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Dortmund/Bonn/Stuttgart: Ein Netz für alle Nutzer: Der lange Weg zum barrierefreien Internet

Dortmund/Bonn/Stuttgart : Ein Netz für alle Nutzer: Der lange Weg zum barrierefreien Internet

Das Internet ist grenzenlos, so heißt es zumindest. Für viele Nutzer ist das World Wide Web aber noch immer voller Hürden.

Trotz erster vorsichtiger Ansätze für eine barrierefreie Online-Kommunikation haben Menschen mit Behinderungen auch in Deutschland noch mit vielfältigen Einschränkungen zu kämpfen.

Es sind Kleinigkeiten, über die sich Webdesigner, Programmierer und nicht betroffene Anwender nur selten Gedanken machen. Dabei gibt es inzwischen Lösungen, die zum Beispiel dafür sorgen, dass Blinde im Netz surfen können: „Screenreader” lesen die Inhalte von Webseiten vor oder drucken sie als Papierstreifen mit Blindenschrift aus. Die dafür nötige, heute bei Webseiten meist übliche Trennung von Layout und Inhalt war ein wichtiger Schritt. Er ist für die Fachleute aber bestenfalls der Anfang der Entwicklung.

Zwar hat der Gesetzgeber hierzulande schon vor Jahren eine Reihe von Vorschriften erlassen, die Experten durchaus als vorbildlich und hilfreich bewerten. Das Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes (BGG) und die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BITV) verpflichten Behörden, ihre Internetauftritte zugänglich zu machen. Und sie liefern Verbänden, Unternehmen und Webentwicklern Ansätze für Debatten über eine einschränkungsfreie Standardisierung.

Gerade im kommerziellen Bereich aber gebe es bei dem Thema nach wie vor großen Aufklärungs- und Nachholbedarf, sagt Birgit Scheer vom Aktionsbündnis barrierefreie Informationstechnik (ABI). Darin haben sich mehr als 50 Initiativen und Institutionen zusammengetan, etwa der Sozialverband VdK und die Technische Universität Dortmund.

Ähnlich sieht das Christian Schmitz von der Aktion Mensch, die den Abbau von Barrieren mit dem „BIENE”-Preis, fördert. Die „innovativen” Gesetzesvorgaben und darauf aufbauenden Initiativen hätten viel bewegt. Aber es bleibe noch viel zu tun auf dem Weg zum barrierefreien Web. „Es wird noch ein paar Jahre dauern.”

Was technisch einfach zu machen ist, habe man gemacht, sagt Klaus Seeberger vom Webentwickler Vitango in Stuttgart und zieht kritische Zwischenbilanz. Für Komplizierteres fehle es trotz BITV und anderer Bemühungen zur Etablierung entsprechender Standards oft an Interesse und Sensibilität. Viele Webdesigner seien 19, 20 Jahre alt und hätten nur wenig Bezug zum Thema. „Das Problem ist, dass die Entscheider oft gar nicht wissen, auf was sie achten müssen.”

Schon das barrierefreie Aufbereiten einer Standard-Seite, bei der Layout und Inhalt getrennt sind, ist nicht so einfach. Probleme gibt es etwa, wenn vergessen wird, Grafik- und Navigationselementen aussagekräftige Titel oder Beschreibungen zu geben, die Screenreader erfassen können. Ohne diese Angaben unterscheiden die Programme nur „Link 2”, „Link 3” oder „Grafik X” - und was sich dahinter verbirgt, erfahren die Nutzer nicht.

Dieselben Einschränkungen gelten bis heute häufig auch beim Thema Interaktivität. Wer Formulare via Web abschicken, Kontakte in Sozial-Netzwerken knüpfen oder E-Mails an Firmen schicken will, muss aus Sicherheitsgründen oft zufällig erzeugte Buchstabenkombinationen eintippen. Diese „Captchas”, die den Missbrauch durch automatische Bot-Programme vermeiden sollen, können Screenreader aber oft nicht lesen, erklärt Scheer.

Hinzu kommt: Wirklich zugänglich ist eine Webseite auch bei einer gut durchdachten Trennung von Layout und Inhalt noch lange nicht. Barrierefreiheit erschöpfe sich nicht darin, eine abgespeckte Sonderlösung anzubieten, beschreibt Schmitz das Ziel der „Aktion Mensch” und anderer Initiativen. Es gehe darum, Online-Angebote mit all ihren Potenzialen so zu gestalten, dass alle sie nutzen können. „Wir wollen ja gerade keine Extrawurst für Menschen mit Behinderung.”

Ein derart durchdachter integrativer Ansatz aber erfordert eine sehr viel weitergehende Durchleuchtung bestehender Internetangebote, um sie den Bedürfnissen verschiedenster Nutzerkreise anzupassen. So geht es etwa darum, Webseiten von Anfang an so zu gestalten, dass Menschen mit geistigen Einschränkungen und Lernbehinderungen sie verstehen und bedienen können.

Um diesen Nutzern das Surfen im Netz zu ermöglichen, sind einfache und selbsterklärende Seiten- und Navigationskonzepte sowie verständliche Texte nötig. Das gilt teils auch für von Geburt an gehörlose Menschen, die Sprache anders lernen und teilweise Probleme mit sehr komplexen Formulierungen haben.

Ein weiterer Punkt, an dem eine barrierefreie Standardisierung aus Expertensicht wünschenswert wäre, ist das Layout. Programmierer und Webdesigner stehen vor der Aufgabe, Angebote so zu gestalten, dass sie etwa für Farbenblinde oder die wachsende Gruppe älterer Menschen, die ebenfalls oft schlecht sehen, gut zu benutzen sind. Das bedeutet auch, kreative Ideen umzusetzen, ohne zugleich allzu verspielte und kleinteilige Optiken zu nutzen.

Auch sollte die Navigation ohne Maus funktionieren. Menschen mit motorischen Einschränkungen nutzen oft die Tastatur oder spezielle Geräte, die feine Mausbewegungen nicht immer nachahmen können. Gerade in solchen Ansätzen zeige sich auch das wirklich innovative Potenzial der Bemühungen um mehr Barrierefreiheit, betonen die Experten.

Denn klares Design und vereinfachte Navigation setzten Standards, die nicht nur für Behinderte interessant sind. Sie seien entscheidend für die Entwicklung von Webangeboten für Geräte wie Handys - und könnten versierten Anbietern Wettbewerbsvorteile sichern.