürgen Beckers die Fürstin begrüßt, aber nicht weniger an einem glücklichen Konzept. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren gab es viel mehr Öcher Karneval. Auf ein solches Erfolgsrezept hätte man - im Öcher Karneval! - auch früher kommen können.

Die Mischung stimmt und wird ebenso professionell wie rasant serviert. Für Drehbuch und Regie hatten die bewährten Manfred Langner, Intendant des Grenzlandtheaters, und Ulf Dietrich mit dem Aachener Multitalent Uwe Brandt Verstärkung bekommen. Das Publikum spürt die neue Handschrift.

Die Drei wissen aber auch, auf wen sie sich stützen können - allen voran auf Tausendsassa Jürgen Beckers, dessen Vorstellung der Ritter schon allein ein humoristisches Highlight ist: „Friedrich Merz für die CDU zu begrüßen, ist so, als würde man Oskar Lafontaine für die SPD begrüßen.”

Und dann: Gitta Haller, die sich - wunderbar im Trio mit Ägid Lennartz und Stimmungskanone Jupp Ebert - untertänigst mit der Fürstin unterhält: „Et is für uns eine jroße Erfreulichkeit...” Die charmante Gitta - mit 79 Jahren unkaputtbar, unvergleichlich, unerreicht.

Schlag auf Schlag, viele herrliche Einfälle, viel Öcher Flair, thematisch wunderbar ausgesuchte und brillant präsentierte Tänze von TN Boom unter der Leitung von Marga Render. Eine goldige Schar kleiner Kinder von der Grundschule Passstraße umgibt den Lennet Kann; das ist erstens einfach ein wunderschönes Bild und führt dankenswerterweise zweitens dazu, dass Dirk von Pezold weniger als sonst seine Arme durch die Luft schleudert. Josef, Jupp und Jüppchen gehören offensichtlich einfach dazu, was nicht unbedingt als Kompliment verstanden werden kann; denn der rote Faden durch ihr Programm ist mittlerweile ziemlich ausgeleiert.

Guido Westerwelle ist dieses Mal gut aufgelegt und leitet strahlend wie ein frisch verliebter Backfisch seine Rede mit großen Pausen ein: „Ich bin hier heute Abend verabredet - zum Rendezvous - mit einer Frau!” Und zum Schluss hofft er, dass Ulla Schmidt irgendwann die Perücke abnimmt und man feststellt: „Es ist doch Hape Kerkeling!”

Ein Glanzlicht und neu auf der Aachener Bühne: Charles und Camilla (Uli Bauer und Holger Paetz aus München), Parodie vom Feinsten, ein umwerfendes Duo, das rhetorisch und mimisch gekonnt rätselt, was man in Aachen „against Earnest” hat.

Die gesamte Sitzung ist für den AKV und seinen Präsidenten ein großer Erfolg, für den Moderator des Abends allerdings nicht. Horst Wollgarten bleibt blass. Er wird im Grunde Opfer dieses Erfolgs und vom Schwung des Programms einfach überrollt. Der AKV selbst erhebt einen hohen Anspruch; da müsste er sich für die Moderation ganz souverän etwas überlegen.

Vorjahresritter Joachim Hunold ist besser als 2007, wozu zwar nicht viel gehört - aber immerhin. Er würdigt in seiner Laudatio die Fürstin als „Paris Hilton mit Niveau”, die zwar mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen habe, „aber sie kann sich immer noch gut an die wilde Zeit und die vielen Partys erinnern - im Gegensatz zu Ferdinand Piech”.

Der Höhepunkt - wie es sich gehört - zum Schluss: die neue Ritterin, ein richtiger Karnevalsjeck, eine Frau für die Bühne, ganz natürlich und ganz professionell. Sie zündet zwar kein humoristisches Feuerwerk ab, aber wie sie sich präsentiert, ist eine wahre Freude. Sie parodiert Stoiber und plädiert gegen Frauen als Priester: „Lasst doch den Männern die letzte Bastion. Alles Übrige holen wir uns schon.” Sie braucht das jedenfalls nicht: „Ich muss nicht Papst sein - ob Benedikt oder Leo. Es heißt ja schon: Gloria in Excelsis Deo.”

Und weil Gloria alles Aristokratische abgelegt hat, ist sogar zuallerletzt noch eine Steigerung möglich. Durchlaucht haut auf den Putz, schmettert ihr Karnevalslied „Meinung sagen” in den Saal: „Endlich ist mal Quatsch erlaubt und gar nichts ist zu viel!”

Das Publikum schreit Zugabe! Nach einem Ritterauftritt! Wann hat es das zuletzt gegeben?