Diplom-Psychologin Kerstin Platt erklärt, wie man richtig diskutiert

Diskussionskultur : Beim Diskutieren Formulierungen mit Bedacht wählen

Mit der Familie über politische Themen diskutieren, ist alles andere als einfach. Doch mit Toleranz lassen sich Meinungsverschiedenheiten leichter ertragen. Die Aachener Diplom-Psychologin Kerstin Platt erklärt, wie das funktioniert.

Wer kennt’s nicht: Wenn man mit seiner Familie über politische Themen diskutiert, fliegen oft die Fetzen. Der eine ist für das Ende des Braunkohletagebaus, der andere dagegen. Der eine für Dieselfahrverbote, der andere dagegen. Von der Flüchtlingsdebatte ganz zu schweigen. Bei dem Gespräch über kontroverse Themen miteinander harmonisch umzugehen, ist eine Herausforderung – die vielleicht nicht immer gelingt. Das kann die Beziehung zueinander belasten.

Doch gibt es auch Möglichkeiten, Diskussionen entspannt anzugehen? „Ja“, sagt ganz klar Diplom-Psychologin Kerstin Platt aus Aachen. Wichtig sei vor allem, sich darüber im Klaren zu sein, aus welcher Motivation heraus man eine Diskussion führen will. „Will ich ein Miteinander oder ein Gegeneinander? Anders gesagt: Will ich mich austauschen? Das heißt: ergebnisoffen. Oder geht es darum, dass ich mein Gegenüber von meinem Standpunkt überzeugen will?“, führt sie an. Das entscheide da-
rüber, ob es überhaupt sinnvoll sei, eine Diskussion zu führen.

Gerade das Thema Flüchtlinge spaltet die Gemüter. Das folgende Szenario beispielsweise dürfte häufiger vorkommen: Die Eltern stehen dem Zuzug von Flüchtlingen kritisch gegenüber. Sie argumentieren mit Plattitüden à la „Ausländer sind kriminell“. Das Kind sieht im Zuzug eher die Chance auf eine kulturell bunte Landschaft. Da-
rüber zu diskutieren, kann ausarten und manchmal die Beziehung belasten. „Das hängt davon ab, wie die Diskussionskultur innerhalb der Familie verstanden und gelebt wird“, erklärt Platt. Manche Familie sähen Diskussionen als Bereicherung. Wichtig sei außerdem, die Sach- und Beziehungsebene klar zu trennen. Auch Fingerspitzengefühl ist gefragt, um das Gegenüber nicht zu kränken. „Wenn mein Gegenüber sich trotzdem gekränkt fühlt, sollte ich deutlich machen, dass ich das nicht wollte und sagen, dass es mir leidtut“, so Platt. Vorbeugen könne man, indem man auf seine Sprachwahl achte. „Ich sollte Formulierungen wählen, die schon beinhalten, dass es auch andere Meinungen geben kann, wie ’ich denke’ und ’meinem Verständnis nach’“, erläutert sie. Das könne zumindest das Risiko senken, dass sich der andere provoziert fühle.

Ein Faktor, der kontroverse Debatten erschwert, sind Vorurteile. Polen klauen, Frauen, die ein Kopftuch tragen, ordnen sich unter oder Marokkaner sind gewalttätig sind nur wenige davon. „Grundsätzlich hat jeder Mensch Vorurteile“, sagt Platt. Auch, weil sie helfen, sich in einer komplexen Welt zu orientieren und handlungsfähig zu bleiben, führt sie an.

Vorurteile müssen auch nicht zwangsläufig negativ konnotiert sein. „Südseeinseln“, führt Platt als Stichwort an. „Assoziationen sind bei vielen Menschen der Strand, die Sonne, exotische Früchte und Urlaubsstimmung. Dinge, mit denen wir etwas Positives verknüpfen.“ Solange man aber noch nicht da gewesen sei, seien auch das lediglich Vorurteile. Voreingenommensein im negativen Sinn sei jedoch nicht beziehungsförderlich, „aber durchaus auch menschlich“.

„Alles, was fremd ist und unbekannt, löst Unsicherheit aus und Angst“, erklärt die Psychologin. Das gehe auf einen Überlebensinstinkt zurück und habe damals auch sicherlich einen Sinn gehabt. „Heute ist natürlich jeder gefordert, seine Vorurteile selbstkritisch zu hinterfragen.“ Artet eine Auseinandersetzung in Streit aus, rät Platt dazu, die Diskussion abzubrechen. Einen Kontaktabbruch von beispielsweise Eltern und Kind hält sie jedoch für zu drastisch.

„Es macht eine gute Beziehung aus, unterschiedliche Positionen haben zu können. Konflikte kann man nicht immer vermeiden. Muss man auch nicht“, sagt sie. Auseinandersetzungen seien schließlich auch hilfreich, um sich selbst weiterzuentwickeln.