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Freiburg: Die Zukunft des Lexikons liegt vielleicht nicht nur im Internet

Freiburg : Die Zukunft des Lexikons liegt vielleicht nicht nur im Internet

Hat ein regalfüllendes Lexikon noch eine Zukunft? Wer schlägt schon in 30-bändigen Enzyklopädien nach, wenn Informationen im Überfluss im Internet nur wenige Klicks entfernt und bei Wikipedia kostenlos abrufbar sind?

Der Brockhaus-Verlag - lange der Inbegriff des von A-Z sortierten Weltwissens in Buchform - hat vor wenigen Tagen seine Antwort auf diese Fragen der Digitalisierung gegeben: Eine Neuauflage des großen Brockhaus wird es in gedruckter Form nicht mehr geben - stattdessen wandert das Nachschlagewerk ins Internet. „Der Tod des Lexikons”, titelten prompt viele Zeitungen.

Doch vielleicht wird sich diese Prophezeiung als verfrüht erweisen. Denn zum einen verweist Brockhaus-Sprecher Klaus Holoch in Mannheim darauf, dass sein Verlag weiterhin auch auf das Buch setzt, etwa beim zehnbändigen „kleinen” Lexikon oder bei einbändigen Themenlexika. Zum anderen stemmen sich große Fachlexika wie das theologische Standardwerk „Lexikon für Theologie und Kirche” (LThK) gegen die derzeitige Digitalisierungswelle.

„Wir sehen die Entwicklung, Lexika ins Netz zu stellen, auch nach der Brockhaus-Entscheidung gelassen und werden weiterhin nur in gedruckter Form erscheinen”, berichtet Melanie Geppert, Sprecherin des Freiburger Verlags Herder, der das LThK herausgibt.

Doch selbst für Fachlexika wird der Buchmarkt zunehmend enger. „Für mich war der Brockhaus immer der Fels in der Brandung. Weil die nun ins Internet gehen, kommen wir und die gesamte Branche immer weiter ins Grübeln”, sagt etwa Albrecht Döhnert, der beim Wissenschaftsverlag DeGruyter in Berlin das zweite große theologische Standardlexikon „Theologische Realenzyklopädie” (TRE) betreut.

Und er verrät, dass sein Verlag künftig zweigleisig fahren wird: Zwar hält DeGruyter auch beim neuen Lexikon-Mammutprojekt der „Enzyclopedia of the Bible and its Reception” an den gedruckten Bänden fest. Parallel aber werden alle Artikel online erscheinen. Und auch die TRE, bislang nur in 36 Bänden zu haben, soll nach und nach ins Netz übertragen werden. Im Gegensatz zum Brockhaus müssen die Internet-Nutzer dann aber kräftig in die Tasche greifen: 327 Euro soll ein Jahresabo kosten.

„Natürlich haben auch wir Anfragen, ob wir unsere Bände nicht ins Internet stellen können”, betont Herder-Sprecherin Geppert. Doch im Moment komme das für den Freiburger Verlag nicht in Betracht. Zu hohe Kosten, zu großer Aufwand, unklare Erträge.

Und die hohen Verkaufszahlen scheinen das Konzept zu bestätigen. Denn während bei Brockhaus das gesteckte Ziel von 20.000 verkauften Exemplaren bei weitem verfehlt wurde, ging bei Herder die 2006 erschienene Sonder-Edition des LThK zum Preis von 500 Euro 10.000 mal über den Ladentisch, und 7.500 Käufer entschieden sich für die Premium-Ausgabe. „Ich glaube, wir leben davon, dass es auf katholischer Seite eben keine Alternative zu unserem umfassenden Lexikon gibt”, sagt Geppert.

Bei der TRE ist man da weniger selbstsicher. „Wir spüren den Druck von Wikipedia oder dem Online-Lexikon der evangelischen Bibelgesellschaft WiBiLex”, sagt Albrecht Döhnert. Und verweist im gleichen Atemzug darauf, welche großen Unterschiede es zwischen den „Premium-Wissensdiensten” wie der „Theologischen Realenzyklopädie” und den kostenlosen Internet-Angeboten wie Wikipedia, WiBiLex oder „wissen.spiegel.de” gebe.

Die zentrale Frage ist nur, wer für diese von Fachwissenschaftlern erarbeiteten Premium-Dienste noch bereit sein wird zu zahlen. Allerdings: Nach dem angekündigten Rückzug ins Internet gingen bei Brockhaus nicht wenige Neubestellungen für das 30-bändige, gedruckte Lexikon ein.