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Darmstadt/Hamburg: Virtuelle Weltenbauer: Wenn aus Spielern Entwickler werden

Darmstadt/Hamburg : Virtuelle Weltenbauer: Wenn aus Spielern Entwickler werden

Kaufen, installieren, loslegen - so halten es die meisten mit Computerspielen. Für andere gilt dagegen: kaufen, installieren, spielen, basteln, wieder spielen - dann unter Umständen wieder basteln und so fort.

„Modder” heißen die begeisterten Zocker, für die ein an sich fertiges Spiel noch lange nicht fertig ist. Deshalb bauen sie zum Beispiel neue Gegenstände ein oder lassen komplett neue Levels entstehen - und in seltenen Fällen sogar ganz neue Spiele. Die Hersteller unterstützen das meist.

Der 18-jährige Marc Kohbusch aus Darmstadt baut in seiner Freizeit gern neue Welten. Der Abiturient programmiert an seinem PC neue Inhalte für das Computerspiel „Half-Life”. „Ich bin bei "HLportal.de" als Moderator tätig. Das ist ein Forum im Internet für "Half-Life" und seine Modding-Möglichkeiten”, sagt Kohbusch. Für ihn sei das „Modden” von „Half-Life” die liebste Freizeitbeschäftigung. „Am Tag investiere ich bestimmt zwei bis vier Stunden.”

Kohbusch entwickelt komplett neue Spielinhalte - ganz ohne Ausbildung oder Studium als Game-Designer. Zuerst hat er eine Idee, die er ausformuliert - klassisch auf Papier. „Sagen wir, ich will eine Karte für "Half-Life 2" umsetzen, auf der die Spieler in einer Fabrikhalle gegen Widersacher kämpfen müssen. Dann zeichne ich erstmal alles auf.” Als Basis für die virtuelle Umsetzung dient Kohbusch ein Editor. Das ist ein Programm, das einem Spiel beigelegt wird und den Gamern ermöglicht, eigene Inhalte zu erzeugen.

Doch worin liegt der Reiz, ohne Gehalt und mit viel Zeitaufwand neue Inhalte für Spiele zu entwickeln? „Ich will später mal in der Videospielbranche tätig sein. Da ist es nur nützlich, wenn ich jetzt schon weiß, wie die Werkzeuge der Entwickler funktionieren”, sagt Kohbusch. Außerdem sei es ein aufregendes Gefühl, wenn Spieler auf der ganzen Welt auf von einem selbst veränderten Karten spielen.

„Es ist der Reiz, selbst kreativ zu werden und ein eigenes Computerspiel zu entwickeln”, erklärt Heiko Gogolin, Chefredakteur des in Hamburg erscheinenden Videospielmagazins „GEE”. Die großen Titel werden heutzutage von mehr als 100 Menschen produziert, die Techniken dafür ähneln Geheimwissenschaften. Modifikationen seien deswegen eine der wenigen Möglichkeiten, sich autodidaktisch der Materie Videospiel anzunähern.

Dass der Einstieg in die Branche für Hobbyentwickler möglich ist, beweist die wohl berühmteste Umwandlung eines bekannten Computerspiels: „Counter Strike” ist eine Modifikation des Ego-Shooters „Half-Life” aus dem Jahr 1999. „Eigentlich von einer Gruppe Fans entwickelt, wird "Counter Strike" heute vom "Half Life 2"-Entwickler Valve unterstützt und finanziert”, erklärt Gogolin.

Diese Modifikation verwandelte das Einzelspielerabenteuer in einen taktischen Team-Shooter, der auch in Deutschland das beliebteste E-Sport-Spiel ist. „Counter Strike” erlangte deshalb auch zweifelhaften Ruhm als Sinnbild für die sogenannten Killerspiele.

Die großen Hersteller beobachten das Treiben mit Wohlwollen. Manchmal legen sie ihre Titel auch von vornherein auf Erweiterbarkeit an. Ein besonders populäres Beispiel sind „Die Sims 2”. „Die "Sims"-Welt lebt auch davon, dass die Spieler immer neue Objekte und Skins kreieren, von denen es weltweit inzwischen wahrscheinlich schon Millionen gibt”, sagt Martin Lober von Electronic Arts in Köln.

Wenn Spiele heute erfolgreich sein wollen, gehört es fast zum guten Ton, dass sie modifizierbar sind. „In erster Linie sind die PC-Spiele von EA durch neue Spielinhalte zu erweitern.” Lober meint damit Titel wie das im November 2007 erschienene „SimCity Societies” - ein Spiel, in dem der Benutzer fast alles nach seinen Vorstellungen modifizieren kann.

Dass sich mit Modden sogar Geld verdienen lässt, beweist die 24-jährige Architektur- und Innendesignstudentin Marcela Kozlik. Auf ihrer Webseite „www.reflexsims.de” bietet sie neben vielen kostenlosen Möbeln auch selbstentworfene Einrichtungen, sogenannte Sets, für „Die Sims 2” zum Verkauf an. Für die Studentin aus Düsseldorf zählt nicht nur der Nebenverdienst. „Für mich ist die Arbeit an "Sims 2"-Möbeln wichtig. So kann ich für mein Studium viele Dinge wiederverwenden, die ich zuvor für die "Sims" gemacht habe.”

Im Falle von Marcela Kozlik hat sich daraus auch ein Berufswunsch entwickelt: „Am liebsten würde ich genau das weitermachen: Architektur und Innenarchitektur für Computerspiele und Filme.” Da könne man der Kreativität freien Lauf lassen und müsse sich nicht mit anstrengenden Dingen wie etwa Tragwerkslehre herumschlagen.

Einen kleinen Dämpfer verpasst Martin Lober den Hobbyentwicklern trotzdem: „Es gibt sicherlich einige wenige, sehr ehrgeizige und talentierte Modder, für die sich auch berufliche Perspektiven in diesem Bereich ergeben können, aber der Weg dahin ist sehr schwer.”