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Berlin: Eine Datenschutz-APO? Der Wandel des Chaos Computer Club

Berlin : Eine Datenschutz-APO? Der Wandel des Chaos Computer Club

Sie gründeten sich an dem Tisch, der früher in der Kommune I in Berlin stand. Vier Jahrzehnte nach 1968 versteht sich der Chaos Computer Club (CCC) als eine Art neue außerparlamentarische Opposition. Machte die Computer-Experten früher Schlagzeilen, indem sie sich zum Beispiel ins streng geheime System der NASA einhackten, hat man sich heute besseren Datenschutz auf die Fahnen geschrieben.

So sorgte der Club für Aufsehen, als er auf recht simple Art den Fingerabdruck von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) kopierte.

Wenn er über den Fingerabdruck des Ministers redet, muss Frank Rieger grinsen. „Das war ganz leicht”, sagt der Sprecher des CCC. Zunächst schnappten sich die IT-Experten bei einer Veranstaltung ein Wasserglas, das Schäuble benutzt hatte. Die Dämpfe von ein bisschen Sekundenkleber machten den Fingerabdruck sichtbar. Der Abdruck wurde fotografiert, auf Folie ausgedruckt und mit Holzleim bestrichen. Die hauchdünne Leimschicht wurde abgezogen und fertig war das Imitat. Das Foto vom gefälschten Fingerabdruck samt „Nachmach-Anleitung” fand tausendfach Verbreitung.

Der Sinn der Aktion? „Dem Datenschutz in Deutschland müssen Zähne verliehen werden”, sagt Rieger, ein Mann mit schwarzen Stoppelhaaren und randloser Brille. Mit der Methode des CCC könnten Tausende fremde Fingerabdrücke hinterlassen - und zum Beispiel auch umsonst auf Einkaufstour gehen: In einigen Geschäften gibt es bereits ein System, wo der Kunde seinen Fingerabdruck registrieren lässt und damit an der Kasse zahlt. Das Geld wird dann automatisch abgebucht.

„Das Ganze ist ein Riesenthema”, sagt Rieger, der im Hauptberuf Technischer Geschäftsführer einer Firma für Kommunikationssicherheit ist. Neben Datenschutz gehe es dem CCC um „mehr Freiheitsrechte im digitalen Zeitalter”. Von 1800 stieg die Zahl der Club-Mitglieder auf 2300. Über die „ollen Kamellen”, als Hacker Daten von westlichen Computern in den Osten verkauften, will der -Jährige nicht reden. Prozesse waren die Folge, der CCC geriet in die Kritik.

Bei Fachleuten wie Thilo Weichert genießt der Club heute einen guten Ruf. „Der Fingerabdruck Schäubles steht für die Grundidee des Datenschutzes - die Überwacher gesellschaftlich zu überwachen”, sagt der Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein. So könne „die Lächerlichkeit vieler biometrischer Sicherheitsbestrebungen” gezeigt werden. Der CCC sei Vorreiter in dem Bereich.

Das Wissen des 1981 gegründeten Clubs ist gefragt. „Gerade junge Bundestagsabgeordnete wollen unseren Rat”, sagt Rieger. So hilft der Verein beim Erstellen des neuen Datenschutzrechts und wird in Ausschüsse eingeladen. Man fordert, „Datenverbrechen” härter zu ahnden. Wenn bei einer Firma Hunderte Datensätze verloren gingen, solle das nicht mehr wie bisher mit einer Rüge abgehakt werden.

Dagegen leben viele ältere Politiker nach Meinung der Computer- Profis noch im „Fax-Zeitalter”. Einwände würden vom Tisch gewischt, bis sie eines Besseren belehrt würden. In Hamburg sorgten Sicherheitslücken beim elektronischen Wahlstift dafür, dass schließlich doch nur mit Stift und Wahlzettel gewählt werden durfte. Die Sicherheitsmängel hatte unter anderem der CCC offengelegt. In Hessen wiesen sie Probleme beim Einsatz von Wahlcomputern nach.

Unter vorgeschobenen Gründen würde der Datenschutz ausgehöhlt, kritisiert Rieger. Die Online-Durchsuchung mit dem Aufspielen der „Bundestrojaner” sei damit begründet worden, dass so die Internettelefonie mit Skype abgehört werden könnte. „Skype sitzt in Luxemburg. EU-Rechtshilfeabkommen machen es möglich, dort die Informationen zu bekommen, um Gespräche abhören zu können.”

Dies sei aber dem Bundeskriminalamt zu aufwendig. Auf den Festplatten der Bürger befänden sich heute aber „intimste Daten”, so Rieger. Nötig sei mehr Sensibilität. „Was wir brauchen, ist eine digitale Bürgerrechtsbewegung.”