Dossier Tihange

Jean-Philippe Bainier: „Das Kernkraftwerk Tihange ist absolut sicher“

Von: Madeleine Gullert und René Benden
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Klare Position: Jean-Philipp Bainier kennt sich mit umstrittenen Kraftwerken aus. Bevor der Franzose nach Belgien kam, um die Leitung des AKW-Tihange zu übernehmen, führte er das Kernkraftwerk in Fessenheim an der deutsch-französischen Grenze. Foto: Harald Krömer
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Das Kraftwerk von Tihange: Nach Aussage von Engie-Electrabe ist es kein Problem, hier noch Jahrzehnte Strom zu produzieren. Foto: dpa

Tihange. Er soll alles besser machen. Jean-Philippe Bainier ist seit drei Monaten Leiter des Atomkraftwerks in Tihange. Betreiber Engie-Electrabel hatte im Januar angekündigt, die Sicherheitskultur zu verbessern, und das hatte auch personelle Konsequenzen. Der Franzose Bainier ersetzt Johan Hollevoet, der seit 2012 für Tihange verantwortlich war.

Damals waren die Risse in den Reaktordruckbehältern von Tihange 2 und Doel 3 entdeckt worden. Seitdem wächst die Sorge und regt sich der Protest in der Region, insbesondere gegen den Luftlinie nur 60 Kilometer von Aachen entfernten Meiler. Bainier ist seit 1983 in der Kernenergiebranche. Er verstehe die Sorgen der Menschen in der Grenzregion, betont er im Interview mit unserer Zeitung. Er sagt aber auch: Tihange ist sicher!

Herr Bainier, nerven die besorgten Deutschen Sie eigentlich?

Bainier: Genervt? Nein. Besorgt? Ja. In Frankreich habe ich vier Jahre das Kernkraftwerk Fessenheim geleitet. Ich kenne die deutschen Befindlichkeiten bezüglich der Kernenergie. Ich respektiere sie und nehme sie ernst, das ist Teil meiner Arbeit in der Kernenergie.

Im September müssen Sie der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC einen kompletten Report zu den letzten Ultraschalluntersuchungen des Reaktordruckbehälters von Tihange 2 vorlegen. Die Grünen fürchten, dass dann noch mehr Risse im Meiler festgestellt werden. Kann das passieren?

Bainier: Erlauben Sie mir, hier eines klarzustellen: Wir reden hier nicht von „Rissen“, das ist eine Wortwahl, die ich noch nie verstanden habe. Es handelt sich hier um Wasserstoffeinschlüsse, die schon seit der Produktion der Kessel da sind. Das haben wir seit der Entdeckung im Jahr 2012 bewiesen. Was wir heute vermeintlich neu entdecken, ist eigentlich nicht neu, sondern liegt an einer anderen Kameraposition. Bei vorherigen Untersuchungen lagen diese Wasserstoffeinschlüsse aber unter der Entdeckungsgrenze. Sie müssen sich vorstellen, dass die so dünn wie ein Haar sind. Sie sind seit Beginn da, werden bis zum Schluss da sein, ohne sich zu vergrößern.

Aber warum glauben denn die Grünen, dass die Risse größer werden könnten?

Bainier: Ich kann Ihnen versichern, dass das nicht passieren wird, weil eines feststeht: Nationale und internationale unabhängige Experten haben Tihange 2 und Doel 3 nach einer mit den Sicherheitsbehörden festgelegten Untersuchungsmethode getestet und stützen die Ergebnisse unseres Sicherheitsdossiers, das wir der FANC präsentieren mussten, damit die beiden Meiler wieder ans Netz durften. Und ich kann Ihnen hier eines versichern: Unser Kraftwerk ist sicher, und es ist nicht nur sicher, sondern es ist eines der sichersten Kraftwerke europaweit, wenn nicht sogar weltweit.

Sie sagen ja, dass die neuen Risse auf eine andere Kameraposition zurückzuführen sind. Können Sie einem Laien erklären, warum Wasserstoffeinschlüsse verschwinden und wieder auftauchen in den Tests?

Bainier: Die tauchen nicht auf oder verschwinden. Sie sind lediglich auffällig oder nicht auffällig, abhängig von der Position der Kamera, die die Untersuchung durchführt und die sich minimal verändern kann von einer Messung zur anderen. Wenn Sie zum Arzt gehen, zum Radiologen, sieht er gewisse Dinge. Beim nächsten Mal liegen Sie in einer anderen Position unter dem Röntgengerät, sie machen dieselbe Untersuchung, aber das Bild kann etwas anders aussehen. Wenn wir einen „neuen“ Wasserstoffeinschluss aufnehmen, zählen wir ihn, um ein möglichst vollständiges Bild zu bekommen. Und die Flocken, die wir bei den Untersuchungen nicht mehr wahrnehmen, zählen wir trotzdem. Wir nehmen also eine sehr konservative Zählweise vor. Die verschwinden ja nicht einfach. Kleinste Details können das Ergebnis der Ultraschalluntersuchung verändern wie beispielsweise eine um nur ein Grad abweichende Wassertemperatur – denn die Messung findet im Wasser statt.

