Digitalkolumne: Gemeinschaftserlebnis Hörspiel

Digitalkolumne : Gemeinschaftserlebnis Hörspiel

Manchmal geht die Erinnerung seltsame Wege. Die Jugendhörspielserie „Die drei Fragezeichen“ feierte am 19. Juli ihre 200. Folge und ich musste spontan an einen Werbespot aus meiner Kindheit denken.

Ich war ungefähr zehn Jahre alt. Über die Fernsehbildschirme flimmerte die Reklame für ein Auto, in dem Monitore in Kopfstützen eingebaut waren. Mein kindliches Selbst war von der Technologie begeistert: Einen Film sehen auf der Fahrt in den Sommerurlaub! Eine Offenbarung. Zwar habe ich lieber gelesen als ferngesehen, aber im Auto wurde mir beim Lesen übel. Als ich das nächste Mal im Auto meiner Eltern saß, imaginierte ich mir einen Monitor in die Kopfstütze des blauen Golf-III-Kombi.

Damals mussten wir alle dasselbe Hörspiel hören. Entweder stimmte die Familie im Wechsel ab oder entschied zugunsten des Jüngsten. 

Heute wären solche Monitore nur selten eine Bereicherung für’s Auto. Smartphone, Tablets und tragbare Spielekonsolen haben sie überflüssig gemacht. Mit den richtigen Kopfhörern kann jeder hören was er oder sie möchte.

Als ich von der 200. Folge der „drei Fragezeichen“ las, erwachte in mir allerdings ein nostalgisches Gefühl. Mir wurde klar, dass das gemeinsame Hören kein Zwang, sondern ein Gemeinschaftserlebnis war. Denn was passierte, wenn meine Eltern die Kassette in’s Autoradio schoben und kurz darauf „Ja, das sind Bibi und Tina“ oder „TKKG, die Profis in Spe“ erklang? Wir alle erlebten die Abenteuer. Egal, ob Benjamin Blümchen Bademeister wurde oder Justus, Peter und Bob (die Detektive aus „Die drei Fragezeichen“) den Stimmen aus dem Nichts nachjagten, die ganze Familie fieberte und rätselte mit, beim Abendbrot diskutierten wir über das Gehörte. Wenn heute jeder für sich die Geschichten erlebt, dann fällt das wunderschöne Gemeinschaftserlebnis weg. Selbst ich, als große Freundin moderner Technologien, finde das traurig. Die 200. Folge der „drei Fragezeichen“ habe ich dann auch gehört. Aber nicht auf Kassette, sondern modern via Streaming-Dienst.

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