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Digitales Leben: Fotos müssen zum Anfassen sein

Digitales Leben : Fotos müssen zum Anfassen sein

Die Augen schielen unter dem halbgeöffneten Lid in die Linse, diese eine nervige Haarsträhne fällt auch dieses Mal falsch ins Gesicht und irgendwie wirkt das Lächeln schief.

Aber alle anderen Freunde sehen natürlich gut aus auf dem Foto, das sofort nach dem Auslösen auf dem Handydisplay aufleuchtet und um das sich alle Köpfe scharen. Schließlich muss beurteilt werden, ob ein neuer Versuch nötig ist oder ob es tauglich ist.

Wofür eigentlich? Lebensaufgabe eines Fotos ist es, für Erinnerungen zu sorgen. Gute Fotos, perfekte Fotos, haben eine höhere Chance, ihr Soll zu erfüllen. Vielleicht auf dem Social-Media-Kanal, im Gruppenchat der Familie oder sogar ausgedruckt im Rahmen an der Wohnzimmerwand. Die Folge: Überall sind nur die guten Fotos, die mit den perfekten Haaren, dem besten Lächeln und besonders strahlenden Augen.

Die weniger guten Fotos, sollten sie nicht sofort gelöscht worden sein, nehmen Speicherplatz weg, kommen vielleicht in den Backup-Ordner auf der Festplatte, der „sortieren“ heißt.

Dabei sind doch die „Fotos zweiter Wahl“ die wahren Gewinner. Meine Fotoalben aus der Kindheit sind voll mit unscharfen Bildern, auf denen ich und meine Freunde bei Kindergeburtstagen mit voller Konzentration Topfschlagen spielen und uns nicht um die Kamera scheren. Bilder, auf denen ich – sollten sie mal nicht zu sein - mit roten Augen glücklich neben Opa auf dem Sofa sitze. Fotos, die einen Schatten vom Finger haben, der zu nah am Blitz oder der Linse war. Fotografieren war wie ein Überraschungsei. Man weiß nicht, was dabei herauskommt. Die Fotos sind wertvoll – weil sie einzigartig sind, weil sie oft ein Stück weit ehrlicher sind.

Eine super Möglichkeit, Erinnerungen einzuholen, die sofort da sind. Die Bilder sind teuer, aber vor allem wertvoll. Man macht sich Gedanken um das Foto, das so schnell nicht zu wiederholen ist. Es macht Spaß, gemeinsam zu beobachten, wie die Silhouetten langsam auf der weißen Fläche hervorkommen. Es ist toll, weil die Bilder auch schlecht werden. Sie sind schief, falsch ausgeleuchtet und oft sehen die Gesichter unvorteilhaft aus. Die Fotos sind sofort da und erfüllen ihre Lebensaufgabe, schaffen Erinnerung und können gleich aufgehängt werden.

Die günstigere, aber zeitintensivere Alternative ist es, endlich den Sortieren-Ordner auf der Festplatte zu öffnen, Bilder zu löschen, auszusuchen, entwickeln zu lassen, in eine Reihenfolge zu bringen und in ein Album zu kleben. Damit es nicht nur bei Fotobüchern aus der Kindheit bleibt. Denn wenn man ehrlich ist: Es sitzt sich besser um ein Fotoalbum, als vor einem Computerbildschirm.