Wie sicher ist die Methode denn dann?

Bainier: Es handelt sich hier um die nach internationalen Erfahrungen beste Methode, die zu haben ist. Wir haben uns mit der FANC auf diese sichere Methode festgelegt, die wir weder ändern wollen noch können. Um beim Arztbeispiel zu bleiben: Man kann nicht an einem Tag ein Röntgenbild und am nächsten ein MRT machen und das gleichsetzen. Und noch mal: Die Wasserstoffeinschlüsse sind nicht gewachsen und diejenigen, die wir jetzt neu aufzeichnen, sind aufgrund der genannten Umstände bisher gesehen worden. Das wichtigste aber ist auch nicht die Zahl der Wasserstoffflocken, sondern die Größe. Denn wenn die Wasserstoffeinschlüsse nicht größer werden, belegt das unsere Annahme, dass sie bei der Produktion des Kessels entstanden sind. Gäbe es eine Veränderung der Größe, würde das alles infrage stellen, aber genau das passiert nicht.

Was wäre, wenn sich die Risse vergrößern?

Bainier: Dann würde die FANC uns das Wiederanfahren verbieten. Außerdem würden wir die Meiler nicht wieder anfahren, wenn es den geringsten Zweifel gäbe. 2014, als es unerwartete Ergebnisse gab, haben wir die Meiler direkt runtergefahren und uns selbst an die FANC gewendet. Aber wir haben gezeigt, dass Tihange sicher ist. Die besten Experten weltweit haben sich gekümmert und uns bestätigt, dass unser Kraftwerk absolut sicher ist.

Haben Sie seit Entdeckung der Risse Ihre Sicherheitsmaßnahmen gesteigert?

Bainier: Die Sicherheit ist bei der Nutzung von Kernenergie immer die zentrale Frage. Ich arbeite seit beinahe 25 Jahren in der Branche. Es wäre prätentiös zu sagen, so, jetzt haben wir alles getan und sind die Besten. Wer überheblich ist, bekommt irgendwann die Quittung. Wir nehmen unsere Verantwortung ernst und arbeiten ständig an weiteren Verbesserungen.

Noch ernster, seit 2012 die Risse entdeckt wurden?

Bainier: Es gibt ein technisches Thema, das Fragen aufwirft, und diese Fragen haben wir beantwortet, so, wie wir auch andere Fragen beantworten. Wir müssen die Sicherheit immer wieder neu hinterfragen, verbessern und in die Zentralen (die Kraftwerke, Anm. d. Red.) investieren. Das ist einer der Grundsätze in der Nuklearindustrie. Wenn man in dieser Industrie arbeitet und sich über Sicherheit keine Gedanken macht, muss man den Job wechseln.

Hat sich auch die Kontrolle der FANC geändert?

Bainier: Die Behörden in Europa haben insgesamt ihren Anspruch erhöht und erhöhen immer wieder. Auch sie stehen unter dem Druck der öffentlichen Meinung.

Und wie sieht die Zukunft von Tihange aus?

Bainier: Engie-Electrabel hat eine bestimmte Vision der Zukunft, was die Stromproduktion in Belgien angeht. Bei der ganzen Diskussion über Atomkraftwerke vergisst man häufig, dass sie einen Nutzen haben, nämlich Strom zu produzieren. Unser heutiges Leben ist ohne Strom nicht möglich. Wenigstens darüber sind wir uns alle einig. Aber wie wir Strom produzieren – das ist die Frage. Dabei spielen auch das Klima und der CO2-Ausstoß eine wichtige Rolle.

Die Belgier und die Politiker in Belgien müssen entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. Wir sind der Meinung, dass die Nukleartechnologie, die kein CO2 emittiert, für die nächsten zehn bis 20 Jahre eine Übergangstechnologie darstellen kann, um erneuerbare Energien auszubauen, den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern zu beschleunigen. Aber das ist eine politische Entscheidung. In Deutschland hat man sich anders entschieden.

Aber die Situation ist doch so, dass Deutschland an Tagen wie heute, an denen es wenig Wind gibt, mit Kohlestrom einen viel höheren CO2-Ausstoß hat als Belgien. Ja, Belgien könnte raus aus der Kernenergie und woanders Strom kaufen, aber dann ist man abhängig von anderen Ländern, und wir kaufen den CO2-Ausstoß gleich mit. Wir benötigen Zeit für den Energiewechsel. Wir investieren deshalb in Tihange 1 und Doel 1, um Zeit dafür zu haben. Das halte ich für eine sehr vernünftige Strategie.

Für Tihange 1 haben Sie eine Laufzeitverlängerung. Streben Sie das auch für Tihange 2 an, wenn die Politik es erlaubte?

