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Berlin/Nürnberg: Virtuelle Stammtische mit Sprengkraft: Fußball-Foren im Internet

Berlin/Nürnberg : Virtuelle Stammtische mit Sprengkraft: Fußball-Foren im Internet

Über wenige Dinge können Fans so ausufernd fachsimpeln und hitzig diskutieren wie über Fußball. Durch den Siegeszug des Internet haben die Debatten inzwischen allerdings eine neue Dimension und auch eine veränderte Wirkung bekommen.

In Online-Foren tauschen Fußballbegeisterte Neuigkeiten und ihre Meinungen rund um die „schönste Nebensache der Welt” aus. „Größtenteils ist das natürlich Stammtischgerede”, sagt Philipp Kaiser, Online-Redakteur und Betreuer des Forums von „kicker.de” aus Nürnberg.

Manchmal kann die virtuelle Gerüchteküche jedoch auch eine enorme Sprengkraft entfalten. Ein Beispiel dafür waren in diesem Jahr böse Gerüchte um Miroslav Klose, der damals noch bei Werder Bremen spielte.

Im Forum der Vereinswebseite entwickelte sich in kürzester Zeit aus vagen Vermutungen über eheliche Probleme des Torjägers die monströse Geschichte, Kloses Frau habe nicht nur eine Affäre mit einem seiner Mannschaftskameraden, sondern sei sogar von ihm schwanger.

Werder Bremen löschte die entsprechenden Einträge eilig, doch es war schon zu spät: Das bösartige Gerücht war in der Welt und trug wohl auch nicht dazu bei, Klose das Bleiben in Bremen schmackhaft zu machen.

Die meisten der in den Foren erörterten Themen sind freilich harmloserer Natur. So werden beispielsweise Vorschläge für die Aufstellung im nächsten Spiel gemacht, Fahrten zu Auswärtsspielen organisiert, die Formkurve einzelner Spieler analysiert oder einfach nur die Abneigung gegenüber bestimmten anderen Vereinen bekundet.

Dass der Inhalt oft banal ist, heißt aber nicht, dass sich die User, wie die registrierten Teilnehmer eines Forums genannt werden, nicht trotzdem darüber echauffieren können. Oft gleiten die Diskussionen deshalb schnell in gegenseitige Beleidigungen ab. Im Schatten der Anonymität im Web scheint mancher jede Höflichkeit zu vergessen.

Trotz der Unübersichtlichkeit der Foren-Landschaft lassen sich mehrere Arten unterscheiden. Zum einen gibt es die Foren, die an die offiziellen Homepages der Vereine angeschlossen sind.

Als eines der größten dieser Art hat das Forum von Eintracht Frankfurt mehr als 68.000 registrierte Mitglieder. Eine imposante Meinungsmacht, die ein Verein kaum ignorieren kann - selbst wenn man bedenkt, dass darunter viele „Karteileichen” vermutet werden müssen.

„Gerade bei Vereinen wie Köln oder Frankfurt, wo das Klima labil ist, kann die Meinungsbildung in den Foren durchaus eine Rolle für die Vereinspolitik spielen”, beobachtet Dirk Gieselmann, Online-Redakteur des Fußballmagazins „11 Freunde” in Berlin.

Der Einfluss der Foren auf die öffentliche Meinung sollte andererseits aber auch nicht überschätzt werden, meint Daniel Raecke, Online-Redakteur bei „Sport Bild” in Hamburg: „Da ist die Berichterstattung im Fernsehen oder der Lokalpresse doch noch wichtiger.” Er könne sich jedenfalls nicht vorstellen, dass die Diskussion in Online-Foren zur Entlassung eines Trainers führen könnte, sagt Raecke.

Die zweite Art von Foren ist mit traditionellen Sportmedien wie „Kicker”, „11 Freunde” oder „Sport Bild” verbunden. Der größte Teil der Foren gehört aber zur dritten Klasse: Es sind die zum Beispiel von Fanclubs oder Privatpersonen gegründeten Foren, die sich einem bestimmten Verein oder der Bundesliga allgemein widmen. Beispiele sind www.bundesligaforen.de oder www.verliebt-in-borussia.de.

Eine eigene Untergruppe bilden dabei die Foren der sogenannten Ultras. Unter diesem Begriff haben sich seit den 50er Jahren zuerst in Italien und seit Mitte der 90er Jahre auch in Deutschland besonders treue, aktive und fanatische Anhänger ihrer Vereine zusammengeschlossen.

In den Foren etwa unter www.ultra-stpauli.com oder www.schickeria-muenchen.de werden Aktionen für die nächsten Spiele geplant. Dazu gehört zum Beispiel das Verteilen von bunten Blättern, um die ganze Fankurve in die Vereinsfarben zu tauchen oder gigantische Bilder entstehen zu lassen. Der Stadionbesucher kann auf diesen Seiten außerdem oft die Texte der Fangesänge lernen.

Auf diese Weise prägen die Vorbereitungen in den Foren die Atmosphäre im Stadion mit. Da sich die Ultras zudem selbst als Hüter der Traditionen und Kämpfer gegen die Kommerzialisierung des Fußballs verstehen, bilden sie laut Gieselmann eine ernstzunehmende, weil gut organisierte und aktive Gegenöffentlichkeit.

Eine Sonderstellung in der weiten Forenlandschaft hat sich die Seite www.transfermarkt.de erarbeitet. „Die Seite ist bereits eine Institution in der Fußballbranche”, sagt Gieselmann. Ihr Forum zeichne sich durch eine hohe Informationsdichte und vor allem durch die Mitwirkung von Usern aus, die im deutschen und internationalen Fußball bestens informiert sind.

Besonders die Foren „Gerüchteküche” und „Trainerkarussell” würden inzwischen auch von Sportjournalisten als Informationsquelle genutzt, sagt Raecke: „Auch wenn die Informationen natürlich zu unzuverlässig sind, um sie zu übernehmen, kann man dort zumindest Anstöße für eigene Geschichten bekommen.”

Ein „Thread”, wie die Diskussionsthemen genannt werden, entsteht dabei in der Regel so, dass ein User eine Spekulation, die er in zum Beispiel in einer italienischen Fußballzeitung gelesen hat, mit Quellenangabe ins Forum stellt und zur Diskussion freigibt. Daraufhin werden von einem Programm ein passender Titel und Schlagworte generiert, erklärt Matthias Seidel, Gründer von „Transfermarkt.de”.

Dadurch sollten reißerische „Thread”-Titel wie „Stuttgart holt neuen Superstar” vermieden werden, bei denen sich herausstellt, dass der Verein lediglich einen Jugendspieler beobachten ließ, der in der U17-Nationalmannschaft bereits ein paar gute Spiele gemacht hat.

Doch selbst wenn die meisten Spekulationen keine Grundlage haben, so erfüllen sie laut Raecke und Seidel doch einen Sinn, der für viele Foren-Besucher im Vordergrund steht: Es mache einfach Spaß, über Spielerwechsel zu diskutieren und mögliche Folgen durchzuspielen.