Dossier Tihange

Impressionen vom Tag: Mit Bändern, Puppen und langen Armen

Von: Alexander Barth, Madeleine Gullert und Christina Handschuhmacher
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Protest in allen Farben und Formen: Direkt in Huy am Atomkraftwerk Tihange wurde am Sonntag genauso demonstriert... Foto: Heike Lachmann
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... wie in Lüttich und ... Foto: Alexander Barth Foto: Jaspers, Herrmann (2), Handschuhmacher (2), Barth (1), Lachmann (1)
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...im belgischen Visé, wo auch Pappfiguren Teil der Kette waren. Foto: Christina Handschuhmacher Foto: Jaspers, Herrmann (2), Handschuhmacher (2), Barth (1), Lachmann (1)

Aachen/Lüttich/Tihange/Visé. Auf dem Aachener Markt ist gelb die dominierende Farbe. „Stop Tihange“-Schirme und -Bänder überall. Auch Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) hält eine gelbe „Stop Tihange“-Fahne hoch, bevor er um 14.45 Uhr den Mann neben sich an der Hand nimmt.

Heerlens Bürgermeister Ralf Krewinkel ist nach Aachen gekommen, um gegen den Betrieb des umstrittenen belgischen Meilers Tihange 2 zu demonstrieren, und um zu zeigen, dass die Sorge um diesen und den Meiler in Doel die Menschen von Aachen und Heerlen, aber auch bis nach Belgien vereint.

Die Menschen auf dem Markt skandieren „Abschalten, abschalten“. Und dann sagt eine der Streckenposten: „Das sieht ja schon alles gut aus, und jetzt machen wir eine La-Ola-Welle vom Aachener Rathaus bis nach Tihange.“ Ob die La-Ola-Welle allerdings auch wirklich beim Atomkraftwerk angekommen ist, ist fraglich. Die Strecke von Aachen bis nach Vaals ist jedenfalls voll. Dort gibt es den Lückenschluss der 90 Kilometer langen Kette von Aachen über Maastricht und Lüttich nach Tihange. Aber 90 Kilometer sind eine lange Strecke, 60.000 Menschen hätte man benötigt, 50.000 sind laut Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie gekommen.

Im belgischen Visé, rund 30 Kilometer Luftlinie von Aachen entfernt, müssen die Menschen an der einen oder anderen Stellen durchaus Kreativität zeigen, um die Kette zu schließen. Im Streckenabschnitt 42 zwischen Oupeye und Visé endet die Kette um 14.43 Uhr nämlich noch bei Isabell Vitt. Trotz Bändern, Pappfiguren und weit ausgestreckten Armen liegen zwischen der Frau aus Euskirchen und ihrem Gegenpart am anderen Ende noch gut fünf Meter leerer Raum. „Wir müssen noch ein bisschen ziehen“, sagt Vitt. Rochus Kaluza, der an der anderen Seite der unterbrochenen Kette steht, überlegt kurz, ob er seinen Gürtel ausziehen und zweckentfremden soll. Jeder Meter zählt schließlich. Doch dann klappt es auch so. Vitt und Kaluza halten sich an den Händen. Endlich. Kettenschluss.

Die Menschenkette verläuft in Visé direkt am Albert-Kanal entlang. Die Atomkraftgegner schauen auf Natur pur und blaues Wasser. Was wahrscheinlich viele von ihnen nicht wissen: Nur dem Engagement von Bürgern der Wallonie und Südlimburgs ist es zu verdanken, dass sie nicht auf zwei Atommeiler blicken. Denn genau an dieser Stelle war in den 1970er Jahren der Bau von zwei weiteren Reaktoren geplant. Der Aachener Robert Borsch-Laaks hat vor vierzig Jahren gegen den Bau der Meiler in Visé demonstriert, und er ist heute mit seinem Verein „3 Rosen“ gezielt wieder nach Visé gekommen. Mit im Gepäck hat er 270 Pappfiguren, symbolisch für Menschen, die heute nicht kommen konnten. „Das sind keine Fakes, sondern Stellvertreter für echte Menschen – mit deren Gesicht und deren Botschaft.“

