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Twitter im Iran: Ein Aufstand in Echtzeit

Twitter im Iran : Ein Aufstand in Echtzeit

Während auf den Straßen und Plätzen im Iran aufgebrachte Bürger gegen die angeblich gefälschte Präsidentenwahl vom Wochenende demonstrieren, werden gleichzeitig im Internet die Strippen gezogen. Die Widerstandsbewegung nutzt alle Möglichkeiten moderner Webseiten, um sich zu organisieren. Im Mittelpunkt steht dabei ein Web-Angebot, das hierzulande noch vor einem halben Jahr nahezu unbekannt war: Twitter.

"Unsere Leben sind nun in echter Gefahr - wir sind die Augen - sie müssen uns stoppen". Meldungen wie diese des Twitterers "Persiankiwi" geben die Dramatik der Ereignisse ungefiltert wieder. Per Handy-SMS füttern die Iraner ihre Twitter-Profilseiten, informieren sich gegenseitig im Sekundentakt, dabei oft selbst mitten im Strudel des Geschehens.

Und die Welt schaut fasziniert zu. Gebannt verfolgen Beobachter den Nachrichtenstrom in Echtzeit. Echte Beobachtungen und wilde Gerüchte überschlagen und vermischen sich. "Unbestätigt: Militär hat sich geweigert, auf Demonstranten zu schießen", schreibt Persiankiwi.

Dass Online-Netzwerke sich hervorragend eignen, um Massenbewegungen zu leiten und zu kanalisieren, hatte zuletzt Barack Obama im Präsidentschaftswahlkampf eindrucksvoll bewiesen. Auch er hatte ein Profil bei dem Mikrobloggingdienst Twitter, auf dem er ständig in den typischen, höchstens 140 Zeichen langen Textmitteilungen über seinen Tagesablauf, Gedanken und Erlebnisse berichtete. Obama gewann die Wahl auch mit Twitter-Hilfe - gelingt dem iranischen Oppositionsführer Mussawi am Ende dasselbe? Als "Mousavi1388" - nach iranischer Zeitrechnung ist derzeit das Jahr 1388 - hält er seine Anhänger auf dem Laufenden.

Zwar versuchte die iranische Führung schon im Vorfeld der Präsidentschaftswahl, sämtliche regimekritischen Internetseiten zu blockieren. So war das weltgrößte soziale Netzwerk Facebook, in dem sich viele Mussawi-Anhänger organisiert hatten, im Iran schon drei Wochen vor dem Wahltag nicht mehr aufzurufen.

Doch im Fall von Twitter ist die Zensur nicht so einfach: Die Nachrichtenströme der Nutzer lassen sich durch Schnittstellen auf allen möglichen Webseiten einbinden. Twitter-Feeds können also praktisch überall im Internet auftauchen.

Zudem erleben die Iraner derzeit große internationale Solidarität der internationalen Netzgemeinde. Viele Internetnutzer in westlichen Ländern richten sogenannte Proxys ein, über die Iraner surfen können, wenn ihre Server wieder einmal blockiert werden.

Auch weltweit gesehen ist das Geschehen im Iran auf dem ansonsten eher spaß- und freizeitorientierten Dienst Twitter seit Tagen das beherrschende Thema. Viele Nutzer haben ihre persönlichen Profilfotos in Anspielung auf die Farbe der Oppositionsbewegung grün eingefärbt oder gleich ganz durch Grafiken mit Botschaften wie "Wo sind ihre Stimmen?" ersetzt. Das meistverwendete Schlagwort auf Twitter ist schon seit Tagen "#iranelection" (Iranwahl). Mit diesen sogenannten "Hashtags", durch das #-Zeichen gekennzeichnete Sammelbegriffe, rücken die Twitterer ihre Meldungen in einen bestimmten inhaltlichen Zusammenhang.

Die Ereignisse im Iran waren auch der Grund, dass Twitter eine wichtige Wartungsarbeit zum Wochenbeginn verschieben musste. Eigentlich hätte das Angebot am Dienstag tagsüber für einige Zeit abgeschaltet werden sollen. Auf Druck unzähliger Twitter-Nutzer in aller Welt - sogar das US-Außenministerium schaltete sich zwischenzeitlich ein - verlegte das Management des Mikrobloggingdienstes die technische Auszeit in die Nacht.