Münster: Statt Sackgassen: Perspective Daily will Journalismus mit neuem Blick

Münster: Statt Sackgassen: Perspective Daily will Journalismus mit neuem Blick

Die Welt ist besser, als die Nachrichten sie machen - dieser Überzeugung sind Maren Urner und ihr Team. Täglich nur Krisen- und Katastrophenberichterstattung - „das lässt Leser zurück, die sich ohnmächtig fühlen, die gar nicht mehr nach Lösungen suchen”, sagt die 31-Jährige.

Gemeinsam mit Bernhard Eickenberg (31) und Han Langeslag (32), will die promovierte Neurowissenschaftlerin daher selbst zur Medienmacherin werden. Das Team hat das Projekt Perspective Daily gegründet. Es soll ein Online-Magazin mit anderem, ausdrücklich konstruktivem Blickwinkel werden.

Damit aus dem Start-up Wirklichkeit werden kann, brauchen sie noch Tausende zahlende Nutzer. Deutschlandweit trommeln sie deshalb um Unterstützung, haben auch Prominente an Bord wie die Schauspielerin Nora Tschirner. Per Crowdfunding wollen sie genug Geld zusammentragen, um ihre Arbeit mit rund einer halben Million Euro zu finanzieren. Eine Redaktion mit sechs Mitarbeitern und Gastautoren ist das Ziel. Erklären sich 12.000 Leser bereit, den Jahresbeitrag von 42 Euro zu bezahlen, setzen sie ihre Idee um. Nur wer zahlt, darf lesen, kommentieren, die Themen mitbestimmen. Mehr als 5000 Unterstützer sind bereits zusammengekommen. „Das wird klappen!”, ist Eickenberg sicher. Bis Sonntag (21.2.) ist noch Zeit.

Die letzten Meter seien oft die entscheidenden bei Crowdfunding-Projekten, sagt Anna Theil, Pressesprecherin der Internetplattform „Startnext”. Dort sammeln Gründer und Initiativen mit dem virtuellem Klingelbeutel kleinere und größere Investitionen ein. Journalismus mache zwar nur einen Teil der mehr als 3000 bereits finanzierten Projekte aus. Der Zweig wachse aber aktuell, berichtet Theil: Rund 150 Medienprojekte seien inzwischen erfolgreich finanziert. Ideengeber waren häufig kleinere Magazine, aber auch die „Süddeutsche Zeitung” sammelte für ein Sondermagazin mehr als 30.000 Euro ein.

Dass es großen Bedarf an neuen journalistischen Formen gibt, ist sich das Perspective-Daily-Team sicher. „Wie viele Menschen gehen denn davon aus, dass es heute nur halb so viele Tote durch Naturkatastrophen gibt wie noch in den 1970ern?”, fragt Maren Urner. Dass sich die Zahl tatsächlich halbiert hat, geben in europaweiten Befragungen die allerwenigsten als Antwort - zu oft ist von Erdbeben- oder Flutopfern zu lesen. Diese Verzerrung halten Unger und ihre Mitstreiter für problematisch: „Wer auf Seite 1 pausenlos von ausweglosen Krisen liest, denkt, er könne nichts ändern. In der Psychologie heißt das erlernte Hilflosigkeit”, erklärt Urner.

Mit „konstruktivem Journalismus” wollen sie ihre Leser daraus befreien. Gemeint sei keine Wohlfühl-Berichterstattung, die Negatives ausblendet. Sie verschreiben sich vielmehr einem Ansatz, der Lösungen aufzeige, nicht in der schnellen verkürzten Negativ-Schlagzeile hängen bleibe, sondern tief- und hintergründig Probleme als Herausforderungen schildert.

Mit dem Schlagwort des konstruktiven Journalismus greift Perspective Daily ein in Skandinavien bereits stärker verbreitetes Konzept auf. „Der konstruktive Journalist stellt Fragen, wo andere schon aufgehört haben, zu berichten”, erklärt Prof. Tobias Hochscherf, Medienwissenschaftler der Fachhochschule Kiel, das Ideal. Wo haben Menschen sich in der Katastrophe geholfen? Welche Ansätze gibt es anderswo, um einem bestimmen Problem zu begegnen? „Das ist natürlich an sich nicht neu, sondern war immer schon Teil von Journalismus. Was aber neu ist, ist die intensive Auseinandersetzung mit dem Konzept und die Fokussierung auf das Konstruktive.”

Hochscherf sieht auch die Suche nach neuen Rollenbildern für Journalisten unter dem Druck Sozialer Medien: „Konstruktiver Journalismus ist einer von vielen Ansätzen, in der Informationsflut des Internets überparteiliche Orientierung zu bieten.” Allerdings sei bei vielen Projekten unter der Flagge des konstruktiven Journalismus die Schwelle zum politischen Missionieren gefährlich niedrig: „Es muss der alte Grundsatz gelten: Journalisten müssen kritische Fremdbeobachter bleiben und dürfen sich mit keiner Sache gemein machen.”

Auch nicht mit den Themen für eine bessere Welt, wie sie bei Perspective Daily auf der Agenda stehen sollen: Umweltschutz, wissenschaftliche Innovationen, Zusammenleben fremder Kulturen, Chancen einer menschlicheren Wirtschaftsweise. „Auch Visionen und Macher gehören mal auf Seite 1”, findet Urner.

(dpa)
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