Bainier: Wir richten uns hier nach den Entscheidungen der Politik. Wir haben vier Reaktoren, Doel 3, Doel 4, Tihange 2 und Tihange 3, die gut genutzt werden können. Diese heute in Belgien festgelegte Laufzeit von 40 Jahren, das war eine politische Entscheidung, keine technische. Nirgendwo steht geschrieben, dass AKW nur 40 Jahre funktionieren. AKW laufen üblicherweise 60 Jahre problemlos. In den USA denkt man sogar über eine Nutzung von 80 Jahren nach. Unsere Meiler sind sehr jung, und wir können unter Garantie voller Sicherheit Strom produzieren. Nicht nur wir, sondern auch die Behörden wachen darüber. Überhaupt ist unser Sektor der am besten überwachte Sektor. Wir haben ein Audit pro Woche in Tihange mit unabhängigen Inspektoren.

Und was halten Sie von der Idee, Strom über deutsch-belgische Stromtrassen auszutauschen?

Bainier: Es steht mir nicht an, hier einen Kommentar abzugeben. Wir müssen uns die Frage stellen, inwieweit wir uns bei unserer Energieversorgung unseres Landes abhängig machen wollen. Ausschließlich auf Konnektoren zu setzen, würde eine große Abhängigkeit schaffen und anfällig machen. Kommen wir noch mal auf den Tag heute zurück: Es ergibt für Belgien keinen Sinn, Strom aus Deutschland zu kaufen, anstatt unseren Atomstrom zu nutzen. Das CO2-Resultat wäre für Belgien schlechter als vorher. Ja, Deutschland hat Windkraft, aber in dieser Minute weht kein Wind, und somit gibt es keinen Ökostrom. Wenn ich mich jetzt in die belgische Regierung hineinversetze und an den Pariser Klimavertrag denke, dann wäre mit deutschem Strom das Ergebnis für Belgien schlechter.

Also bleibt Kernenergie für Sie am interessantesten?

Bainier: Nein, ein Mix aus allem, bei dem wir keine Technologie ausschließen dürfen. Engie-Electrabel ist der Hauptproduzent für alternative Energien in Belgien, wir setzen unter anderem auf Solarstrom. Bevor wir aber unsere Kernkraftwerke einfach abschalten, sollte man gut nachdenken. Über die Zukunftsstrategie für Belgien sollte schnell entschieden werden, damit man es gut planen kann. Und das müssen auch die Bürger entscheiden an den Wahlurnen.

In Deutschland würde man nie wieder ein AKW bauen, dafür ist die öffentliche Stimmung nicht bereit. Aber nehmen wir Fessenheim: Francois Hollande wollte es schließen, als er Präsident wurde, doch es ist immer noch da. Denn am Ende der Steckdose sind ein Föhn, ein Computer, ein Fernseher. Engie ist Produzent grüner Energie, daran glauben wir, aber heute reicht sie noch nicht. Unser oberstes Ziel ist es, vertrauenswürdig und sicher zu sein. Denn wenn wir nicht sicher sind, dann stoppen wir die Produktion. Das ist sicher.

Bei uns in der Region gibt es eine große Sorge.

Bainier: Wir nehmen das ernst und sind bereit, auf alle Fragen zu antworten Das ist eine Herausforderung für uns, und deshalb wollen wir noch transparenter werden. Ich will die Kritiker nicht überzeugen, ich bin kein Politiker, aber ich habe die Pflicht, transparent zu sein, und wir sind es. Das haben uns die Sicherheitsbehörden auch immer wieder bestätigt. Deshalb haben wir beispielsweise die Engie-Homepage auf Deutsch übersetzt. Die Menschen hier in der Gegend vertrauen uns, aber sie kennen uns auch. Hier arbeiten mehr als 1000 Menschen, die mit ihren Familien in der direkten Umgebung des Kraftwerkes wohnen. Gäbe es wirklich Probleme, lebten wir alle in einem Bunker.

Es ist häufig so, dass Menschen, die 50 Kilometer weit weg leben, besorgter sind als die direkten Nachbarn. Und es ist ihr Recht, Angst zu haben. Ich bin bereit, mit den Organisatoren der Menschenkette zu sprechen. Die, die ich überzeugen muss von der Sicherheit, das sind zunächst die belgischen Sicherheitsbehörden und die Politiker in Belgien und dann die Belgier. Wir wollen dabei unsere Nachbarn nicht auslassen, man muss sich ihre Sorgen anhören. Ich finde es aber auch nicht richtig, dass Leute uns beschimpfen und Lügen über uns erzählen. Wir möchten mit einem offenen und konstruktiven Dialog sozusagen die Lücke schließen zwischen der Perzeption von einigen Leuten und der Realität hier vor Ort.

Was halten Sie von der Menschenkette?

Bainier: Es ist eine Möglichkeit, seine Besorgnis auszudrücken. Wir werden da sein. Hier werden aber auch Sicherheitskräfte sein, um das AKW zu schützen. Wir haben aber auch unsere Bereitschaft ausgedrückt, die Organisatoren zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Wir sind zum Dialog bereit, danach kann jeder unsere Informationen interpretieren, wie er will, aber er hat dann zumindest objektive und belastbare Informationen.

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