Neben den Puppen aus Pappe stehen natürlich vor allem Menschen in der Kette. Hier und dort wird Französisch gesprochen, doch die Mehrheit der Teilnehmer sind Deutsche – viele aus der Grenzregion um Aachen, Düren und Heinsberg. Ein Großteil von ihnen ist mit den Bussen angereist, die der Kreisverband Düren der Grünen gechartert hatte. Im Vorfeld hatte die Konzentration auf Visé für Verärgerung gesorgt, schließlich, so das Aktionsbündnis, funktioniere der Kettenschluss nur, wenn alle an den ihnen zugeteilten Plätzen stehen. Doch der Ärger scheint an diesem Tag vergessen. Jetzt geht es drum, dass die Kette steht. Und das tut sie. Sogar aus Hessen, Baden-Württemberg und Bayern sind Atomkraftgegner angereist und stehen in dem Streckenabschnitt bei Visé genau dort, wo das Aachener Aktionsbündnis sie eingeplant hat.

Einer der jüngsten Atomkraftgegner an diesem Tag ist Kiano. Der 14 Monate alte Junge ist auf Mamas Arm auch Teil der Menschenkette. Manuel Carrasco Molina und seine Partnerin Stephanie Theiß sind mit dreien ihrer vier Kinder aus Kerpen angereist. „Wir sind hier, um diesen Wahnsinn zu stoppen“, sagt Carrasco Molina. Er ist im belgischen Charleroi aufgewachsen und kennt deshalb auch die belgische Perspektive. „Belgiens Regierung schafft es ganz gut, ihren Einwohnern die positiven Aspekte der Atomkraft gut zu verkaufen und die negativen zu verschleiern“, sagt er.

Dazu passt, dass sich Visé und seine Einwohner meist ziemlich unbeeindruckt von den Protesten zeigen. Während direkt am Kanal lautstark und farbenfroh demonstriert wird, jäten die Menschen in den angrenzenden Häusern Unkraut im Garten oder führen ihre Hunde spazieren. Im Ortskern selbst findet ein Stadtfest statt. Für die meisten Menschen in Visé ist, so scheint es, dieser Sonntag ein Sonntag wie jeder andere auch.

Szenenwechsel: Der Grenzübergang von Aachen nach Vaals ist ein symbolträchtiger Ort für die Menschenkette. Denn die Sorge vor dem Meiler Tihange 2 vereint viele Menschen in der Grenzregion – über Grenzen hinweg. „Hier sind nicht nur Aktivisten, die Sorge vor Tihange 2 beschäftigt große Teile der Bevölkerung“, sagt die Aachener EU-Abgeordnete Sabine Verheyen, die sich mitten auf die Grenze stellt. Ja, der Meiler Tihange 2 sei nicht in Deutschland, aber trotzdem nur 60 Kilometer Luftlinie von Aachener Stadtgebiet entfernt. Im Falle eines GAU könne das Gebiet unbewohnbar werden. Das hatte Professor Wolfgang Renneberg vom Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften an der Universität Wien in einer Studie für die Städteregion Aachen erörtert. Auch er ist zur Menschenkette gekommen. „In Deutschland würde so ein Atommeiler nicht mehr laufen“, sagt er.

Das erhofft sich auch Städteregionsrat Helmut Etschenberg (CDU), der immer wieder betont, dass er sich von der Bundesregierung im Kampf gegen Tihange alleingelassen fühlt. Die Städteregion klagt gegen den Betrieb, während die Bundesregierung den Transport von Brennelementen genehmigt. Das verstehen die Menschen an der Strecke nicht. „Da fühlt man sich doch verarscht“, sagt Elisabeth Rommbach aus Mönchengladbach, die mit Freunden aus Aachen demonstriert. Sie fühlen eine Ohnmacht, weil nichts passiere. Ohnmächtig fühlt sich Etschenberg sicher nicht, er ist umtriebig, aber in Berlin sei das Thema Tihange eben noch nicht richtig angekommen, da ist er sich sicher. „Die Kette ist aber ein Signal nach Berlin und nach Belgien“, sagt Etschenberg, für den heute der Kampf gegen Tihange noch lange nicht vorbei ist.

