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Berlin/Aachen: Unter Mediensucht leiden immer mehr Menschen in Deutschland

Berlin/Aachen : Unter Mediensucht leiden immer mehr Menschen in Deutschland

Jürgen (Name und Alter von der Redaktion geändert) ist ein Held. Über zwölf Stunden kämpft der 42-Jährige jeden Tag tapfer in der „World of Warcraft” gegen Orks, Elfen und Zauberer. Sein Einsatz in dem beliebten Online-Rollenspiel hat ihn zu einem der besten „Warcraft”-Spieler in Deutschland gemacht.

Offline liegt Jürgens Leben allerdings in Scherben: Seinen Job als Mediziner musste er wegen seines „Warcraft”-Engagements aufgeben, seine Ehefrau hat ihn verlassen. Cola-Dosen und Pizza-Reste türmen sich in seinem verdunkelten Zimmer.

„Ein typischer Fall von Mediensucht, unter der hierzulande immer mehr Menschen leiden”, sagt Theo Wessel, Diplompsychologe und Geschäftsführer des Gesamtverbandes für Suchtkrankenhilfe der Diakonie in Berlin. Denn der Alltag vieler Leute findet praktisch nur noch vor dem Computer statt: Einkaufen, Spielen, Chatten, Flirten, Daten, der Job - fast alles lässt sich heutzutage online erledigen.

Manch einer kommt da vom Bildschirm nicht mehr los. Auch das Handy spielt in puncto Mediensucht eine wichtige Rolle. Einige verfallen geradezu dem Reiz von SMS und Mobiltelefonaten.

Experten wie Wessel können nur schätzen, wie viele Menschen in Deutschland süchtig sind nach Computerspielen, Chat-Räumen oder Cybersex. Konkrete Zahlen liegen nicht vor, denn bei Mediensucht handelt es sich um ein relativ neues, seit etwa zehn Jahren präsentes Phänomen.

Seitdem vermehren sich die virtuellen Freundschaften und sozialen Netzwerke mit rasanter Geschwindigkeit. „Und genauso rasant geht auch die Zahl der Abhängigen nach oben”, sagt Wessel. Allein bei denen, die in ihrer Freizeit häufig Computerspiele zocken, zeigten etwa zehn Prozent Abhängigkeitssymptome, die „behandlungsbedürftig” seien. Und nach einer Studie der Medizinischen Hochschule Hannover aus dem Jahr 2006 gelten laut Wessel drei bis sechs Prozent aller Internetnutzer als onlinesüchtig, noch einmal so viele als stark suchtgefährdet.

Manchmal fängt alles recht harmlos an. Zum Beispiel mit einem sogenannten Mausarm, unter dem auch Büromenschen leiden, die viel vor dem Computer sitzen. „Beim Mausarm kann die Unterarmstreckmuskulatur verkürzt sein, das ruft eine Entzündung des Sehnenansatzes am Ellenbogen hervor„”, sagt Christoph Eichhorn, Orthopäde in Aachen.

Zwei bis drei Patienten mit schmerzendem Mausarm sitzen jeden Tag bei Eichhorn in der Praxis. Hinzu kommen um die 15 bis 20, die wegen der vielen Computerarbeit über Verspannungen und Rückenschmerzen klagen. Wer von ihnen mediensüchtig ist, erfährt Eichhorn in der Regel nicht. „Das Thema ist schambesetzt”, sagt der Orthopäde.

Die Scham ist aber weniger der Grund, warum Mediensüchtige kaum noch die eigenen Wände verlassen. Es ist der Drang und der Kick, im Spiel das nächste Level um jeden Preis erreichen zu wollen, der sie tage- und nächtelang vor den Computer fesselt. Normaler Alltag findet kaum noch statt. „Sozialer Rückzug” nennt Experte Wessel das und es ist wohl der Grund, warum „Warcraft”-Champion Jürgen seinen Job und seine Frau verloren hat.

Viele andere werden schon im Jugendalter internet- oder spieleabhängig und schaffen die Schule nicht. „Online- oder Spielesucht kann einem das ganze Leben zerstören”, betont Wessel. Manche sind so verzweifelt, dass ihnen Selbstmord als einziger Ausweg erscheint.

Stark suchtgefährdet sind unter anderem diejenigen, die ihre Arbeit eng mit dem Privaten verknüpfen, also ihren Job zu Hause am Computer erledigen und zwischendurch oder danach noch ein paar Stunden privat surfen. Zunehmend fällt es ihnen schwerer, sich vom Rechner zu trennen, Müdigkeit wird mit Kaffee, Energy-Drinks oder Aufputschmitteln bekämpft. „Die finden dann einfach den Knopf zum Abschalten nicht mehr”, erläutert Wessel.

Wer solche Symptome an sich bemerkt, sollte sich nicht scheuen, einen Psychologen aufzusuchen. „Bis diese Bereitschaft da ist, kann es lange dauern, denn als Betroffener hat man praktisch kein Problembewusstsein”, betont der Psychologe. Aber Angehörige oder Freunde können den Süchtigen motivieren, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Mit Symptomen wie dem Mausarm ist man beim Orthopäden gut aufgehoben, der zum Beispiel mit Ultraschall oder entzündungshemmenden Salben behandeln kann. Facharzt Eichhorn rät darüber hinaus zu regelmäßigen Dehnübungen, etwa einmal pro Stunde.

Die psychologische Hilfe indes basiert dann in der Regel auf einer Verhaltenstherapie. Der Betroffene lernt, die Beschäftigung mit einem Online-Spiel zu kontrollieren beziehungsweise ganz aus ihm auszusteigen. Und statt virtuellen Bekanntschaften eine reale Freundschaft oder Liebesbeziehung zu pflegen. „Studien haben gezeigt, dass Menschen in einer stabilen Partnerschaft halb so anfällig für Süchte sind wie Singles”, sagt Psychologe Wessel.

Sind Sie handysüchtig?

Unter Handy-Sucht versteht man das starke Verlangen mit gerade nicht anwesenden Personen via Telekommunikation in Kontakt treten zu wollen. Die Sucht hat meist die Isolation zur Folge, da es fast nur um einen telekommunikativen Austausch von Belanglosigkeiten anstatt tatsächlicher Zuwendung geht.

Eines der wesentlichen Merkmale dieser Abhängigkeit besteht darin, dass diese Personengruppe das Mobiltelefon 24 Stunden eingeschaltet lässt. Die Betroffenen haben meist Angst ein Gespräch zu versäumen, was für sie bedeuten würde, von einem sozialem Netzwerk abgeschnitten zu werden.

Sehr oft reichen schon Situationen aus, die nicht mit Arbeit, Kommunikation, Fernseher und anderem Lärm ausgefüllt werden können, um den Griff zum Handy auszulösen. Andere Betroffene greifen zum Handy, weil sie sich von anderen als nicht ausreichend begehrt fühlen.

Im Internetportal suchtmittel.de können sich Interessierte und Betroffene ausführlich über Süchte informieren, darunter auch über die Sucht nach Medien. Zudem gibt es eine Liste mit Hilfsangeboten. Der Gesamtverband für Suchtkrankenhilfe vermittelt Selbsthilfegruppen und kompetente Ansprechpartner beziehungsweise Psychologen.