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Gießen/Berlin: Guck mal, wer da spricht: Tipps für Web- und Videotelefonie

Gießen/Berlin : Guck mal, wer da spricht: Tipps für Web- und Videotelefonie

Das Fräulein vom Amt wäre wohl ohnmächtig vom Drehhocker gekippt, wenn sie gesehen hätte, wie Menschen heute mit Headsets telefonieren und dabei auch noch ein Video von sich per Webcam um den Globus schicken.

Inzwischen ist es ein vertrautes Bild, wenn Gesprächsteilnehmer sich ganz ohne ihre Vermittlungsdienste mit Messenger-Programmen über das Internet verständigen. Gäbe es das Amtsfräulein heute noch, könnte sie zwar keine eindeutige Empfehlung für eine passende Webcam abgeben. Zumindest hätte sie aber ein paar Tipps für ein gutes Sprechzeug - so hießen Headsets früher.

Unterschieden werden zunächst Überkopf- und Ohrbügelgarnituren. Zudem gibt es sogenannte monaurale und binaurale Modelle: Während bei Ersteren der Ton nur auf einem Ohr erklingt, sind Letztere für beide Ohren ausgelegt. „Bei uns im Labor sind die monauralen Systeme besser als die binauralen angekommen”, sagt Prof. Dieter Lorenz von der Fachhochschule Gießen-Friedberg.

Der Arbeitswissenschaftler hat mit Probanden Headsets untersucht. Dabei seien Geräte mit Ohrbügeln und -stöpseln im Tragekomfort und akustisch im Schnitt nicht so gut bewertet worden wie Überkopfbügel mit gepolsterten Ohrmuscheln. Für Brillenträger seien Bügelmodelle meist wenig geeignet. Headsets mit Ohrstöpseln hätten zudem oft eine niedrigere Sprachverständlichkeit, weil sie etwas schlechter sitzen.

Die Sprachverständlichkeit hängt auch vom übertragenen Frequenzspektrum und dem Frequenzgang des Headsets ab. Teure Profi-Headsets mit einem Preis ab 100 Euro bieten etwa eine gezielte Anhebung der Frequenzen zwischen 300 und 8500 Hertz, um die menschliche Sprechstimme besser aus Nebengeräuschen herauszufiltern. Während Ohrpolster aus Schaumstoff den Schall am Ohr eher dämpfen, reflektieren und verstärken ihn Polster aus Leder oder Kunstleder.

Warum monaurale Headsets eine bessere Sprachverständlichkeit bieten als binaurale Varianten, ist nicht eindeutig geklärt. Obwohl Studien belegen, dass es grundsätzlich keine Unterschiede in der Hörfähigkeit beider Ohren gibt, hat jeder Mensch ein „Telefonhörer-Ohr”, an dem er in der eigenen Wahrnehmung besser versteht. Es könnte aber auch sein, dass bei monauralen Headsets die Konzentration höher ist oder der akustische Bezug zur Umwelt die Sinne schärft.

Binaurale Headsets empfiehlt Lorenz nur zum Telefonieren bei hohen Störpegeln in der Umgebung - etwa in Call-Centern. „Dann ist aber ein Sprachtraining empfehlenswert, damit man nicht herumbrüllt”, sagt Lorenz. Denn der Mensch steuert die Lautstärke seiner Stimme durch das Feedback, dass er von den Ohren bekommt. Und je abgeschirmter das Ohr, desto leiser nimmt der Mensch die eigene Stimme wahr.

Beim Kauf sollte darauf geachtet werden, dass der Kopfbügel leicht verstellbar ist, rät Lorenz. Idealerweise lassen sich auch die Ohrmuscheln an den Kopf anpassen. Das Mikrofon muss schwenkbar und sollte auch in der Länge verstellbar sein. Die Ohrpolster sollten nicht zu großzügig ausfallen, damit noch genug Luft am Ohr zirkulieren kann. Weil auch nach Stunden nichts drücken darf, ist nach Möglichkeit ein Tragetest empfehlenswert.

Wer sein Gegenüber beim Sprechen auch sehen will, braucht zur Videotelefonie eine Webcam. Standard ist nach wie vor eine VGA-Auflösung mit 640 mal 480 Pixeln - was 0,3 Megapixeln entspricht - sowie einer Bildrate von 30 Frames pro Sekunde. „Möchte ich Videotelefonie machen, reicht das völlig”, sagt Mark Palkow von der Gesellschaft für digitale audiovisuelle Kommunikation (daViKo) in Berlin, die Videokonferenz-Software entwickelt.

„Keine Software überträgt mehr, die Daten müssen ja auch noch über das Internet”, erläutert Palkow. Weil DSL-Anschlüsse oft nur 128 Kilobit pro Sekunde als Bandbreite beim Hochladen bieten, senden viele Messenger-Programme nicht einmal Videobilder in VGA-Auflösung. So werden zwar Kameras mit einer Auflösung von 2 Megapixeln oder mehr beworben. „Das ist aber nur für Schnappschüsse sinnvoll”, sagt Palkow. Bewegtbilder in dieser Größe werden nicht übertragen.

„Software, die Videoströme live über das Web übertragen will, muss stets einen Kompromiss finden zwischen Auflösung, der Anzahl der Videobilder pro Sekunde, dem Speicherbedarf des Video-Codec pro Frame und der benötigten Rechenleistung, um die Einzelbilder in Echtzeit zu kodieren”, erklärt die in Stuttgart erscheinende Zeitschrift „c´t”. Einige Messenger erlauben es, die Balance zwischen Bildqualität und Bildwiederholrate selbst einzustellen.

Je nach Modell und Preisklasse unterscheiden sich Webcams stark in ihrer optischen Qualität. Beinahe eine Garantie für gute Bilder sind verbaute CCD-Chips im Gegensatz zu den günstigeren CMOS-Bildsensoren, sagt Mark Palkow. „Wir empfehlen Webcams ab 50 Euro aufwärts.” Wer eine Digitalkamera oder einen Camcorder besitzt, kann auch prüfen, ob das Gerät einen Webcam-Modus bietet.

Vor dem Kauf sollte der Einsatzzweck der Mini-Kamera klar sein. „Manche Webcams eignen sich nur zum Anhängen an ein Notebook-Display”, warnt Palkow. Andere sind flexibler und lassen sich sowohl auf dem Tisch platzieren als auch an dickeren TFT-Monitoren befestigen. Ein praktisches Extra ist ein Standard-Gewinde in der Kamera, mit dem sie sich auf ein Stativ schrauben lässt.