In Lüttich ist Alexander Decker derweil ein wenig irritiert. „Wir wissen nicht so richtig, wohin“, sagt der Kölner, kurz nachdem er um 14 Uhr mit Freunden und Familie am Maas-Boulevard angekommen ist. „Allzu viel ist nicht los, und der Streckenposten hat uns bisher nichts sagen können. Der läuft hier hektisch auf und ab.“ Wo sonst Touristen flanieren, befindet sich Kilometer 30 der Kette. Eine junge Helferin hält an ihrem improvisierten Meilenstein am Ufer die Stellung und weist den eintreffenden Teilnehmern den Weg entlang des Flusses. Dabei wechselt sie im Sekundentakt zwischen Französisch, Deutsch und Niederländisch. „Dabei sollten hier eigentlich vor allem Deutsche stehen“, sagt sie knapp und verweist damit auch auf die Zuteilung der Organisatoren: Köln und Lüttich sind Partnerstädte.

„Wir hätten es schlechter treffen können“, sagt Angelika Hartzheim, die ebenfalls aus Köln angereist ist. „Viele Leute stehen ja an irgendwelchen Landstraßen, wir haben immerhin den Blick auf den Fluß.“ Hartzheim hat mit zwei Freundinnen eine Bus-Tour gebucht, in Lüttich ist auch sie zum ersten Mal. „Wir haben die Anti-AKW-Proteste der frühen 80er und den Unfall von Tschernobyl noch sehr gut in Erinnerung“, sagt sie auf die Frage, was sie in die Partnerstadt führt. „Tschernobyl war damals schon sehr nah, die Auswirkungen haben den Alltag beeinflusst. Von Tihange und Doel geht aber eine gefühlte Bedrohung aus, die viel größer ist als damals.“ Von Lüttich hingegen ist das Trio angetan. „Wir kommen wieder, mit angenehmerem Background“, sagt Angelika Hartzheim.

Die Fußwege des fleißigen Streckenpostens tragen schließlich Früchte. Gegen 14.30 Uhr haben auch Alexander Decker und seine Begleiter ihren Platz in der Kette gefunden, Protestutensilien und gelb-schwarze Bänder zur Kettenverlängerung inklusive. „Die ersetzen jeweils mindestens einen, der nicht gekommen ist“, scherzt Decker. Tatsächlich weist die Menschenkette auch in der feurigen Stadt, wie Lüttich wegen seiner Vergangenheit als Kohle- und Stahlmetropole bis heute genannt wird, einige Lücken auf. Decker blickt auf das gegenüberliegende Maas-Ufer, wo der traditionsreiche Markt „La Batte“ stattfindet. „Vielleicht hätte man dort noch ein paar Leute verpflichten können.“

Rund 50 Kilometer Maas-aufwärts können die Streckenposten hingegen guten Gewissens und ziemlich pünktlich ausrufen: „La chain existe!“ – In Huy, unweit des Kraftwerks, steht die Kette, nicht zuletzt durch PS-starke Unterstützung. Die „T3-Freunde Raum Aachen“ sind mit 19 klassischen VW-Bullies angereist, um ihren Beitrag zum länderübergreifenden Protest zu leisten. „In Absprache mit dem Anti-Atom-Bündnis konnten wir uns sehr nahe am Kraftwerk aufstellen“, erklärt Club-Vize Marc Treude die Tatsache, dass seine Gruppe eine Sonderposition außerhalb der eigentlichen Ordnung einnimmt.

„Um uns herum stehen Menschen aus der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens und aus der Eifel. Der internationale Charakter des Dreiländerecks ist heute auch Widerstand gegen unsichere Reaktoren spürbar“. Ihren persönlichen Höhepunkt des Protesttages haben die Bulli-Enthusiasten bereits vor dem Entstehen der Menschenkette erlebt – mit einer kleinen Ehrenrunde unmittelbar vor dem Kraftwerk, „und zwar falsch herum durch eine Einbahnstraße“ ergänzt Treude mit Augenzwinkern.

Beim Tihange-Betreiber Engie-Electrabel gibt man sich am Sonntag gelassen. Der Leiter hat die Organisatoren der Menschenkette sogar zum Gespräch eingeladen. Die sagten aber ab, schließlich müsse man in der Kette stehen. Engie will das Treffen nachholen. In einem Interview mit unserer Zeitung hatte der Leiter Jena-Philippe Bainier erst in dieser Woche betont, wie sicher Tihange sei. Das wolle man den besorgten Bürgern der Grenzregion beweisen. Auch wenn immer wieder neue Untersuchungen bezüglich der Haarrisse die Menschen verunsichern und an der Sicherheit der Meiler zweifeln lassen.

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